Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 30 (27.7.1864)
- Date
- 1864-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2542917-2543121-2543152--3785-2547694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
611 612 der religiösen Gleichheit einen nenen Tribut gebracht hat. Noch eine letzte Formalität steht der Verwirklichnng deö EmanzipationS-Dekretes des Senates der sieben Inseln entgegen: der 37. Artikel der griechischen Verfassung, welche den Deputirten eine mit der jüdischen Religion unverträgliche Eidesformel vorschrcibt. Die Alliance hat an den König von Griechenland eine Adresse gerichtet, nm die Aufhebung dieses Artikels zu erwirken. Sie hat zugleich bei dem Grafen Sponnek, während der Anwesenheit desselben in Paris, Schritte gethan, in Folge deren der Graf ihr das Versprechen gab, die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese ernste Frage zu lenken. Die Israeliten in der Türkei haben vom Standpunkte der dortigen Gesetzgebung keinen Grund, sich zu beklagen: Die hohe Pforte gewährt allen ihren Uuterthanen dieselben Rechte, ohue auf die Verschiedenheit des Kultus Rücksicht zu nehmen. Aber in diesem großen Reiche wohnen Bevölkernngen von verschiedenen Religionen, welche der Fanatismus öfters gegen unsere Glaubensgenossen aufgewiegelt hat. Unsere Brüder in Smyrna waren in jedem Jahre, beim Heranuahen des Osterfestes, Gegenstand der grausamsten Verfolgungen von Seiten der Griechen dieser Stadt. Das Zentralkomits der Alliance für die Türkei hatte die Sorgfalt, gleichen Handlungen der Gewaltthätigkeit in diesem Jahre zuvorzukommen: Dank der Dazwischenkunft deö ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel und des Gouverneurs von Smyrna ist ihr dies auch gelungen. Ein Hirtenbrief, welchen der Erzbischof an die Christen in Smyrna gerichtet hat, geißelt in kräftiger Weise die von einem uusinnigen Fanatismus ciugegebenen Handlungen, und der Gouverneur hat die wirksamsten Vorkehrungen getroffen, nm unseren Brüdern Schutz zu sichern. Solche Handlungen verdienen zur Kepntniß des zivilisirten Europa gebracht zu werden. In Marokko hat eine gehässige Verfolgung unsere Aufmerksamkeit auf die prekäre Lage unserer Brüder in diesem Lande gerichtet. Ein schreckliches Verdammungsurtheil wurde gegen mehrere Israeliten ausgesprochen, welche eines imaginären Verbrechens angeklagt waren. Furchtbare LeibeSstrafen trafen diese Unglücklichen. Auf die erste Kunde von diesen Thatsachen hielten wir's für unsere dringendste Pflicht, den öffentlichen verwerfenden Tadel über diese ans einer andern Zeit stammenden Reminiszenzen hervorzurufen, welche in dem entsetzten Gewissen der zivilisirten Welt einen so schmerzlichen Wiederhall gefunden haben. Es genügte aber nicht, derlei Thaten öffentlich zu geißeln; es mußte der Wie- Verkehr derselben vorgebeugt werden. Das Vorgehen der Alliance bei der französischen, naliänischen, englischen und spanischen Negierung hatte den Erfolg, daß das Protektorat der meisten dieser Mächte unseren Brüdern zugesichert wurde. Die denkwürdige Mission des Sir Moses Montefiore verschaffte ihnen selbst von der Marokkanischen Regierung ein Dekret, worin ihnen eine vollständige Rechtsgleichheit mit den Muselmännern garantirt wird. Unglücklicher Weise lassen uns bedauerliche, aus dem Schoße des örtlichen Fanatismus hervorgegangene Ereignisse fürchten, daß dieses Dekret seinen vollen Effekt nicht haben wird, so lange die europäischen Großmächte die Ausführung desselben nicht energisch überwachen werden; und wir besitzen