Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 42 (19.10.1864)
- Date
- 1864-10-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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843 Das, daß dieses Volk, 180V Jahre verfolgt und in der Welt herumir« rend, seinen geschichtlichen Namen behielt , heute lebt und allenthalben Bürgerrecht gewinnt. Nach noch einmal 1800 Jahren kaNn daS Volk Israel wieder ein ruhmvolles, freies Vaterland haben. Das Volk, das Charakter besitzt, das die Sitten, den Glauben, die Gesetze seiner Väter Nicht anfgibt. kann unglücklich , verfolgt sein; aber niemals, niemals kann es untrrgehen!" - - ׳ Neutra, am 7. Oktober. Die geehrte Redaktion dieses Blattes hat ihre gütige Aufnahme allen Schulberichten zugesagt; demnach glauben wir, daß ein treuer Bericht über die Zustände der hiesigen Knaben- und Mädchenhauvtschule den geehrten Lesern dieses ge« schätzten und vielvcrbreiteten Blattes nicht unwillkommen sein werde. An der hiefigen Knaben- und Mäbchenhauptschule haben die JahreSprüfungen am 25. September begonnen »nd am 6. Oktober ihren Abschluß genommen. Die erzielten Resultate haben ungetheilten Beifall, sowohl bei den Vertretern des Kultus- und Schulvorstandes als auch bei den Eltern und sonstigen PrüfnngSgästen gefunden, und wurde in allen Klassen den Lehrern Dank für ihren Fleiß und ihre Leistungen ausgesprechen. Dem hebräischen Unterrichte wird hier besondere Sorgfalt zugewrndet und haben die Lehrer Kraus und Wollner in den obern Klassen Rühmliches hierin geleistet. In diesem Jahre freqnentirten 271 Knaben und 121 Mädchen unsere Schule. An den Knäbenklaff.n wirkten: Aut. Rajz, Ariel Ncuhut, Ad. Rechnitz — an welchem strebsamen jungen Lehrer unsere Schule im vergangenen Schuljahre eine tüchtige Lehrkraft für die ungarische Sprache gewonnen — Markus Wollner und Eman. Erben. An den Mätchenklassen: Moriz Lakner »nd mit ihm noch Eman. Erben, Adolf Rechnitz und Markus Wollner/ Die Leitung der Schule ist seit 3 Jahren in die Hände des Drs. M. Lövinger gelegt, welchem Ehrenamte er mit allem Elfer, mit Umsicht und vielem Geschicke obliegt. Ferner haben wir eineu diesjährigen Fortschritt für unsere Schule zu registriren. Am 24. Mai inspizirle der k. Oberstudiendirektor, Herr I. Barton, die Schule, wo er mehr als 2 Stunden verweilte und nach Beendigung der Inspektion wurde der Direktor und der Lehrkörper zur Abhaltung einer Konferenz in seine Wohnung eingeladen. Am Schluffe derselben sprach Se. Hochwürden sich dahin ans, daß als Akt der Gerechtigkcit den Lehrern , die solch ErsprieSlicheS leisten, ihre Stellung von der hohen LandeSbeliörde gesichert werde. Ungesäumt gieng nun unier wackerer Kulmsvorstehcr, Herr Moriz Gerstl, der um das hiesige Gemeinbewesen viele Verdienste sich erworben, vorzüglich aber für daS Wohl der Schule unablässig thäiig ist, an dieses schöne Werk, und im Monate Juli wurden allen Lehrern Aufnahmsdekrete von Seite der hohen Landesbehörde eingehändigt. Zwei der Lehrer, ReligiouSlehrer Kraus und Erben, Lehrer der 4. Kiiabeuklaffe wurden, da sie daS Probetricnnium bereits nberstandeu, dcstuitiv und die andern Lehrer mit Einhaltung der drei Probejahre angestellt. Besonders verdient noch als. nachabninttgswürdig hervorg»hoben zu werden, daß unser hochgeehrter Knlluövoist'her, geleitet von der Ueberzeugung, daß