Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 8 (1865)
- Issue
- 1 (4.1.1865)
- Date
- 1865-01-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zum ״Wen GhananKa" Nr. L. Die MeilMaiiWalion, der dpafmuti itnti die serbWe 30amaG|)i(L ES gibt Wahrheiten, die, einmal entdeckt und gefunden, für alle Völker ״nd alle Zeiten entdeckt und gefunden sind. Sie brauchen nicht wiederholt vercheidigt und gerecht« fertigt zu.werden, weil Niemand einen Widerspruch dagegen erhebt, und kein Zweifel daran sich vernehmen laßt. Hieher gehört die glückliche Klaffe von Wahrheiten, die keinem Vor« urtheile entgegentreten, kein Interesse beeinträchtigen, keine Kaste verletzen. Dem Pythagoräischen Lehrsätze kam niemals ein Apologet zu Hilfe, weil derselbe niemals bestritten wurde. Dem Kopernikanischen Weltsysteme warb schon diese Gunst deS Geschickes nicht zu Theil. ES wurde als Ketzerei bestritten und verworfen. Suchte ja noch im vorigen Jahrzehcnt ein Dr. Schöpffer zu beweisen, daß die Erde stille stehe, und fuhr ein irischer Bischof, Mac Eullen, fort, die Lehre von der Bewegung der Erde als teuflische Lehre zu verdammen. Am längsten währt der Kampf, bis die wahre Erkenntniß auf dem Gebiete der politischen Wissenschaften und der praktischen Legislatur zu einen allgemeinen Siege gelangt. Wahrheiten, die in einem Lande von gehobener Knltnr längst in daS Fleisch und Blut der Bevölkerung gedrun« gen sind, müssen dort, wo die Kultur noch im Werden ist, dem Verständnisse erst nahe gebracht werden. Die Unduldsamkeit verschiedener Glaubensbekenntnisse gegen einander wird unter gebildeten Nationen verabscheut; minder gebildete Völker können sich mit der Duldsamkeit nicht leicht befreunden. Solchergestalt muß der Kamps für Wahrbeil und Gerechtigkei! aus jedem ueucn Terrain von Neuem beginnen, wobei cö unvermeidlich ist, sich auf die Widerlegung von Jrrlhümer» »nd Vorurtheile» cinzulassen, die auf dem Standpunkte wahrer Europäischer Kultur längst überwunden wurden. Daher die ungeheure Verschiedenheit, die sich in der Behandlung der Juden, ihrer Religion und Literatur, zu erkennen gibt. Frankreich schließt den Handelsvertrag mit der Schweiz erst ab, nachdem die Schweiz sich entschließt, ihre bisherige, die Juden ausschließende Gepflogenheit ganzlich anfzngeben. Die französische Akademie der Wissenschaften setzt einen Preis auf die Zusammenstellung des Geografischen und Historischen, daS sich im Thalmud über Palästina sindet. Hier ist Kultur, Toleranz, Humanität. Der ״Sbetovid", ein in Belgrad erscheinenceS serbisches Blatt, will die Ausschließung der Juden von dem bürgerlichen Rechte aufrecht erhalten wissen, weil die Juden den Thalmud nicht ausgeben wollen. DaS ist Fanatismus, Roheit, Barbarei. Der ״Sbetovid" sagt: ״Waö unS betrifft, so können wir nur so viel sagen, daß wir erst dann für die Gleich« stellung der Juden stimmen werden, wann die Bildung keine seltene Erscheinung, kein Eigenthum Einzelner sein, sondern in die ganze Masse deS Volkes gedrungen, und die Juden bewogen haben wird, sich vom Thalmud loSzusa« gen." Also in die Masse der serbischen Juden muß vor Allem die Bildung gedrungen sein! Ist denn aber die Bll« düng in der Masse deS serbischen Christen so einheimisch geworden? Diese Frage hätte sich der ״Sbetovid" vorlegen müssen, bevor er sich über die Bildung seiner jüdischen Landsleute erpektorirte. Ich hatte im Jahre 1863 Gelegen« heit, mit einem vielseitig unterrichteten, aufgeklärten und toleranlen Serben zu reisen. Dieser sagte mir unverhohlen, daß Serbien'S Fortschritt auch deshalb hinter den Erwar« tungen der erleuchteten serbischen Patrioten »nd deS edlen Fürsten von