eine Bürgschaft für ihre Wachsamkeit in dem Eifer, mit welchem sie alle intervenirten und in dem moralischen Interesse, welches sie daran haben, eine so schwache und der Sympathie so würdige Bevölkerung zu unterstützen. Wir könnten den Bericht über diese Verfolgungen fortsetzen, welche den widerstrebendsten Geistern auf eine viel zu beredete Weise darthun, daß ein Verein, wie der nnserige, eine Nothwendigkeit ist, und daß wir unsere Anstrengungen, zu verdoppeln verpflichtet sind; denn ein unfruchtbares Mitleid würde weder der Unwürdigkeit jener Handlungen entsprechen, noch der Pflicht zivilisirter Völker. Wir haben noch von einem wichtigen Theile unserer Glaubensgenossen zu sprechen, auf welche unsere Aufmerksamkeit mit schmerzlicher Aengstlichkeit gerichtet ist. Es sind die Israeliten Polens, denen ihre Mitbürger, die alte krankende Absonderung vergessend, in einer feierlichen Stunde die Hand gereicht haben: sie haben sich gegenseitig brüderliche Hingebung im Leben und im Tode geschworen! Die Polen haben selbst außerhalb ihres Vaterlandes diesen unverwüstlichen Bund der Brüderlichkeit unter den Anhängern aller Religionen weihen wollen, indem sie einen Verein gründeten, dessen Namen einen edlen Gedanken auSdrückt: die polnische Alliance für alle Kulte. Wenn die polnischen Juden die Brüder der Christen sind; ist es möglich, daß das Landcsgesetz sie von einander trenne, indem cs die Israeliten in eine von der der übrigen Polen abweichende Lage bringt? Die russische Regierung, von welcher wir unö die Ermächtigung erbaten, uusern Verein auf Polen auszudehnen, hat uns durch ein Schreiben, das für uns ein schätzbares Aktenstück ist, geantwortet, daß unser Verein überflüssig sei in einem Lande, wo die Juden durchaus nicht außerhalb der Grenzen deö allgemeinen Gesetzes gestellt sind. Ohne uns in eine Erörterung des Grundes einzulassen, welcher angeführt wurde, um unfern Verein im Namen des bürgerlichen Gesetzes in Polen zurückzuweisen, konstatiren wir, daß die russische Regierung das Recht unserer Glaubensgenossen anerkennt, und wir wünschen, daß sie dasselbe am Schluffe eines Kampfes respcktire, welchem wir mit warmer Theilnahme folgten, in welchem aber unser Verein, trotz der verschiedenen entgegengesetzten Aufforderungen, eine strenge Neutralität beobachtet hat, weil sich derselbe selbst jede politische Rolle untersagt hat. Diese Prüfung der Lage unserer GlaubenSbrüder zeigt uns wahre Fortschritte in ihrer bürgerlichen und politischen Stellung. Es bleibt aber noch Großes zu thun übrig, und wir können uns nicht schmeicheln, daß jede unserer Fürsprachen zu ihren Gunsten zu einem glücklichen Erfolge geführt hätte. Anerkennen müssen wir jedoch, daß dieselben von den von einem aufrichtigen Geiste der Gerechtigkeit beseelten Regierungen stets gut ausgenommen wurden, und daß es, wenn auch in ihrer Gesetzgebung manche Spuren der Unduldsamkeit einer andern Zeit vorhanden sind, hinreicht, diese verschwinden zu machen, sobald man sich bei den bezüglichen Regierungen auf das große Prinzip der bürgerlichen und politischen Gleichheit beruft, welches sie ehren und unverletzt zu erhalten wünschen. Aber es gibt selbst in Europa Länder, wo ungeachtet der scheinbaren Zivilisation dennoch der großen, im letzten Jahrhundert inaugurirten, in unseren Tagen so mächtig gewordenen religiösen Freiheit Widerstand geleistet Wird; dieser Widerstand darf aber unsere Anstrengungen nicht ermüden lassen. Die Zukunft in dieser Welt gehört der Gerechtigkeit, und um ihrem Sieg zu beschleunigen, müssen