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Ben Chananja · 1864-09-28 · 39 (28.9.1864) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
39 (28.9.1864)
Date
1864-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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783 784 Da habe ich nun vor mir die zusammengestoppelten Gebetbücher der Hamburger, Berliner und der Würtembergischen Gemeinden, dann die Gebetbücher der hochgelehrten Herren Doktoren Präger, Maier und letzt, nach langem Warten, hat uns auch ״das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" ein ״Neues israelitisches Gebetbuch" von Doktor Ludwig Philippson bescheert, das auf 549 großen Oktavselten uns auftischt, was, wie, wann und wo ein deutscher Israelit oder eine deutsche Israelitin beten soll. Ich würde mir schon die Zumuthung gefasten lassen, wenn nur in diesem wohlbeleibten Gebetbuche die Prinzipien- und Charakterlosigkeit nicht gar zu schamlos ausgeprägt wäre. Wenn ich noch in Deutschland wäre, ich würde wie ein Blitz unter jene Heuchler fahren und ihnen die Maske vom Gesichte reißen. Ich wohne aber in Cincinnati und meine Stimme erreicht meine betrogeneu Landsleute im alten Vaterlande nicht; ich kann mich also bloS ärgern über die Heuchelei und Charakterlosigkeit derer, die ich für ihre FortschrittSbcstrebungen so hoch achtete und dem amerikauischen Publikum׳ im günstigsten Lichte vorstestte. ״Wehe euch Hirten, die meiner Schafe Weide zu Grunde richten und zerstreuen! spricht der Ewige." Die geehrten Leser, denen ich so oft und so brüderlich Freudiges und Schmerzliches mitg׳.׳theilt, werden es mir verzeihen, wenn ich einige Ursachen meines AergerS ihnen mittheile, da ich die Absicht habe, sie und die Reform gegen den Wust neumodischer Gebetbücher zu schützen Wir wollen statt der ganzen liturgischen Literatur die jüngste Erscheiuung auf diesem Gebiete, das Philippsohn'lche Gebetbuch einer nähern Betrachtung unterziehen, nicht weil ich dieses für schlechter halte, sondern weil es das neueste ist, weil es auf Kosten des Institutes, also auch auf meine Kosten veröffentlicht wurde, und endlich, weil der Herr Verfasser zum Schluffe der Vorrede die Lehrer Jseaels bittet, ihn mit Bemerkungen über dieses Gebetbuch zu versehen. Für die zweiten Feiertage (י׳ט שני) ist nicht nur im Philippson'schen Gebetbuche, sondern in allen andern gut gesorgt, selbst in dem der Berliner Reformgemeinde findet sich ein ״Morgengottesdienst für den zweiten Tag des Roschhaschanahfesteö." — Zn Philippson's wohlbeleibtem Gebetbuche finden wir nicht nur für den achten Tag des Peßachfestes und den zweiten Tag vom achten Tag, des Schlußfestes vom Schlußseste, (o Unsinn!) wohl gesorgt, sondern er hat auch den zweiten Schab nothtag reichlich bedacht. Der Schabuotht a g ist dem Rhein- Hebräischen entnommen, am Jordan gab es kein solches Wort. Die Heuchler, die den zweiten Feiertag selbst in der Rabbinerversammlung abgeschafft haben, geben uns doch eine Feiertagsliturgie dafür, damit das Buch sich wahrscheinlich besser verkaufe. Wer mit der jüdischen Literatur Deutschlands bekannt ist, der weiß, was die Herren in den letzten 25 Jahren und besonders ui den letzten sechs Monaten über oder vielmehr gegen das Meffiasdogma geschrieben, ja sogar geeifert haben. Hätte ich es nicht mit diesen meinen Augen gesehen, ich würde es nicht glauben, daß dieselben Herren iu ihren Gebetbüchern dem Volke Gebete für die baldige Ankunft des Messias, baldige Rückkehr nach Palästina, Erbauung des Tempels zu Jerusalem und Wiederherstellung des Opferkultus vorschreiben. Wen diese schmachvolle Heuchelei nicht entrüstet, der hat kein Herz für Israels heiliges Erbe. Dieselben Herren haben den Stab über die Clevelauder Konferenz und den Minhag America gebrochen, und der Minhag America ist doch ein Jahrhundert dem ganzen Wust voraus, ohne die streng jüdische Form auch nur verletzt zu haben, und ist durchweg prinzipiell. Die Clevelander Konferenz hat Grundsätze aufgestellt nnd das konnten jene grundsatzlosen