Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 4 (25.1.1865)
- Date
- 1865-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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63 iי' _ /}./.׳׳; , ־ ■ ׳ Angelegenheiten ihnen selbst überlassend. Ein Organismus, dem jeder belebende Strahl von Außen entzogen wurde, meinte man, müffe am Ende zum starren Körper werden, iu dem alles Leben schwindet. Eia solcher müffe mit seinen eigeothümlichen Anschauungen, Sitten nud Gefühlen, untergehen, und seine Regeueration und Verjüngung nur in dem großen lebeudigen StatSkörper, in dem er aufgeht, suchen. Dieses System der Gesetzgebung, daS wir als daö der Bedrückung bezeichnen, und welches den Stempel der Ungerechtigkeit an der Stirue trägt, und nur bei einer geistig und sittlich ganz verkommene-.: Nation hätte zu dem gewünschten Ziele führen können, mußte bei einer nicht nur von HauS auS kulturfähigen, sondern bis zu einem gewissen Grade intellektueller und sittlicher Bildung gelangten, obschon durch Jahrhunderte als vaterlandöloS behandelten Nation, wie eS daS Judenthum war, ihr Ziel verfehlen. Die Absicht der Gesetzgebung wurde nicht erreicht. Man konnte den Iuden daS Vaterland rauben, man konnte sie aber nicht alS Juden vernichten. Der gemeinsame Druck knüpfte sie nur noch fester aneinander. Für daS, waS die Außenwelt ihnen versagte, suchten sie Ersatz in ihrem Glauben. Sie flüchteten sich in daS Gebiet der geistigen Forschung und religiösen Selbstbeschauung, das ihnen, wenn auch verkümmert, doch nicht genommen werden konnte. Aber die Jsolirtheit, in die mau sie drängte, die dadurch fortwährend genährte Erbitterung erzeugte Haß auf der einen, Verachtung auf der ander» Seite. Nur wenige waren eS, welche die Erniedrigung nicht zu ertragen vermochten, und durch die Taufe die Schranken zu durchbrechen suchten, die sie von den übrigen StatSangehörigen absonderten, und die ihnen entzogene Freiheit im Christenthume wieder zu erlangen strebten. Der bei weitem größere Theil lebte in seiner Abgeschiedenheit fort, wie ec eö eben konnte. Der zweite Weg, den die Gesetzgebung in Betreff der Juden zur Erreichung ihres Zieles einschlug, war der der Aufklärung, der während der kurzen Josefinischen Regierung mit großer Zuversicht und löblichem Eifer angebahnt wurde; ein System, daS durch die Toleranz- »nd Judenpatente jener Zeit verwirklicht werden sollte. DaS Judenpatent für Böhmen war der erste großartige Schritt deS edlen, von wahrhaft humaner Gesinnung durchdrungenen großen Kaisers, um die mittelalterliche Absonderung deS jübischen Stammes zu beseitigen und wurde von den Juden mit großem Jubel begrüßt. In der Absicht desselben lag eS, durch Regelung deS UnterrichtSwesenö, durch Gründung eigener Schulen, durch Zulassung jüdischer Jünglinge zu allen höher» Lehranstalten, durch Gestattung der Erlangung ge« lehrter Würden, durch Eröffnung neuer Erwerbszweige, so durch die Erleichterung deS Verkehrs nach Außen die ^Juden den Christen näher zu bringen, mit den Sitten und ^.geselligen Formen derselben näher vertraut zu machen, damit ^fle auS dem engen Kreis ihrer eigenen Anschauungen, aus dcr.. durch Jahrhunderte lange Absonderung genährten Befangeuheit hcrauStreteu. Mau glaubte, die Aufklärung sei das wirksamste Mittel, um die Juden von ihren religiösen Jrrthümern zu überzeugen; die Fackel der Wissenschaft sei die ״-. ,: f. 64 Leuchte, die ihren Geist erhellen, fie für die Wahrheiten de- ChristenthnmS empfänglich machen und fie massenhaft dem Christenthume zuführev würde. Demgemäß wurde den jüdische» Kindern der Besuch deutscher Schulen zur Pflicht gemacht, den israelitischen Jünglingea wurden die ihnen bis dahin verschlossen gebliebene» akademischen Hörsäle geöffnet, die Erlangung akademischer Grade zugestanden und die Errichtung von Fabriken und industriellen Etablissements den Juden freigestellt. Aber auch dieser Weg führte ebensowenig, wie die frühem Erklusivgesetze auS Jahrhunderte lang geübten Uo« terdrückungen zu dem beabsichtigten und mit Sicherheit erwarteten Ziele. Doch der Same der Humanität, den die Gesetzgebung auSgestrcut, war kein verlorener, kein vergehlicher. Er brachte nicht die erwartete, aber eine andere Herrliche, reife Frucht hervor. Die erlangte höhere Bildung führte die Juden zur Kenntniß und Würdigung ihrer eigenen Zustände, der innigere Verkehr mit ihren christlichen Mitbrüdern zur Verdesserung ihrer Sprache, zur Annahme feinerer nnd freierer Manieren und äußerer Umgangsformen im öffentlichen, wie im Privatleben, zur zeitgemäßen, den ästhetischen Anforderungen, wie den religiösen Bedürfnissen entsprechenderen Gestaltung ihres öffentlichen Gottesdienste«; die ihnen gestattete freiere Bewegung im Verkehr, im Handel und Wandel zur Entdeckung neuer Zweige der Industrie und der durch den Besuch höherer Schulen erweiterte WissenSkreiS und in dessen Folge geweckte höhere wissenschaftliche Sinn zur tieferen Ergründnng und Erforschung der eigenen, dem bis dahin fast ausschließlich mit dem Talmudstudium beschränkten jüdischen Gelehrten verborgen gebliebene» zahlreichen, mitunter sehr bedeutenden Quellen, welche eine selbstständige jüdische Wissenschaft schufen, von der man noch vor einem halben Jahrhundert keine Ahnung hatte, und die nun selbst von den christlichen Gelehrten nach Verdienst gewürdigt und in den Kreis ihrer gelehrten Studien mit einbezogen wird. Die Juden haben die isolirte Stellung, iu der sie sich bisher befanden, aufgegeben, sie sind aus der ausschließliche» Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen herauSgetreten. Die Religion legte ihnen auch kein Hinderniß in den Weg, ihre thätige Theilnahme auch den statlichen Interessen zuznwenden und gute StatSbürger zu werden. So ist daS Indenthum, daS durch Jahrhunderte ohne Schein wahren Le, benS, ein erstarrtes Stück der Weltgeschichte mitten in der Dewegnug desselben blieb, die, wie ein neuerer Schriftsteller sich auSdrückte, nicht die Einheit deö Lebenö, sondern die gleichgiltige Einerleiheit deS TodeS aufrecht erhielt, zum Bewußtsein deS lebendigen Daseins gelangt, welchein den scheinbar erstarrten Körper wiederkehrte, und gegenwärtig den ganzen Organismus durchdringt. Die Scheidewand, welche zwischen Juden und Christen bestand, mußte fallen, die Spuren ehemaliger Ausschließung und Unterdrückung begaanen immer mehr und mehr zu schwinden und immer allgemeiner machte sich die Ueberzeugung geltend, daß die Zeit herangekommen sei, in welcher die Judenheit Oesterreichs durch ihr Aufgehen in die nationale und politische Eristenz