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Ben Chananja · 1865-04-12 · 15 (12.4.1865) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
8 (1865)
Issue
15 (12.4.1865)
Date
1865-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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247 248 sich die Spuren ihrer jüdischen Abkunft — eiae ganze Fülle von erhabeuen sittlichen Gedanken enthält. So parodor eö kautet, so kann man doch von der Kabbala sagen, sie verwirft alle Filosofie und will doch Alles filosofisch erklären, denn Alles erklären, der Dinge letzten Grund erkennen w o U len, da ist ja doch eben Filosofie. Sie befindet sich, ohne eS zu ahnen, mit sich selbst im Widerspruche. DaS wichtigste kabbalistische Buch ist ein Kommentar zum Peuta« teuch, So har genannt. Ein sehr merkwürdiges Buch. Sprache, Inhalt, Entstehung u. s. w. Alles ist ungewöhnlich an diesem Buche. Man glaubte lange, und Mancher glaubt eS noch, baß der Thanaite, Rabbi Simon, Sohn deS Jochai, ein Schüler deS Rabbi Akiba, der Verfasser sei, wenigstens dessen Sohn oder Schüler. Nun wird aber deö BucheS währcnd eines Zeitraumes von über 1000 Jahren in keinem andern Buche erwähnt. Plötzlich in der Mitte deS 13. JahrhnndertS wird sein Dasein bekannt. Allgemein sind deshalb die Gelehrten der Meinung, daß ein gewisser R. MoseS b. Schem Tob de Leon (geb. um 1250, gest. 1308) den Sohar verfaßt habe. DaS Buch selbst gibt sich als uralt auS und wurde bei seinem Bekanntwerden gleich vielfach verbreitet. Alle späteren kabbalistischen Schriften stützen sich auf dasselbe. Ueberblicken wir nun diese verschiedenen GeisteSrichtungen, wie sie sich in den verschiedenen Auslegungen der Bibel ausgeprägt haben, so halten wir eS kaum für möglich, daß dieselben in einander fließen und sich miteinander vertragen konnten. Gleichwol geschah dem also. Nur die Menschen sind auöschließend, die Ideen sind friedlich und verträglich. Jede GcisteSrichtung hat ihr Wahres, aber auch ihren irrigen Zusatz, dessen Absonderung durch den Hinzutritt einer an« deren bewirkt wird. Niemals darf darum der wahre Forscher unduldsam gegen eine bestimmte von der!'einigen abweichende GeisicSrichtung sein. Der gewaltige Strom der Kultur setzt seinen Lauf unaufhaltsam fort. Fragen wir unS nun zum Schlüsse noch, welcher Geisteörichlung wir zu folgen haben und in welchem Verhältnisse diese zur Auslegung der Bibel stehe; so liegt am Tage, daß wir in ein ganz neues Stadium der Entwicklung gegetreten sind. Wir sind nnü deS Unterschiedes zwischen dem allgemein Menschlichen und speziell Jüdischem klar bewußt. Wir sehen für Letzteres auch jetzt noch die heilige Schrift als dessen Wurzel an, auS der eS entsprossen und worin eS fest stehen muß, um sich selbst zu erhalteu; wir sehen aber auch ein weltgeschichtliches Gebiet vor unS, welches Alleö in sich schließend, immer weiter fortschreitend sich entwickelt und in welchem eine für uns angemessene, für das Ganze segensreiche Stellung einzunehmen, unser Bestreben sein müsse. Wir sind auch jetzt noch Träger ewiger Ideen, aber nicht mehr in der Weise, wie wir eS früher waren. DaS Buch der Weltgeschichte liegt gleichfalls vor unS aufgeschlagen. In beiden zu lesen, beid? verstehen zu lernen, muß dem. Israeliten der Gegenwart eine Lebensaufgabe sein. Wenn darum der früher bestandene Gegensatz auch heute noch nicht ganzerloschen ist, ein Unterschied ist wahrnehmbar und in diesem konzentrirt