Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 28 (13.7.1864)
- Date
- 1864-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2542917-2543121-2543150--3760-2547667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
569 570 wenn sie das Vaterland mit der Scholle identifiziren, welche der Mensch bearbeitet oder bewohnt. Der Baron Josef Eötvös schrieb schon 1840: ״Diejenigen, welche die Vaterlandsliebe für einen Instinkt halten, und nach dem ״nesoio qua natale solum dnicedine cunctos allicit“ glauben, daß dieses Gefühl unwillkürlich, gleichsam gedankenlos im Menschlichen Herzen entsteht, und nicht von der bürgerlich'en Stellung des Menschen, sondern von dessen Anhänglichkeit an den Boden bedingt ist: vergessen, daß wir das Gefühl der Vaterlandsliebe nur bei solchen Nationen finden, welche bereits einen gewissen Grad von Bildung erreicht haben; daß die Kolonien ihr Geburtsland stets am meisten hassen; und daß all der Zauber, mit welchem unsere Erinnernngen gewisse Orte umgeben, schon deshalb nicht der Grund der Vaterlandsliebe sein könne, weil diese Erinnerungen uns höchstens den Ort unserer Erziehung werth machen können, und weil, — wenn die Vaterlandsliebe auf diesem Gefühle basirt wäre, — all diejenigen, die außerhalb ihres Vaterlandes erzogen wurden, ihr Vaterland nicht lieben würden, was Niemand behaupten wird." ') Cicero nennt den Geburtsort das Vaterland der Natnr oder des Ortes, die römische Republik das Vaterland des Bürgerthumö und des Rechts, und er stellt die Liebe zu diesem weit über die Liebe zu jenem. °) Heutzutage hat derjenige wirklich ein Vaterland, dem in dem Lande, dem er angehört, das Bürgerthum und das Recht nicht entzogen werden. Die Anwendung dieser Lehre von der patria civitatis et juris auf die Stellung der Juden in manchen Ländern ist sehr leicht zu machen. Die ״Ungarischen Nachrichten" nehmen aber einen in der gebildeten Welt längst überwundenen Standpunkt ein, wenn sie glauben, daß eine solche Anwendung nur vom ״Emanzipations-Fanatismus" gefordert werde. Denn nicht Fanatismus, sondern der Geist der Kultur nnd der Zivilisation ist es, der es verdammlich und verderblich findet, den freien gesetzlichen Gebrauch der materiellen und geistigen Kräfte der Staatsangehörigen von der Vorzeigung eines Taufscheines abhängig zu machen. Die ״Ungarischen Nachrichten" machen von ihrer Theorie, welche das Vaterland in der Schotte findet, folgeude sentimentale Nutzanwendung: ״Gleichwie aber die gütige Mutter Erde ihre Gaben allen ihren Kindern ohne Un- ') Budapesti Szerole II. 129. An in. s) Ego me hercule et illi et oinnibus raunicipibus duas esse censoo patrias: unam naturae, alteram civitatis : ut ille Cato, cum esset Tusculi natus, in populi Romani civitatem susceptus est, itaque, cum ortu Tusculanus esset, civitate Romanus, habuit alteram loci patrium, alteram juris: ut vestri AtticI.sic nos et eam patriam dieimus, ubi nati, etillam,, qua excepti sumus, 8ed necesse est, caritate eam praestare, qua reipublicae nomen universae civitatis est: pro qua mori, et cui nos totos dedere, et in qua nostra omnia ponere et quasi consecrare debemus. De Leg. terschied der Rare spendet, kann auch hierfür die Gesetzgebüng dem bodenbauenden Israeliten kein bürgerl ich es Recht mehr versagen, am allerwenigsten in Ungarn, wo der Nähr stand an Wichigkeit und Bedeutung alle übrigen Stände weit überragt." In diesen Worten spricht sich nun allerdings kein Emanzipations-Fanatismus aus; wol aber gibt sich darin deutlich genug ein hoher Grad von Antiemanzipationsfanatismus zu erkennen. Also nur dem hoben bauenden Israeliten wird die Gesetzgebung die bürgerlichen Rechte nicht versagen! Die jüdischen Kauflente, Fabrikanten, Aerzte, Advokaten, Ingenieure, Baumeister, Künstler, Lehrer, Geistliche, — sie müssen allesammt Paria's bleiben, da sie ja nicht den Boden bearbeiten! Wenn der Dr. Ignaz Hirschler in Pest das Bürgerrecht erlangen Witt, muß er seine ofthalmojatrische Virtuosität an den Nagel hängen, um sich hinter den Pflug zu stellen! So wtll's die legislative Weisheit der ״Ungarischen Nachrichten!" Wie ein politisches Blatt so sehr die Begriffe verwirren kann, daß es den Nähr stand ausschließlich durch die landwirthschaftliche Bevölkerung vertreten findet, ist uns unbegreiflich. Gebildete Menschen verstehen bekanntlich unter Nähr stand nicht nur die Repräsentanten der Landwirthschaft, sondern auch die der Industrie und des Handels. Die höhere Entwicklung des GewerbfleißeS und Verkehres setzt die der Landwirthschaft wol voraus, und insofern lassen sich Industrie und Handel als jüngere Zweige der Kultur betrachten. Aber sie sind zugleich Sprossen desselben Stammes, welche, einmal vorhanden, miteinander fortwachsen und sich gegenseitig zum weitern WachSthum Saft und Nahrung znführen, so daß die ganze materielle Produktion als ein einziger, nach seinen Hauptbestandtheilen dreifach gegliederter Körper erscheint. Kommt also dem Nährstande eine so hohe Wichtigkeit und Bedeutung zu, so ist diese Wichtigkeit und Bedeutung nicht, wie die ״Ungarischen Nachrichten" thun, ausschließlich der landwirthschaftlichen, sondern auch der industriellen und kommerziellen Bevölkerung zuzuschrelben. Dies hat Se. Erzellenz, der Herr Bischof Michael Haas, ausdrücklich anerkannt, als er, damals noch Schulrath, bei der Eröffnung der isr. Musterhauptschule in Pest am 8. Oktober 1857 die Wichtigkeit des H a n d e l s hervorhob. Die Art und Weise, wie dies geschah, mochte für gebildete Juden etwas Verletzendes haben; an der Sache selbst ändert dies nichts. Die nationalökonomische Anschauung, welche ein hochgestellter Regierungsbeamter im Jahre 1857 über den Handel aussprach, war jedenfalls gesünder, als die Anschauung der offiziellen ״Ungarischen Nachrichten" im Jahre 1864! Die speziellen Rathschläge der ״Ungarischen Nachrichten" beweisen, daß dieselben von dem Verhältnisse der ungarischen Juden zur Landwirthschaft nicht genau unterrichtet sind. Ich lade den Verfasser des fraglichen Artikels ein,