Serbien zurückbleibe, well die Masse deS Bol« keS noch auf einer tiefen Bildungsstufe steht. Nach seiner Versicherung ist die bet weitemt überwiegende Mehrzahl des serbischen Volkes des Lesens nich kundig. Der ״Sbetovtd* befleiße sich also, viel Bildung unter den serbischen Christen zu verbreiten. Die Juden, deß kann er versichert sein, werden nicht zurückblelben. Die Bildung der Juden allein reicht aber nicht einmal hin, dieselben dem Wohlwollen deS ״Sbetovid" za empfehlen. Um Gnade in seinen Augen zu finden, müssen die Juden feierlich dem Thalmud entsagen. Der Thalmud ist ihm ein furchtbar gefährliches Buch! — Der fanatische Haß gegen den Thalmud ist aber nicht neu, er kann sich eiueS Alters von Jahrhunderten rühmen. Ein gelehrter katholischer Mit« arbeiter dieser Blätter, Herr Dr. AloiS Müller in Wien, hat, wie sich die Leser deS ״Ben Chananja" wol noch erinnern, Beiträge zur Leidensgeschichte deS ThalmudS geltesert*); die Bemerkungen, mit welchen dieser Orientalist die von ihm mitgetheilten Aktenstücke begleitet, sollte der ״Sbetovid" aufmerksam lesen. Wir wollen ihm hier nur über die ihm sicherlich unbekannte Quelle deS bittern Hasses gegen den Thalmud befriedigenden Aufschluß geben. Diese Quelle ist in der Geschichte der SchristanSlegung zu suchen: Die altchristliche Eregese ging von der Voraussetzung anS, daß die Anerkennung deS Alten Testamentes nothweu« digcr Weise zur Anerkennung deS Neuen Testamentes führen müsse, indem sich ja jenes zn diesem wie Verheißung zur Erfüllung verhält. Dieser Voraussetzung stand aber daS Judenrhum entgegen! Wie kommt eS; fragten sich die Kirchenlehrer, daß die Inden nicht vom Alten Testamente zum Neuen hingeführt werden? WaS macht sie so verstockt, daß sie den Worten ihrer eigenen Profeten nicht trauen? Wer verblendet sie so sehr, daß sie daS hell leuchtende Licht nicht sehen? Daraus gab eS nur Eine Antwort: der Thalmud! Wäre dieser nicht, müßten sich alle Juden der christlichen SchristanSlegung zuwenden und bekehren! Da die Inden den Thalmud sehr hoch hielten, so lag eS ziemlich nahe, die Quelle ihrer angeblichen Verblendung nnd Halsstarrigkeit im Thalmud zu suchen. Ein Umstand hätte die gehässige Eingenommenheit gegen den Thalmnd entwaffnen sotten. Von Zeit zu Zeit traten nämlich auch christliche SchriftauSleger auf, welche ohne aus die thalmudische Literatur zu achten oder dieselbe auch nur zu kennen, dennoch Grund genug zu haben glaubten, von der herkömmlichen Erklärung der messianischen Pro« fezeiungen abzuweichen. Diese Erscheinung zeigt« unzwei« deutig, daß die kirchliche Eregese auch manchen christlichen Forscher nicht befriedige. Anstatt aber im Lichte dieser Ersahrung die Juden milder zu beurtheilen, beschuldigte man die betreffenden christlichen Eregeten der geheimen Hinnei« gung zum Judenthum.' Ich weiß nicht, ob der ״Sbetovid" in der Kircheageschichte bewanden ist. Ich glaube aber vorauSsetzeu zu dürfen, daß er den Namen des TheodoruS, Bischofs von Mopsuhestia in Cilizien (gest. 428) nicht jetzt zum ersten Male liest. Die Geschichte dieses Bischofs gehört nicht hie« her. Wir haben nur Folgendes hervorzuheben. TheodoruS genoß als SchriftauSleger im ganzen Oriente eineunbegrenzte» Ruhmes; die Syrischen Neitorianer nannten ihn schlechthin den Ausleger. Da er aber nur drei oder vier meffiantsche Psalmen zuließ, in der Auslegung der meffiaatfche» Weissagungen sich sehr den Juden näherte und so weit eS seine Kenutnisse und Hilfsmittel zukießen, des hebräische» Bibeltert zu Nathe zog. wurde er auch der Hlnnelgung zu« Judenthume verdächtiget, so daß sein Schuyredner Fakua- •) Sieh» ,Den ö&atuni«* 5 Jabkg. S. 112. 20C 295. 1