sich auch der bedeutsamste Fortschritt. Auch der strenggläubigste Jude wird heute nicht I mehr die griech. Bibelübersetzung als etwas Unglückliches bezelchnen, oder den More Nebvchim deö Rambam als ela ketzerische- Buch verurtheilen, oder die Zulässigkeit deS Lesens der apokryphischen Schriften in Frage stellen, oder Mendelssohns Uebertragnng der Bibel inS hochdeutsche für etwas Gefährliches halten, oder überhaupt die Beschäftigung mit andern Wissenschäften verpönea wollen. Vielmehr sind auch die Männer der Stabilität*) zu der Einsicht gekommen, daß das Judenthum von der Wissenschaft und Betheiligung an den Fortschritten der Kultur nichts zu besorgen habe. Noch vor kaum 40 Jahren hatte der gelehrte Reggio mit seiner Thora vnd Filosofie großen Anstoß erregt; heute wird seine Nachweisung, daß die Wissenschaft keine verbotene Frucht für den Juden sei, als gänzlich überflüssig betrachtet. Wie groß auch der Gegensatz noch immer sein mag, seine Beschaffenheit ist nicht mehr die von ehemals. In der Ausgleichung dieses GegensatzeS, ohne daß die Religion in ihrem Wesen eine Deräuderung erleidet, besteht aber die große Bevorzugung derselben vor allen übrigen Religionen, die nicht hoch genug anzuschlagen ist, und von jedem gewürdigt werden sollte. Ob ich in der Voraussetzung, daß die Behandlung dieses Gegenstandes ein größeres Interesse für das Nerständniß der Bibel und ein regeres Verlangen, deS eigenen Volkes Geschichte und Literatur kennen zu lernen, bewirken werde, mich nicht getäuscht habe — die Zeit wird es lehren! Für heute kann ich eS nur wünschen und Gott im Himmel darum auflehen. Die Wligkeii dkl Alliance israelite. Don Hermann Brill. Mit Recht wurde in dem ebenso gelehrten als geist׳ reichen Aussatze: ״über daS VereinSwesen in Israel" der großartigen Leistungen der ״Alliance israelite“ erwähnt, vor unS liegt der ProtokollS-AuSzng auS den Sitzungen deS ZentralkomitäS ddo. Paris, 1. März 1865. Jeder Israelite, dem die Ehre seines Stammes, die politische Lage der bis an die äußersten Enden der Erde versprengten Glieder der Gemeinde JakobS und die Fortschritte der Zivilisation über- Haupt am Herzen liegen, muß sich ob solcher überraschender Resultate gehoben fühlen. Im Ganzen wurden dieses Jahr vier Sitzungen abgehalten, bei den ersten beiden präsidirte Herr L. I. KönigSwarter, korrespondirendeS Mitglied der Akademie — bei der letzten Herr Ad. CrSmieur, Advokat und vormaliger Minister. Nicht weniger als 268 Mitglieder haben abermals ihren Beitritt erklärt, und von wo, auS welchen Zonen und Regionen sind diese! Da finde» wir die Bekenner deS einzigen Gotleö aus Moskau, Petersburg, Genf, Tunis, Jerusalem, Venezuela, Bagdad, Aleppo, Belgrad, Salonichi, Korfu, Marokko, Alerandriä, Tanger, Rio de Janeiro, San Frau» ciöco, Oregon und Newada — kurz, von allen Punkten deS Erdenrundes kommen immerfort einzelne und kollektive Beitrittserklärungen und wenn diese Sympathien in immer steigender Theilnahme sich kundgeben, darf die Tragweite als unermeßlich bezeichnet werden. ES steht mit Zuversicht zu erwarten, daß dieser Verein, der in seinen echt humanen Tendenzen einzig in der Geschichte dasteht, selbst die widerstrebendsten Geister in Israel zur lebhaftesten Theilnahme anspornea muß. *j Di» Bezeichnung Oitbolorit aU Gegensatz zur Reform iS in jfbrr Beziehung falsch. Der Gegensatz zur Reform ist tir Stabilitst«.

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