Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 14 (5.4.1865)
- Date
- 1865-04-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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229 230 an einen Widerstreit gar nicht gedacht wurde. Diese Geistes» richtnng, in solcher Weise sich ausprägend und so lange Zeit ungeschwächt sich erhaltend, findet man in solcher Weise bei keinem andern Volke der Erde wieder. So seltsam dieses klingt, so leicht erklärlich ist eS. Alle Völker der Erde sind in ihrer Kindheit oder EntstehnngS- und EntwicklnngSepoche Bekenner deS HeidenthumS, Verehrer der Naturkraft als oberster Gottheit und huldigen in den vielen einander scheinbar widerstreitenden Kräften der Vielgötterei. Mit jedem Fortschritte der sich entwickelnden Vernunft entstand und entwickelte sich der Zwiespalt zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Vernunft und Aberglaube. Der Fortschritt deS GeisteS wendete von den heidnischen Göttern sich ab, und die Verehrer der letzteren dagegen stießen jene GeisteSthätigkeit von sich. Wollten die Völker ihre Religionen erhalten, so mußten sie gegen jede geistige Aufklärung sich stämmen und selbst zu Grunde gehen; wollten sie sich erhalten, so mußten sie, der Vernunft Gehör gebend, von ihren Göttern lassen und gestehen: sie seien Trug und Lüge. Die Priester wollten daS erstere, Cie Filososen erstrebten daS letztere. Der auflösende, zersetzende Zwiespalt war unvermeidlich. Ganz anders aber daS jüdische Volk. Seine GotteSidee, die erhabenste Vernu.lstidee, die eS giebt, war nicht bedroht von der fortschreitenden geistigen Entwicklung, sondern bedurfte dieser, um ersaßt zu werden, und war von der stärksten Anregung zu dieser Entwicklung. Auch die zur Bewahrung der GotteSidee gegebenen Gesetze, die zur Verehrung eineö unsichtbaren einzigen und einigen Gvtleö bestehenden KultuSeinrichtnngen, die von der Könige deS Weltalls geforderten Huldigungen durch Befolgung der Gesetze, der Sittlichkeit und Menschenliebe, auch dieses Alles statt mit der Vernunft im Widerspräche zu stehen, war ihr so angemessen (כי היא הכבלתכם וביגהכש ונר*) daß je mehr diese sich vervollkommente, desto mehr jene verstanden wurden, einlenchteten, naturgemäß erschienen und wo wäre da der Anstoß gewesen, eine Wirkang hervorzubringen, wie sie für jedes heidnische Volk unverweidlich war und ist? AuS dem Wahne deS Götzendienstes heranSgerissen und zur Besinnung gekommen, vernünftiger geworden, ward daö jüdische Volk erst gläubig und religiös. Der fromme Jude, diesen Satz stellt der Talmud selbst ans, muß nothwendig auch ein vernünftiger sein, und schon um dieses Grundsatzes willen, sellte jeder veruünfte Jude auch ein frommer sein! So naturgemäß indessen diese beglückende GeisteSrichtung deS jüdischen Volkes, der Gegensatz mit seinen Kam« pfen und — setzen wir hinzu — seinen Segnungen war auch ihm beschieden. II. In den ersten Jahrhunderten schon, in welchen die eben geschilderte GeisteSrichtung, theilS iu Palästina, theilö in Babylon großartige Schulen ins Leben ries, deren ausschließliche Beschäftigung in der Auslegung der Bibel be< stand und welchen wir, abgesehen von den vielen verloren gegangenen literarischen Schätzen, die noch erhaltene talmu- 2. V. 3. >M. 4. 6 bische Literatur verdanken, entstand in einem andern Laude,׳ wohin wol schon vor, aber gewiß in sehr großer Anzahl! nach Zerstörung deS Tempels viele Juden gekommen waren:! eine neue GeisteSrichtung, die sich auch wiederum in einer neuen Auslegung der Bibel ausgeprägt und erhalten hat. Es ist dieses die unter dem Namen רמו bekannte symbolische oder allegorische Auslegung, welche später ln der Geschichte der Menschheit eine sehr große Rolle zu spielen au-ersehen war. ES verhält sich damit folgendermaßen: In Aegypten wohnten sehr viele Juden und namentj lick in der von Alexander erbauten und seinen Namen tra-! genden Stadt Alerandrien. Schon dieser große Weltbeherr-! scher hatte die Bildung seiner griechischen Heimat nach; Aegypten übertragen, aber noch mehr war dieses unter dessen! Nachfolgern, den Freunden der Wissenschaft nnd besonders der griechischen, den Ptotlemäern, der Fall. Bekannt ist fa j die große alerandrinische Bibliothek, bekannt auch die große j zahlreiche jüdische Gemeinde mit einer Synagoge, wo neben 1 dem Vorbeter ein Mann mit einer Fahne stand, um den; entfernt Stehenden das Zeichen zu geben, wann Amen zu ׳ sagen sei. Die Juden in Alerandrien redeten die griechische Z Sprache, wie der größte Theil der alerandriuischen Bevölke- 1 ru«g, und eigneten sich, wie daS bei den Juden in allen; Zeiten und allen Ländern der Fall war, auch die Bildung! derselben an. Bekannt ist ferner, daß Einer der Ptolemäer, ob der Gründer der Dynastie, Ptolem. Lagt, oder dessen Sohn Ptolem. PhiladelphnS, worüber die Meinungen gethellt sind, lassen wir dahingestellt, eine Uebersetzung der heiligen Schrift ins Griechische veranstaltete, die Septuaginta genannt. WaS die Veranlassung dazu war und in welcher Weise die Nebersetzung zu Stande kam, worüber sehr interessante zum Theil sagenhafte Berichte vorhanden sind, ist hier nicht weiter j auSznführen. Aber in einem Lande, dessen Fürst für die Her-; stellnng einer griechischen Bibel sorgte, mußten die Juden j ohne Zweifel sich sehr heimisch fühlen und an der Bildung deS Volkes lebhafte Betheiligung an den Tag legen; dieses um so mehr, alö die damals herrschende griechische Filososie, nämlich die Platonische, nicht nur eine Verleugnung der Prinzipien deS heidnischen Götterglaubens und schon dadurch! den Juden sehr zusagend war, sondern an sich Ideen ent« i hält, welche den Lehrsätzen der jüdischen Religion so sich anschließen, daß man sie als verwandte betrachten kann. Wie hätten, solchen Jd.rn Eingang zu gestatten, die Juden io Alerandrien widerstehen können? Hierzu kommt noch, daß die alerandriuischen Juden größlentheilS dahin auögewandert, als die palästinensische GeisteSrichtung kaum erst begonnen hatte, daß die Verbindung zwischen Aegypten und Palästina, wenn auch gewiß niemals unterbrochen , doch keineswegs s eine <0 lebhafte und innige war, daß der palästinensische | Geist in der Weise sich bewähren konnte, wie dies in Palästina der Fall war. Man studirte darum den Plato, befreundete sich mit seiner Filososie, war aber doch Jude genug, sich von ihm nicht zur Untreue gegen die Bibel unk ihre Grundideen verleiten zu lassen. Den Gegensatz zu ver- £ Mitteln, war mau aber bestrebt, und es entstand eine Bibel- 1־