Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 45 (9.11.1864)
- Date
- 1864-11-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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895 8,96; Es gibt viele Geheimnisse, welche man nicht merkt, weil sie offenbar sind; sie bleiben aber immer Geheimn tsse, weil man sie nicht erklären kann. ״Ich fühle — sagt Faust — als hatte ich zwei Seelen rc. rc." Genau genommen hat jeder Mensch zwei Seelen. ES verliert sich dies in das Dunkle des Herzens eines jeden Einzelnen, und es zieht dieses Geheimniß durch die Weltgeschichte von einem Gefolge von Thatsachen begleitet, welche abwechselnd einem weinenden Heraclit und einem lachenden Demokrit reichlich Beschäftigung gewahren, und wo noch reichlicher Raum für Verachtung gelassen ist. Als F a n st diese Entdeckung in sich machte, hat er sich selbst gewundert; als die Welt dieses von ihm vernahm, hat sie sich darüber gewundert. Und das Geheimniß als solches war so lange bekannt, nur nicht gekannt.9) Es begegnet uns mancher Gedanke in Seneca, welcher, genau genommen, ein Geheimniß ist, aber er ist von Seneca nicht in geheimnißvoller Weise ausgesprochen. Möge der folgende Satz als Probe des Gesagten dienen. ״Du wunderst dich — sagt derselbe —3) daß der Meusch zu Gott gehet, Gott kömmt zum Menschen." Es war dies von jeher das Geheimniß der Menschheit, welches in sehr verschiedenen Formen erschienen ist. Daß diese Worte des Seneca auch in einem Bibelvers enthalten stnd,^) macht dieselben historisch noch interessanter. Bei den Arabern waren allerlei Geheimnisse in Umlauf. Allegorisches, Theosophisches, Traditionelles haben sich als solche zuweilen ausgegeben.. Salomo ben Gabirol hat beiden Arabern Ge- Heimnisse mancherlei Art vorgefunden. Man darf an die S ufis erinnern, welche in den überschwänglichsten Gefühlen schwelgten, und im Besitze unaussprechlicher Geheimnisse sich dachten, und welche oft auch die unüberschreitbare Linie des Vernünftigen weit hinter sich ließen, und so dem gesunden Verstände Anlaß zu Aergerniß gaben. Es darf hier nur I b n H a l l a g genannt sein, welcher menschlich frech, wenn auch wolmeinend die Worte aussprach: .״Ich bin die Wahrheit",3) welchen Ausspruch er auch mit seinem Leben bezahlte, du man diesen Ausspruch gotteslästerlich fand. ״Niemals — sagt Seneca3) — ist der Weise mehr in Thätigkigkeit, als wenn er göttliche und menschliche Dinge vor seinem Geiste hat." Es ist dieses ein interessanter Spruch, welcher zugleich das Maß der Dinge enthält. Der soeben genannte arabi- ') Bei der Betrachtung der Sprüche des SertinS wird davon die Rede sein. ף Als Gegensatz bietet sich folgende talmudische Phrase zur Vergleichungdar. (Sche ma th rabba Kap. 19) לבי אך|ך TW# אלא ״ — שיהא עסוק בחורה בתמות—Mache mein Herz eins, daß es sich in Einfalt mit der Lehre beschäftige." DaS Bild von zwei Herzen (שמ לבבות) findet sich sonst noch im Talmud und Midrasch- Vergleiche unter andern Schic ha schirim rab bah zu dem Verse לבבתני אחותי יג׳. a) SeneeaS Briefe Nr. 73. 4) Man erinnert sich des שובו אט ואשובה: אליכם ,!