Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 27 (6.7.1864)
- Date
- 1864-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 560 Maimonidischen Gesetzbuches kenne ich nun auch die Gesetze, welche nach der Ankunft des Messias im jüdischen Staate zur Geltung gelangen sollen. Eine wiederholte und ruhige Prüfung dieser Gesetze hat mich aber zu der Einsicht geführt, daß eiu großer, wenn nicht der größte Theil derselben bei dem heutigen Standpunkte der Kultur und Zivilikalion nicht mehr praktikabel ist. Au die Freistädte und das Jubeljahr habe ich bereits erinnert; ich füge noch die Erinnerung an die königlichen Rechte hinzu. So oft ich in meinem MaimonideS die hierauf bezüglichen Kapitel lese, finde ich das jüdische Königthum im Verhältniffe zu den orientalischen Despotiee» weise, milde, liberal. Jeder billige Beuriheiler desselben wird darin mit mir übereinstimmcn. Beschämt muß aber jeder gebildete Jude die Augen Niederschlagen, wenn er hört, daß die Octhodorie der Wiederherstellung dieser königlichen Rechte im heiligen Laude entgegcnfieht. Das schöne Begnadigungsrecht kommt dem Könige dem Synedrion gegenüber nicht zu; dagegen kann er auf administrativem Wege über das Leben und das Vermögen der jüdischen Bürger verfügen (Maim7 Melach. 3, 10. 4, 1—10. Sanh. 16, 6. Roz. 2, 4.) Wer kann an die Restauration solcher Rechte denken, ohne erschüttert, ja ohne von Grauen erfüllt zu werden?" Du kannst Dir denken, lieber Freund, in welche Aufregung ich gericth, als ich diese Lästerungen hörte. Ich hatte mir aber im Stillen gelobt, den albernen Redner bis ans Ende reden zu lassen. Die rechte Hand aus meine beiden Augen legend, hörte ich noch folgende Worte: ״Aus all dem sehen Sie, ehrwürdiger Rabbi, daß die Orthodoxie, die an dem zwölften Glaubensartikel nach seinem Buchstaben festhält, den von der Unveränderlichkcit des Gesetzes redenden neunten GlaubenSartikel aufgeben muß." Ich ließ daS Toben in meinem Innern nicht zum Ausbruche kommen und nahm mich zusammen, um mit Ruhe und Gleichmuts) zu antworten: ״Nein, Herr Doktor, vaö wird die Orthodorie nicht tyun; dagegen wird sie die Kultur verdammen, welche nach Ihrer Behauvtung die Restauration der ganzen Thora im MeffiaSreiche unmöglich macht. Das Nähere finden Sie in meinem voriges Jahr erschienenen Merkchen ״•אל העדרים lieber diesen Punkt möge nun der KapoSvürer Rabbiner schreibcn, nachdem er sich zur wahren Orthodoxie bekehrt haben wird. Er zeige den Apikorßim gegenüber, daß der 9. und 12. Glaubensartikel sich sehr gut mit einander vertragen. Sobald er dies mit dem gehörigen Nachdrucke grthan, und seine Aeußernng über die Denkfreiheit feierlich widerrufen hat; werden wir ihm die Pforte öffnen, welche in das Heiligthum der Orthodoxie führt. Rachbernerkimg der Redaktion. Sollte eS Herr Rabbinrr Kutna angemessen finden, sich gegen die Angriffe der Orthodoxie im ״B. CH." zu vertheidigen, so wollen wir ihm das Wort bereitwillig gönnen, wenn er auch in seiner Brochüre auf den ״B. CH." geschimpft hat. Wir wünschen nicht, daß die jüngeren Rabbiner den ״V. CH." loben sollen; wir sind vollkommen zufrieden, wenn sie denselben lesen. Gelegentlich dürfte fich Herr Kutna entschließen, seine nachstehende Notiz zu begründen. S. 22 sagt er nämlich: ״Die Meinung des MaimonideS wird ferner unter so vielen auch von dem großen Dichter und ReligionSfilosofen Rabbenu Bcchai vertreten, und so spricht sich sein Kommentator Moses Kanitz, einer der letzten Forscher, mit vielem Nachdrucke für die Aufstellung der Maimonidischen Glaubensartikel aus." Wir wissen nur von zwei berühmten Schriftstellern, die Bechai hießen, der ältere derselben, R. Bechai b. Josef Jbn Bakoda, kann von den Maimouidischen Glaubensartikeln unmöglich gesprochen haben, da er bereits todt war, als dieselben geschrieben wurden. Der zweite, R. Bechai b. Ascher in Saragossa, lebte zwar später als MaimonideS und vollendete seinen Kommentar gegen das Ende des 