der Lehrer, an dem sich im wirklichen Sinne des Wortes bewährt: תאכל in seinem unermüdlichen Berufseifer nur dadurch gestärkt werden kann, wenn Sorgen um die Zukunft ihm nicht seine gegenwärtige Mühe noch erschweren. mündlich daS gütige Versprechen gegeben, aus Gemetudemiltelu die hier angestellten Lehrer bei einer Assekuranz insoweit zu versichern, daß dieselben bei einer etwa eintretenden Dienstunfähigkeit entsprechend versorgt sein sollen. Dies berechtigt »ns zur Hoffnung, daß unsere Schule einer schönen und segensreichen Zukunft entgegengeht, wozu der Nlliiiäcbtige seinen Beistand verleihen möge, Bolechow, im September. Nach einer beinahe zweijährigen Unterbrechung will ich nun wieder, geehrtester Herr Redakteur, Ihnen etwas aus unserer Gemeinde mittheilen. Erwarten Sie aber , darauf muß ich Sie früher aufmerksam machen, nichts Erfreuliches weder über Schule noch Synagoge, mir ward ein derartiges Los, seitdem ich für die Oeffeiitlichkeit schreibe, nicht beschieden; darum Halle ich oft mit meinen Berichten zurück Jetzt aber kann und darf ich nicht mehr schweigen. ich Muß das Geschehene der Oeffeiitlichkeit übergeben , damit diese den FanattSmus der Cbassidim genau zu würdigen wisse. Die hiesige deutsch-israelitische Schule, unter Schmerzen geboren, wandelt beinahe ein Dezennium ihre dornenvolle Bahn, edle und berufsirene Männer als Leiter und L-Hrer dieser Anstalt haben ihr mit Aufopferung ihre Kräfte geweiht, ohne daß die Fanatiker ihre schulfeindlicheu Tendenzen ausgegeben hätten. So oft glaubte man die Schule eingebürgert, unter deren heilsamen Schatten sich bald die Jugend der getammttn Gemeinde lagern und des heilsamen Unterrichtes genießen wird; da weht auf einmal wiederum eisiger Nordwind mit fanatischen Dünsten geschwängert, und droht die Schule, diese zarte Blume der ZivUisatton, die nicht zur galizischen Flora! gehört und aus dem von der Sonne der Aufklärung wenig beschienenen Boden nicht gedeihen kan», zu vernichten. Trotz des so langen Bestandes dieser Anstalt, haben die Fanatiker, deren Zahl hier mit jedem Tage größer wird, den Gedanke», dieselbe zu'stürzen, noch nicht aufgegeben, und wühlen auf jedemögliche Weise, um endlich mit den Trophäen. der besiegten. Schkole vor dem gewaltigen Zadik zu erscheinen, damit er für sie den. papiernen Segen, der in der gegenwärtigen. Handelskrise ihnen etwas, abhanden gekommen, erflehen. Durch diese beständigen Wühlereien haben sieeS so weit gebracht, daß die Schule größteniheils von Mädchen besucht wird, von Knaben aber nur in sehr geringer Anzahl, nnd auch diese gehört der ärmsten, so zu sagen, brodlosen Volksklaffe an, die. von der. Schule mit Büchern und Kleidungsstücken versehen werden müssen» und selbst diese wenigen Knaben werden von dem Melamdim derart beeinflußt, daß sie, gleich nach Erhalt der Spenden, der Schule den Rücken zuwcnden, und ans diese Weife ein Sakrilegium an dem Gute' der Schule begehen. Bei der öffentlichen zweiten Semestralprüfung hat der anwesende Herr Bezirksvorstchcr I. GlükShorn, der von der hohen Statthalterei zum Oberaufseher der Schule ernannt w»rde, den schlechte» Schulbesuch wahrgenommen. Er forderte daher die Schule aus, ihm einen Ausweis der schulfähigen Kinder vorzulegen, welcher verfaß! und der Behörde übergeben wurde. Es stellte sich nun heraus, daß die hiesige