Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 16 (19.4.1865)
- Date
- 1865-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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260 259 kana um so weniger befremden, da doch daS ganze soziale Leben deS Israeliten in den weiten Kreis seiner Religion gehört. Seine durch Jahrtausende hindurch sich allmälig ent, wickelte Literatur ist mit seiner Religion so innig verwachsen, baß wir in ihr nur selten auf Werke stoßen, die nicht ein sittlich religiöser Geist durchweht. Mau wird eS daher natürlich finden, daß auch die ״Institution der Vorlesung" bei unseren Vorfahren Anfangs ausschließlich im Dienste der Religion gestanden hat. Die erste Grundlage für die ״Institution der Vorlesung" bietet jene Verordnung in der heil. Schrift, nach welcher alle sieben Jahre am Laubhüttenscste daS ganze Volk sich versammeln mußte — Frauen und Kinder nicht ausgenommen — auf daß sie daö göttliche Gesetz verlesen, respektive erklären-hören, damit sie — nach dem AuSdrncke der heil. Schrift — hören und lernen, und den Ewigen ehrfürchten sotten. (5 B. M. 31, 12.)*) Dieser imposanten, in Gegenwart des gcsammten Vol« keS gehaltenen Gesetzeövorlesung wird in der heil. Schrift nur zweimal ausdrücklich Erwähnung gethan: 1. Zur Zeit deS Königs Salomon, als der König aus Anlaß der Einweihung deS Tempels zu Jerusalem, im Beisein deö Volkes, jene ries ergreifende, an religiöser Duldsamkeit noch immer vnüberrroffene EinweihungSrede hielt, nach welcher, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch eine GesetzcSvorlesung stattfand (1. K. 5); und das zweite Mal — ungefähr 400 Jahre später — unter der Regierung des Königs Josijahn, alö abermals ein König, ans einer Tribüne stehend, daS göttliche Gesetz verkündet und daS Volk väirUicb ermahnt, im Geiste desselben zu leben und zu wirken. (2. K. 23, 1 — 4.) Wir würden indessen sehr irren, wenn wir der Ansicht Raum gäben, als ob außer den soeben erwähnte», oder auch alle lleben Jahre stattgchabten Gesetzesvorlesungen sonst welche zur Belehrung und Erziehung des Volkes nicht stattgefunden haben. Im Gegcnthcil müssen wir annehmen, daß aus dem Gesetze öfter gelesen wurde, um daö Volk mit dem Inhalte deS Gesetzes bekannt zu machen. Dähr in seiner ״Symbolik deö mosaischen Kultus״ sagt: ״Gewöhnlich glaubt man damit bloö das Bekanntbleiben deS Gesetzes unter dem Volke bezweckt, allein daß dieser Zweck durch eine nur alle sieben Jahre einmal erfolgende Vorlesung nicht erreicht werden konnte, versteht sich doch von selbst und der Urheber der Ver. ordnnng mußte dies so gut wissen, als wir. Ohne Zweifel ward für daö Bekanntbleiben auf andere Weise und besser gesorgt, wie sich davon auch Spuren in der Geschichte finden." Um aber die geschichtlichen Nachweise hierfür ׳ liefern zu können, wird eS zuvor nöthig sein, einige hieraus bezüg. lichen Ausdrücke in der heil. Schrift einer grammatischen Analyse zu unterziehen. Unter andern Benennungen wird den Festtagen in der heil. Schrift der Name מועדים beigelegt. מועד, dessen Stamm יער ist, bezeichnet bald den Ort, bald die Zeit, bald beide zugleich, wo und wann zwei oder mehrere Personen zu irgend einem gewissen Zwecke zusammenkommen. Wenn nun die Sab- *) Siehe Zun;'« ,Tottt-ritllsttichr Dorträge" S. 3. S. 6. balh- und Feiertage מועדים genannt werden, so muß äuge, nommen werden, daß auch unsere Vorfahren an diesem Tage an einem bestimmten Orte, irgend eines gemeinschaftlichen Zweckes wegen sich versammelt haben. Welcher aber dieser Zweck gewesen sein mochte, ist eine Frage, von deren rich׳ tiger Lösung die richtige Beurtheilung deS damaligen KultuöwesenS abhängt. — Im ersten Augenblicke dürften wir zur Annahme geneigt sein: unsere Vorfahren haben sich an Sabbath- und Feiertagen versammelt, um nach unserem jetztgen religiösen Brauche ihre inbrünstigen Gebete iu gemeinschaftlicher Begeisterung zum Himmel emporsteigen zu lassen. Wir werden aber diese unsere Ansicht sofort alö völlig uubegründet fallen lassen, sobald wir etwas tiefer in die gotteSdienstliche» Verhältnisse eingehen, die zur Zeit der ersten Tempelepoche unter dem israelitischen Volke obwalteten. Der damalige Gottesdienst bestand zuvörderst in Opferungen und dann in der Absingung religiös-sittlicher und nationaler Lieder. Die Ausführung der ersteren war aber ausschließlich den Kohaniten überlassen, und mit letzterer waren wiedcrum die Leviten betraut; mithin konnte weder ErftereS noch Letzteres Ziel und Zweck der Volksversammlungen gewesen sein. Es liegt daher die Vermuthung nahe, daß daS Volk sich versammelte, um der Vorlesung aus dem Gesetze beizuwohnen, um mit dem Inhalte desselben bekannt zu werden. Diese Vermulhung dürfte in Folgendem noch nähere Begründung finden. ״Diese sind" — heißt eö (Lev. 23, 2) in Bezug auf die Feiertage — ״die Feste Gottes, die ihr "מקראי קדש" nennen sollet." Uebcr die Bedeutung des Wortes מקרא, so unzweideutig seine Etymologie auch sei, sind die biblischen Interpreten keineswegs einig. Nach einigen bezeichnet ״ :מקראVersammlung" — so OnkeloS, der eS mit ״מערע״ wiedergibt — zu welcher das Volk zusammenberufen wurde, worauf ihrer Ansicht nach die Nadir dieses Wortes deute. Nach Andern, dahin auch die Meinung MendclösohnS gehört. würde מקרא so viel als ״Fcstverkündigung" bedeuten. DaS Wort ״Festverkündigung" jedoch präzisirt keinen genau umgrenzten Begriff, indem eS ebenso für ״feierliche Verkündigung", als auch für ״Verkündigung der Feier" genommen werden kann. Unserer Ansicht nach dürfte מקרא Vorlesung bezeichnen*), welche Auffassung sowol die Etymologie des Wortes, als auch die Konstruklion deS Satzes vollständig zuläßt. Der Sinn deö zitirten VerseS wäre demnach: Diese sind die göttlichen Versaminlungen, an denen ihr Vorlesungen deö heiligen (Gesetzes) Hallen sollet." In der Thal berichtet unö schon der jerusalemische Talmud: MoseS habe den Israeliten verordnet, daß sie am Sabbarh, Neumonde und an Feiertagen auS der Thora lesen sollen (Meg. 4, 1.) Die Feier der Festtage bei nnsern Altvordern bestand mithin nicht bloö — wie Manche anzunehmen geneigt wären — in bloö äußerlicher, negativer Ruhe, sondern in positiver Erhebung deö Geistes und der Seele zu Gott. — Begeistert durch Vernehmung deS göttlichen Wortes, nahm daö Volk einen geistigen Aufschwung, •) iUcrgl. dir Bcdciuuuz bitfra Wolle- 111 orr!Üriiailucu über dir Mrgilla.