13. Jahrhunderts, aber er war weder ein großer Dichter, noch ein Dichter überhaupt, noch ist uns bekannt, daß er die Maimonidischen Glaubensartikel vertreten hätte, wiewol er sonst den MaimonideS anführt (S. Schmiedl, ״B. CH." 6, 666). Erklärungen zu Bechai'S Thorakommentar sind vorhanden: von Manoach Hendel und Naftali TreveS, aber nicht von MoseS Kanitz. Ein Schriftsteller MoseS Kanitz hat unseres Wissens niemals eristirt.' Wie viele Probleme in wenigen Zeilen!! Bis Herr Rabbiner Kutna hierüber Aufschluß gibt, möge folgende Konjektur berücksichtiget werden. Der ehrw. Verfasser dachte wol an das Bechinat Olam, dessen letztes Kapitel den Glaubensartikeln gewidmet ist. Das B. O. ist aber nicht von Rabbenu Bechai, sondern von dem Provencaleu I edaja Penini; der Kommentator, den der Herr Verfasser im Sinne hatte, ist vielleicht MoseS Kuniz. Es soll uns freuen, wenn der Herr Verfasser unsere Vermuthung bestätiget. Warum er Moses Kuniz einen der letzten Forscher nennt, begreifen wir nicht. Chronologisch genommen, war Moses Kuniz einer der ersten Forscher, welche in neuerer Zeit beflissen waren, den Talmud nach einer wissenschaftlichen Methode zn behandeln. Aber auch in Ansehung der Beschaffenheit seiner Untersuchungen ist Knuiz nicht einer der letzten. Der Herr Verfasser wollte vielleicht sagen: einer der neueren Forscher! Das Zudenthnm und feine Geschichte in 12 Vorlesungen. Nebst einem Anhänge: Ein Blick ans die neueste. Bearbeitung' des Lebens Jesu. Von Dr. Geiger. Ueber daS Judenthum und seine Geschichte besitzen wir bereits gute und bändereiche Werke; es war daher keine leichte Aufgabe für Geiger, in 12 Vorlesungen und in einer kurzen Zeitspanne, vor einer Zuhörerschaft aus gemischten Elementen, eine coucise Darstellung des Judenthums von seinem Uranfänge bis zum Untergange des jüdischen S taatcS und noch dazu im freien Vortrage zu geben. Und G. hat diese Aufgabe so glänzend gelöst, daß er in vorliegendem Abdrucke nach stcnographischer Nachschrift keine» Gedanken, keinen Satz abzuändern oder niederzudrücken nöthig hatte. Mit kühnem Freimuts) und profetischer Begeisterung stellte er daS Judenthum in seiner Erhabenheit und Reinheit als die Religion der Menschheit dar, führte die Ausschreitung, Verirrung und Abzweigung derselben in scharfen Umrissen vor, ohne die vulgären Anschauungen der in- und außerhalb des Judenthums Stehenden zu verletzen, wenn nicht die mit solcher Geisteskraft und Beredsamkeit vorgetragenen Wahrheiten an und für sich als Verhöhnung der entgegenstehenden Ansichten betrachtet werden. Was Feuerbach von Gott sagt, daß er nicht den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, sondern der Mensch Gott nach dem seinigen, das läßt sich cinigermaßeu von dem Wesen der Religion im Allgemeinen nnd insbesondere vom Judenthnme sagen. Fragen wir die Formgläubigen: Was ist Judenthum, so antworten sie: die Formen iu ihrem ganzen Umfange, oder sie heben einige hervor, ohne die das Judenthum anfhöre, Judenthum zu sein. Bei den befangenen Denkern ist daS Zudenlhum eine Reihe von willkürlich ausgestellten GlaubenSwahrheiten, d. h. Glaubensbegriffe, die als Wahrheiten von Autoritäten angenommen und ausgestellt worden sind. So hat z. B der Glaube an einen persönlichen Messias und an die Auferstehung des Leibes seine Sanktion als Grundgesetz des. Judenthums nur durch die Autorität des Maimonidcs erhalten. Der Autoritätsglaube sollte daher an der Spitze der GlaubenSwahrheiten stehen. Dank der Gewissen- und Wissenöfreiheit, die selbst in den finstersten Zeiten bei uns nicht ganz unterdrückt war, haben sich ans allen Zeilperioden Denkmäler eines freien geistigen Schaffens und erleuchteten Gedankens erhalten, die ebenfalls der srerdenkenden Richtung unserer Zeit ihre Sanktion geben. Geiger steht daher nicht allein, wenn er das Grundprinzip des Judenthums einzig und allein in der Anerkeiinung des Göttlichen i» seiner Reinheit, Allweisheit nnd