ג׳• > fi) Wir haben bereits in diesen Blättern (1861 S. 52) einiges über diese Worte,umitgetheilt. Vergl. auch Sharastani S. 417, (deutsche Übersetzung) sowie auch D'H erbe tot Art. Hallage. °) Briefe Nr. 68. sche Schwärmer — diesen Namen hat er wol verdient — hat das Maß überschritten, und hätte vielleicht von göttlichen Dingen mit mehr Rückhalt gesprochen, wenn er von menschlichen mehr gewußt hätte. Der Geist des Ben Gabirol ging zwar, spekulativ und gefühlvoll wie er war, etwas nach dieser Richtung hin, er wußte aber dennoch, seine Ueberscbwenglichkeit — von Verstand geleitet — in den gehörigen Grenzen zu halten. Die Talmudisten haben — wie bekannt — oft viele Bibelstelleu, unabhängig von ihrem eigentlichen Inhalt, anwendungsweise spielend als Träger allgemeiner Gedanken gebraucht.3) Man könnte auch sagen, daß ihm und den übrigen jüdischen Filosofen die biblischen Worte vorgeschwebt haben mochten: (Prov. 30, 31) ״ ומל^ אלקום עמו (יDer König, kein Stehen ist bei ihm." Einfach ausgedrückt heißt dieses: keine Kreatur darf sich vermessen, sich mit dem Schöpfer gleichstellen zu wollen. Gott ist über alle menschliche Begriffe erhaben. Ein anderer arabischer Filosof sagte: ״die menschliche Veruuuft ist ein Jrrthnm." s) Dieses ist vielleicht nach der andern Seite hin etwas zu übertrieben. Der Gedanke an und für sich selbst aber bietet reichlichen Stoff zum Nachdenken dar. Beide Sprüche sind trotz ihres Gegensatzes von einer höhern Stimmung diktirt. Ein großer Redner beherrscht das Ohr seiner Zu- Hörer. -In lautloser Stille lauscht alles schweigend seinen Worten. °) Das Ohr ist willig, das Gedächtniß aber ist schwach. Die allzugroße. Fülle ist oft auch eine schwere- Bürde. Das Wort ist flüchtig. Das Ohr ist willig, aber nur für einen Augenblick. Es hört, es ist dieses alles. Es sind nur die kleinen spitzigen Gedanken, welche wie Blitze ins Gemüth einschlagen. Das andere geht — um das gewöhnliche Sprüchwort zu gebrauchen — zu einem Ohr herein nnd zum andern heraus."3) Die angeführten arabischen Sprüche sind zwar nicht, für alle Welt bestimmt , in dem Kreise aber , wo sie zuerst ausgesprochen worden sind, mochten sie wohl großen Eindruck gemacht haben, was sie übrigens noch heute thun, gleichviel, ob sie wahr sind oder nicht. Diese zwei an-, geführten Sprüche sind, trotz ihrer iunern ganz entgegengesetzten Verschiedenheit, dennoch Kinder einer Höhern Stirnmung, welche nach dem Hohen der filosofischen Spekulation ihren Flug nahm. Der praktische Werth derselben ist zwar nicht so in die Augen fallend, wie eine gewöhnliche Sentenz, aber auf einer gewissen Linie begegnen sie sich mit dem Praktischen. ' Alles wiederholt sich nur im Leben des Einzelnen; so wie auch in der Geschichte. Die Anschauungen des christ-׳ licben Moltnos wiederholen die des arabischen Hallag. Der Molinismus, welcher gegen, das Ende des 17. 7) Maimonides heißt dieses על צר — Vergleichs dessen Kommentar Aboth II zu den Worten.לא הביישן למר• Ueber' das Wort מליצה vergleiche unser Schi re Schlemo S. 76. Diese- על צר המליצה ist identisch mit dem oft vorkomenden Auödruch Tn-'.׳ צהות vergl. auch darüber unser Schice Schlomo. ' ׳ °) Bergt. Raschi zu Sanhedrin S. 82, wo da-?8 in: אלקרס als der arabische Artikel ״Al" erklärt wird. ÄSist׳ dieses vielleicht nicht uninteressant zu bemerkend ׳ ׳ - - .m ")Vergl. D!Herbelot Art. Diu. . - *