Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 14 (5.4.1865)
- Date
- 1865-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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227 228 nehmen und ans der Höhe der Zeit stehend, furchtlos und unverzagt fortschreitend, ein Gesetz der Entwicklung wahrnehmend, über die Erscheinungen der Gegenwart ein ganz anderes, nicht leichtfertiges, aber um seines Ernstes willen anregendes und um seiner Anregung willeu beruhigendes Urtheil fällen. So sieht mancher die Verschiedenheiten in den GkisteSrichlungen der Angehörigen unsere- Glaubenals ein Zeichen drS Verfalls desselben an. Der Kenner der Geschichte weiß aber dieses Zeichen ganz anders zu deuten, und ihn erfüllt seine Deutung mit Zuversicht und Freude. Meine Voraussetzung wird sich darum hoffentlich auch nicht tänschen, daß Ihnen ein Dortrag: Ueber die verschiedenen Geistesrichtungen der Vorzeit, wie sie in den verschiedenen Auslegungen der heiligen Schrift ausgeprägt sind, kein ganz unwillkommener Dcstandlheii unserer Feier sein werde, wenigstens bei denen nicht, welchen bei der Feier des StiflungötageS Wahl und Mahl nicht die Hauptsache sind. ES ist ein reichhaltiger Stoff hier zu bewältigen und ich weiß recht wohl, daß eS unmöglich ist, ihn in einem Vortrage ihn zu erschöpfen; aber ich hoffe, wenn auch nur auf kurze Andeutungen mich beschränkend, Ihnen ein interessantes und für die Gegenwart lehrreiches Bild auS der jüdischen Vergangenheit vorzusühren. ES haben die Alten vier verschiedene BibelanSlegnngöweisen angenommen und sie mit einem Worte benannt, welches höchst bezeichnend ist. Sie nannten sie ס״רר״ס ParadicS. Gewiß war auch die heilige Schrift unseren Altvordern lange Zeit ihr einziges Paradies auf Erden, die einzige Stätte, wo sie lustwandeln dursten, und lustwandelten im frohen Selbstgefühl, aller Sorgen sich entschlagend und sich trotz der Leiden und Verfolgungen, die das Leben ihnen zur Hölle machten, sich glücklich preisend. Aber so passend und bezeichnend auch die Wahl dieses Wortes durch besten Bedeutung ist, so hat bei besten Anwendung doch noch ein anderer Umstand mitgcwirkt, daß nämlich diese vier Buchstaben, ans welchen סררם besteht, auch die Anfangöbuchstaben der vier verschiedenen AuSlegungSweisen sind, in welcheu sich zugleich die verschiedenen Geisteörichtungen auögeprägt finden. I. Die Auslegung der heiligen Schrift wurde bekanntlich früher nicht uiedergeschrieben, durfte nicht niedergeschrieben werden, sondern sollte, mündlich überliefert von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzen. Der Tert der heiligen Schrift sollte die Grundlage bilden, dessen Auslegung aber lebendig und eben dadurch frei sein. Sie war übrigens eine ganz eigenthümliche, nicht willkürliche, aber auch nicht vermöge bestimmter Glaubenslehren erzwungene. Sie basirt auf gegebenen, traditionell vorhandenen JuterpretationSmaßregeln, 13 an der Zahl, und ist selbst in unseren Gebetbüchern zu finden unter dem Namen מדות r\ Daß wir aus der langen Zeit von der Offenbarung bis zur Abfassung der Mischua keine schriftlichen Auslegungen der Bibel besitzen, ist hie׳nach er-, . kärlich. Die veränderten Zeitverhältnisse machten eS aber nothwendig, daß jene Bestimmungen aufgehoben und auch die Auslegungen niedergeschrieben wurden. Die ältesten derselben sind nebst der Mischna: die Mechiltha, der Sifra, der Sifri und die Thosephta. Ueber Inhalt, Zeit der Abfassung und über deren Verfasser mich weiter zu verbreiten, gestattet mir die Zeit jetzt nicht und ich bemerke nur, daß die Mechiltha ein Kommentar zum 2. Buche, der Siphra zum 3. und der Siphri zum 4. und 5. Buche der Thora sei, die Mischna und Thosephta dagegen Resultate der Auslegung, nicht diese selbst enthalten. Wie wurde nun damals die Bibel erklärt und auögelegt? Nicht sprachlich und ereg,tisch, sondern sachlich und praktisch. Man suchte für jede Frage, deren Beantwortung für daS Verhalten oder das Verständniß de- Lebenerforderlich war oder werden konnte, die Antwort in dem biblischen Tcrte. Wie man hierbei verfuhr, kann ich nicht ausführlich schildern, ich müßte denn ein ganzes Buch schreiben und Ihnen vorlesen. Für unfern Zweck sind auch einige wenige Bemerkungen schon ausreichend. Außer der in jeder Logik anerkannten Schlußfolgerung a minori ad majus oder umgekehrt und außer der im Leben unentbehrlichen der Analogie (.־יקש) wurden zwei bei verschiedenen gesetzlichen Bestimmungen vorkvmmendrn gleichlautenden Wörter als eine Hinweisung betrachtet, ihre Vorschriften zur gegenscitigen Ergänzung anzuwenden (נ״ש). Icke Wiederholung, jedes überflüssige Wort, jeder überflüssige Buchstabe, ja selbst jede Verstärkung durch etwaige Betonung deutete mau und schöpfte hieraus Belehrung. Man staunt, wenn man diese Erklärungen liest, über diese bewnnderöwürdige kindliche Pietät einerseits und andererseits über den großartigsten Scharfsinn, der in diesen AnSlegungen wie leuchtende Blitzstrahlen, ausflammt. Man staunt über den tiefen, sittlichen Ernst, mit welchem auch daö Kleinlichste so sorgfältig er« wogen wird, als ob daö Bestehen dcö Universums davon abhinge, während zugleich nicht engherzige Verstimmung, sond>>rn ein lebendiger, frischer Humor wie FrühlingSluft Alles durchweht. Man sieht im Geiste die Männer mit hoher Stirne und schneeweißen Haaren, so tief durchdacht und reiflich erwogen ist Alles, und fühlt von der fast mütterlichen, weichen Besorgniß um HauS und.Familie den sanften Blick, der hierbei voll Liebe auf die Umgebung gerichtet ist. Man wird aber auch empört über die Ignoranz und Arroganz derjenigen, . welche die großartigen Geistes- Produkte jener Zeit verhöhnen und ohne sie zu verstehen, oft ohne sie nur zu kennen, ein wegwerfendes Urtheil sich aumaßen. Wol war die Geisteörichtung eine von der heutigen verschiedene, doch ist sie nicht nur eine ehrwürdige, sondern auch eine noch heute für nnS sehr beachtungSwerthe und wichtige. Man kann nämlich die Geistesrichtung, die sich in allen diese» bis zu den Zeiten der Geonim und noch später entstandenen und verfaßten Auslegungen zu erkennen giebt, mit wenigen Worten als diejenige bezeichnen, welche vernünftig gläubig eines Gegensatzes zwischen Denken und Glauden, Vernunft und Religion sich noch gar nicht bewußt war. Die Bibel war daS einzige Buch, welche» über Alle» Belehrung bot und in Allem daS Rechte vorschrieb: *הסוךבהוכי Die Vernunft wurde weder beherrscht von dem Glauben, noch dieser von jener, den beide waren so ganz ein-, daß