israelitische Gemeinde über 500 schulfähige Kinder zähle, wovon kaum 70 die Anstatt besuchen.. Der Herr Bezirksvorsteher, der nun wol wußte, daß es schwer sein würde, sämmtliche schulfähige Kinder zum Schulbesuche zu verhalten, brauftragte den Referenten, den Ausweis zu modifiziren. In Folge dessen strich Referent aus dem Ausweise all diejenigen Knaben, deren Ellern als fanatische Chaffidim bekannt sind, und lieber alle Strafen des Gesetzes erleiden würden, als ihr Söbuchen *) derSchmad überliefert zu sehen, und überreichte den gestutzten Ausweis der Behörde. Bevor aber die Eltern der ausgewiesenen Kinder durch Strafen zum Schulbesuche verhalten wurden, wollte das töbl. k. k. Bezirksamt auf Antrag der Schule einen kürzer« Weg einschlagen. Es wurden nämlich die daselbst weilenden Melamdim**) vorgeladen und ihnen im Sinne des §. 470 der politischen Schulvcrfassung bedeutet, keinen Knaben zum Talmndunterrichte aufzunehmen,, bis er sich durch einen Aufnahmsschein über den Schulbesuch legitimirt haben wird; die dagegen Handelnden haben Geld- und Ärreflstrafrn zu gewärtigen. Dieser Auftrag goß iinn Oel in die unter der Asche glimmende Flamme des Fanatismus, der, wie eine Lava, Feuer speiend ausbrach und Alles zu vernichten drohte , was für die Schule ist. Besonders hat der Monat Elul vieles zur Schürung dieser Flamme beigetragen; denn bekanntlich sucht jeder galizische Inderin diesem Monate mehr Frömmigkeit als je zur Schau zu tragen. Wer das ganze Jahr so manches Gebot übertrat, verpuppt sich in diesem und dem darauffolgen Monat Tischri in einen eifrigen Frömmler (Chaßid), legt mit dem gewöhnlichen Kaftan und Filzhut auch sein AlltagSgesicht ab, und setzt zum Zeichen der Frömmigkeit und chaßidischer Gesinnung den Spodek*) auf, und eilt, beladen mit dem vollgepfropften Sacke, der eine ganze Literatur kabbalistisch-liturgischer Werke enthält, mitunter frühen Morgens in die Schwärmerklause, wo er so manches Ctündlein außer dem Gebete mit Rezitiren von Psalmen und Mamudeö zubringt, um beim Himmel, den er die im Laufe des Jahres etwa begangenen Sünden vergessen machen will, ein gutes neues Jahr auSzufoppen. Auf diese Weise glaubt Jeder dem lieben Gott eine Nase zu drehen. So kocht und siedet es im *) Mädchen opfern selbst die hartnäckigsten Chaffidim der Schule, weil sie dadurch ihre Knäblein loSznkaufen wäbnen. Die Gründer der Schule haben dies vorauSgejehen und in der Dotations-Uikunde festgesetzt, daß diejenigen Eltern, die Mädchen und Knaben haben, auch die Knaben in die Schule schicken müssen, wenn sie die Mädchen daselbst ausgenommen wissen wollen. In diesem Sinne wird auch jetzt oorgegangen. **) Es besteht hier, sowie in alle» galizischen Städten eine große Anzahl Melamdim, die beträchtliche Summen verzehren. Von jedem Schüler, deren er gewöhnlich 10 hat, bezieht der Melamed für einen Semester 20-25 fl. ö. W. außer den üblichen Neumondsgeldern und andern Emolumenten, ohne daß die Jugend nach einer 10—12jährigen Dauer etwas Nützliches erlernt hätte, indem dieselbe nicht einmal der hebräischen Sprache mächtig find, geschweige profaner Kenntnisse. Für diese Summen könnte man lieber höhere Bürgerschnlen, wo auch des Talmuds und der hebräischen Sprache gepflegt werden könnte, errichten. *) Spodek ist eine Art runder Pelzmütze, kegelförmig, aber nach oben etwvö zulaufend.