Herren nicht vertragen. Was nur die Orthodorie. die Hirsch. Lehmann und Konsorten von jenen Reformschwindlern haben will? Sind nicht ihre Gebetbücher charakterlos genug» selbst in der Mainzer Zudenschule eingeführt zu werden? Die Orthodoxen find boshafte Menschen, fie verleumden ihre eigenen Genossen. העושים מעשה ומרי ומבקשים שכר כפנחס Wir klagen die Herren Gebetbücher machenden, verbessernden und ausbefferndcii Doktoren nicht des Mangels an Talent an, unter dem vielen Wust finden sich auch recht treffliche Sachen. Freilich fehlt ihnen der Psalmenschwung, die orientalische Begeisterung und Bildersprachedie so mächtig zum Herzen sprechen, und der greinende, winselnde, sröm. melnde Pietistenstyl ist dem Judenthume und dem Juden ganz fremd. Freilich fehlte es ihnen nnd besonders dem Herrn Doktor Philippson an talmudischem Wissen, um die der Orthodoxie angehörigen Begriffe immer recht aufzufaffen und darzustellen, und dann sieht die neumodische Orthodoxie aus, wie das symbolisirte Ereb Tabschilin des Herrn Doktor Hirsch. Freilich find z. B. folgende Stellen lächerlich: — ״Gebet am Grabe des Gatten. Hier, hier hat man das Glück meines Lebens hineingesenkt, verscharrt, mit Rasen bedeckt! u. s. w. Grausames Schicksal, das mrin Leben verödete," u. s. w. Als ich das las, dachte ich ganz gewiß, das gute Weib fängt Händel mit dem lieben Gotte an. Sie sagte zwar Schicksal und nicht Gott, aber da ich das Wort Schicksal in einem jüdischen Gebetbuche nicht zu deuten vermochte, dachte ich, die meint Gott nnd spricht vom Fatum. Ein Peßachabend beginnt mit den Worten: ״In den weiten, theils üppig fruchtbaren, theilS wüsten Ebenen zwischen dem Euphrat und Tigris erstand unser Urahn, ein Fürst der Hirten und selbst Hirt." Ist das nicht sehr lehrreich? Man betet und studirt dabei Geographie. Das heißt der Wissenschaft dienen. Nur begreife ich nicht, wie Abraham in den üppigen, fruchtbaren und wüsten Ebenen erstehen konnte. Der muß eine entsetzlich große Wiege gehabt haben. Das Schabuothgebet beginnt: ״Siebenmal sieben Tage soll gezählt werden vom ersten Tage des Peßachs an, und dann das Fest der Wochen gefeiert werden. (Das zweite ״werden" ist ein RemeS wahrscheinlich). Ein Fest der Weizenernte im heiligen Lande, wo nunmehr die reichen Garben geschnitten, gebunden, auf die Tenne gebracht, ausgedroschen und geborgen waren". Bravo, Herr Doktor Philippson! Sie dienen nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Agrikultur. Den Passus hätten Sie mich sollen schreiben lassen, ich bin selbst Oekonom nnd hätte Ihnen sagen können, daß keine Garben geschnitten werden. die entstehen erst durch's Binden; ich hätte Ihnen gerathen, sich nicht mit ausgedroschenem Stroh zu Plagen und es zu borgen; auch hätte ich Ihrer reichen Phantasie mit vielen paffenden Worten in Bezug auf ernten, dreschen und aufspeichern zu Hilfe kommen können, da ich, wie gesagt, selbst Oekonom bin. Auch bin ich nicht damit zufrieden, daß der Herr Doktor Philippson aus dem Schabnoth ein Frühlingsfest macht, ״in den Landen, wo wir wohnen", da wir in Cincinnati am Schabuoth schon eine fast unerträgliche Hitze haben und in New-OrleanS ist'S noch schlimmer. Oder sollte ״in den Landen" bloS das zerrissene Deutschland bedeuten? Zum Glücke hat der geehrte Verfasser am zweiten Peßachtage schon den Lenz ä la NikolaS Lenau besungen; er hat also für alle Welt gesorgt. Am achten Peßachtage aber wird er gewaltig flach in der Poesie. Er fingt: ״Kommt des Festes letzte Stunde, Rufen wir den Herrn noch an; O daß Segen deinem Munde Für uns Flehende entrann." Die letzte Zeile entrinnt dem Versmaß, dem Sinne und dem Flehenden. Zur Entschädigung beginnt das Schabuothgebet sehr poetisch. ״In der Mitte einer ausgedehnten Halbinsel erhebt sich dieser Berg (Sinai) in mehreren Gipfeln zur majestätischen Höhe, von der man einen unvergleichlichen Fernblick über Felsen, Schluchten, Wüsten, Triften und das Meer hat." Ist daö nicht ein lehr- und wortreiches Gebet?

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