Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1864-11-23 · 47 (23.11.1864) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
47 (23.11.1864)
Date
1864-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2542917-2543121-2543169--3968-2547883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

943 . Sehr segensreich wirkt ferner der Pariser jüdische Handwerkerverein. Derselbe hat zur Aufgabe: 1) arme ist. Knaben, namentlich solche, welche die israelitischen Primärschulen besuchen, in die Lehre zu geben; 2) den VereinSzög* lingen eine monatliche Unterstützung zukömmen zu lasten . 3) über dieselben eine thätige und wolwollende Aufsicht zu führen; 4) ihnen in wolorganisirten Abendschulen die entsprechende intellektuelle Ausbildung zu geben, und 5) auch den׳ freigesprochenen Jünglingen schützend und stützend an die Hand zu gehen. Durch ein derartiges Fürgehen hofft der Verein ״daS allmälige Aufhören der Kolportage und des kleinen Haustrhandels unter den armen Juden von Paris herbeiführen zu können." Solcher Vereine, welche die Linderung wie immer gearteter Noth anstreben, gibt eS in Paris außer den erwähnten noch eine ganze Menge, und doch repräsentiren dieselben nur einen kleinen Bruchtheil der Gesammtmildthätigkeit, welche von der Pariser jüdischen Bevölkerung öffentlich oder privat geübt wird. Was aber die Pariser jüdische Wohlthätigkeit und Zweckdienlichke it, vermöge welcher der Empfänger nicht nur für den Moment dem Elende entrissen, sondern wo möglich in den Stand gesetzt wird, sich selbstthätig fort — ja oft emporzuarbeiten. Daher auch die häufige Erscheinung, daß begabte israelitische Jünglinge, die zu Hause kaum ein kärgliches Almosen beanspruchen durften, eS in dem praktisch mildthätigen Paris bald zu Bedeutung^und Geltung gebracht. Zur Ergänzung des Bildes von dem Pariser jüdischen Vereinswesen mögen Hier noch .flüchtig die Looiötä äs Talmnd-Torah und die Socißtö des 6tudes talmudiqües ש״ס הברה Erwähnung finden. Zur Charakteristik der Pariser Juden noch Folgendes. ES ist allgemein die Meinung verbreitet, daß״ der Pariser Jude bereits vollkommen in das Franzosenthum aufgegangen. ES ist dies aber im Großen und Ganzen unrichtig. Die französischen jüdischen Gelehrten sind durchweg klassisch deutsch gebildet und sprechen deutsch ebenso gut, wo nicht besser, als französisch. Was die Handeltreibenden Juden anbelangt, muß man die sefardischen Ursprunges von den übrigen unterscheiden. Erstere sind in der That bereits zumeist gallisirt, letztere aber sprechen zwar auch alle besser oder schlechter französisch, unterhalten sich aber gerne unter einander in einem eigenthümlichen deutschen Idiom. Kinder hingegen, so viel ich deren auch deutsch angesprochen, antworteten mir in der Regel : je dg comprends pas ca mon- 8ieur. Auch die Namen der französischen Juden sind zum weitaus größten Theile deutsch, (wie dies der Fremde insbesondere auf den Friedhöfen erkennt) doch werden ihnen oft Buchstaben ein- oder augefügt, damit sie französisch klingen. ' 944 WaS die Religiösität anbelangt, scheint dieselbe, wie überhaupt in größeren Städtenmehr der" ärmeren Klaffe und dem Mittelstände eigen zu sein, wenigstens habe ich in den Gotteshäusern die patricii majorum ASutjuw gar nicht vertreten gesehen. Nichtsdestoweniger gehörtder GlaubekSabfall inmitten der Pariser Juden zu den Seltenheiten. Ob der Staatsminister Fould noch zu uns gehört, könnte ich, so viel mir auch daran gelegen war, nicht eruiren. Herr Albert Cohn versicherte mir übrigens, daß er noch vor einigen,Jahren am Sterbetage seiner Eltern ein Minjan bei sich zu versammeln Pflegte, um das Kadischgebet sprechen zu können. Daß in den Tempeln bei gewissen Feierlichkeiten ein, die Armuth verletzender LuruS getrieben wird, ist neulich in diesen Blättern getadelt worden. Dieselbe Erscheinung tritt aber auch auf den Friedhöfen zu Tage, wo ganze Gaff.׳n monumentaler Grüfte die stolzen Namen der Kants Laaves zeigen, während die jüdische Armuth so zu sagen in ein eigenes Todten-Ghetto verwiesen ist. An diesem Uebelstaud trägt übrigens auch die Stadtkommune Schuld, da für einen Platz L pärpstuitö eine nur für den Reichen erschwingliche Tare zu entrichten ist. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, auch , des Grabmales der Unsterblichen Künstlerin Rachel zu erwähnen. Dasselbe befindet sich gleich am Eingange des jüdischen Gottesackers mit Pöre-Lachaise und macht sich besonders dadurch bemerkbar, daß es nichts, als das das einzige Wot ״Ra ch el" als Aufschrift trägt. Die Sitte, jüdische Gräber mit Kränzen zu zieren, ist meines Wissens, auch nur Paris eigen.*) Nun lieber Leser, habe ich Dir getreulich widergegeben, was ich entweder selbst erfahren , oder fremden Mittheilungen entnommen habe. Ich hatte zwar die Absicht über Köln, Berlin und Dresden ähnliche Berichte zu veöffentlichen, aber unabweisliche Berufsgeschäfte gebieten mir zu meinem Leidwesen, auf halbem Wege stehen zu bleibe». Sollte ich 'indeß wieder freie Hand gewinnen, verspreche ich, (wenn anders das gesammelte Material bis dahin sich-nicht überlebt), die zurückgelassenen Lücken auszufüllen. Lo rresponden). Inland. r— Wien, 18. November. (Zu Pinslers Tod.) Das Datu» von Pinslers Sterbetag, welches auchin diesen geschätzien Blättern Nr 46 als der 17. Oktober genannt ist, ist in sofern zu berichtigen daß dieser nach der altruffischen Zahl angegeben ist, er entspricht de» LS. Oktober LS. Tischri (בר^<ה N2V). *) Auch in manchen ungarisch-jüdischen Gemeinden ist diese Sitte einheimisch. B. CH. 1, 433 - Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.