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Ben Chananja · 1864-10-26 · 43 (26.10.1864) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
43 (26.10.1864)
Date
1864-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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849 850 Herrlichkeiten der Residenz und ermahnte mich, nur recht zeitlich aufzustehen, damit ich dieselben mit der nöthigen Muße bewundern könne. Schlag sechs Uhr Morgens war ich. denn auch schon auf den Beinen, um eine Wanderung durch die Stadt vorzunehmen. Nachdem ich das Schloß, den Königsbau, die Schillerstatue und die angrenzenden, wohlgepflegten Promenaden besichtigt hatte, fand ich, daß mein die Residenz hochpreisender Wirih nicht so ganz unrecht hatte. Im Cafö Marquard machte ich endlich Halt, wo ich mich durch einen echt deutschen sogenannten Blümchenkaffee erwärmte. Hier erfuhr ich durch die gesprächige Kassterin, daß es in Stuttgart sehr viele Juden gebe, daß dieselben sehr reich seien, und daß sie in der Spitalstraße einen sehr schönen Tempel haben. Ich folgte der angedeuteten Richtung, um den Tempel aufzusuchen und dem Gottesdienste (es war gerade Samötag) beizuwohnen. Der Stuttgarter Tempel zählt in der That zu den schönsten, die ich auf meiner Reise zu sehen Gelegenheit hatte. Eine eingehende Beschreibung dürfte nur den Fachmann intereffiren, es genüge zu wissen, daß derselbe im maurisch-byzantinischen Styl gehalten, vorn von zwei prächtigen Kuppeln überragt, aus- und inwendig mit entsprechenden luxuriösen Ornamenten versehen, vom Architekten Arnold im Jahre 1863 erbaut worden ist. Gleich beim Eintritte fiel mir auf, daß der Vorhang vor der h. Lade nur die aus zwei Worten bestehende Aufschrift: קדש הקדשים hat; daß sämmtliche Anwesenden rein und festlich gekleidet , aber mit Ausnahme des Rabbiners und des Kantors keiner einen Talith trug, und daß hier von jenem Gesumme und Geschwätze nichts zu entdecken war, das den Gottesdienst selbst vorgeschrittener jüdischer Gemeinden leider noch immer verunziert. Der Kantor, mit einer vollklingenden Tenorstimme begabt, steht ganz allein vor dem einfachen und doch geschmackvollen Amud; der Chor hingegen aus der wohlgeschulten weiblichen Jugend und vier oder fünf kräftigen Männerstimmen gebildet, ist völlig hinten, vor der oberhalb des Eingangs in der Franengallerie postirten mächtigen Orgel iu zwei Reihen ausgestellt. Die Melodien, die ich zu hören bekam, erinnern in nichts an unsere mit chasanischen Reminiszenzen gewürzten Weisen; gleichwol muthen sie den Hörer an, als hätte er sie bereits einmal im Traume, oder in einer geistigen Verzückung vorbeirauschen gehört und erfüllen ihn mit einem unaussprechlichem Gefühl überirdischer Sehnsucht und süßer Wehmüthigkeit. WaS mich ferner überraschte, war, daß die שבעה קרואים gar nicht gerufen wurden, sondern in einem gegedenen Momente auf einmal den Almemor bestiegen, hier auf den für sie bestimmten Taburetö Platz nahmen nnd von da aus der Reihe nach vor das Sepher traten. Die Hastara wurde von dem Rabbiner, und zwar deutsch vorgetragen. Nach dem Einheben fand Predigt oder vielmehr Erhörte statt. Der berühmte Rabbiner, Kirchenrath Dr. Josef Maier, knüpfte in derselben an die laufende Sidra — סרשת כי תצא — an, und nahm unter anderem Veranlassung von der Gefährlichkeit mancher Damenlektüre zu sprechen, die an und für sich ganz unverfänglich scheint, in ihren Konsequenzen aber sich als verderblich erweist. Während des Vortrages beobachtete ich die Zuhörerschüft ebenso aufmerksam, als den Redner, hatte aber Ursache mit beiden zufrieden zu sein. Der Rabbiner sprach nämlich so ungezwungen und jeden rhetorischen Vortheil geschweige Berechnung derart verschmähend, daß man eher die treuherzigen Ermahnungen eines liebreichen greisen Vaters an seine Familie, als einen Redner zn hören glaubte; die Gemeinde aber lauschte den kunstlosen Worten des Rabbi in Pietätvoller lautloser Stille, wodurch das Allereinfachste eine eigenthümliche Weihe empfing. Ueberhaupt muß ich es bezeugen, daß die Stuttgarter Gemeinde sich während des ganzen Gottesdienstes einer Haltung befliß, wie ich sie noch nirgends in einem Gotteshause wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Mit einer fast automatischen Unfehlbarkeit erhebt oder setzt sich die Gemeinde da, wo die vom Rabbiner verfaßte Liturgie das Eine oder das Andere anbefiehlt; mit derselben Pünktlichkeit fällt die Gemeinde da in die Intonation des Regenschori ein, wo es am Platze ist; alles dies geschieht aber nicht, wie wenn es Dressur, sondern Folge geläuterten Ordnungssinnes und andächtiger Seelenerregung wäre. Nach Beendigung deö heiligen Aktes suchte ich den Herrn Rabbiner in seiner Wohnung auf, um ihm zu dem gewiß nur mit vieler Mühe und Energie zu Stande gebrachten herrlichen Gottesdienste mein Kompliment zu machen. Nach einigen bescheidenen Ausflüchten gestand er mir, baß es in der That ein schweres Stück Arbeit war, ja, daß er noch immer zu kämpfen habe. Was ihm indeß die Aufgabe wesentlich erleichterte, war der Umstand, daß seine Gemeinde fast ganz neu, da sie sich binnen der letzten zehn Jahre mehr als verfünffachte. Wir kamen sodann auf die Gährungen und Strömungen des ungarischen Judenthums zu sprechen, bei welcher Gelegenheit der Herr Rabbiner eine ungewöhnliche Kenntniß unserer Zustände entwickelte, die er,.wie er mir versicherte, zum großen Theile der Lektüre des ״Ben Chananja" verdanke. Außer der Bekanntschaft deö Herrn Rabbiners nachte ich noch die anderer unterrichteter Jsraeliten in Stuttgart, als deren Ergebniß in Bezug auf dortige jüdische Verhältnisse ich Folgendes mittheilen kann. Die jüdische Gemeinde Stuttgarts zählte noch vor zehn Jahren nicht mehr als 50 Familien, heute zählt sie deren bereits nahezu 300. Der Wohlstand der Gemeinde ist fast ein allgemeiner, so daß es im Schoße derselben nur wenig oder gar keine Armen gibt. Der Zuzug aus der Umgegend

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