Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 27 (6.7.1864)
- Date
- 1864-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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555 556 LorresponLeri). Ausland. 1^. J. New-Vork, im Mai. Zum Studium der hiesigen jüdischen Zustände hatte ich noch immer nicht Zeit, vortänfig dürften Ihnen aber auch folgende Mittheilungen als interessant erscheinen. Die 60—70,000 Zuten. die sich aus allen Tyeilen der Welt in hiesiger Stadt eingesunden haben, theilen sich in 32 anerkannte Gemeinden. Es gibt aber außer diesen auch jüdische Körperschaften, die bis zur Stunde noch nicht anerkannt find. Zn der Regel schaaren sich die eingewanderten Juden nach ihrer ehemaligen Heimat aneinander: Sie finden daher z. B. eine französische, böhmische, bayerische Gemeinde. Polnische Gemeinden gibt eö mehrere, von einer ungarischen Gemeinde habe ich noch nichts vernommen. Jede Gemeinde hat ihre Synagoge und ihre Schule; beide erhält sie aus ihren eigenen Mitteln. Einen Gemeindevorstand gibt es hier nicht; jede Synagogengemeinde hat ihre autonome Verwaltung. Eigentliche Rabbtnen haben nur zwei Gemeinden:' die portugiesische (sefardische) Gemeinde und die Reformgemeinde. An den übrigen Synagogen sind Chazanim angestcllt, die zugleich als Rabbinen betrachtet werden, rabbinische Funktionen verrichten und zuweilen auch predigen. Im Reformtempel wird an jedem Sabbathe gepredigt, und zwar abwechselnd deutsch und englisch. Deutsch predigt der Rabbiner Dr. A. Adler, englisch ein Kandidat. Dr. Adler war früher Prediger in Worms, war Mitglied der deutschen Rabbinerversammlungen in den Jahren 1844, 1845, 1846 und sagte schon bei der ersten Versammlung (19. Juni 1644): ״Der Talmud, wie er vor uns liegt, ist nicht verträglich mit einer moralischen Auffassung der Zeremonien Wir dürfen uns darüber nicht täuschen. So auch rst die talmudische Vorstellung von Gott widersprechend dem Bewußtsein unserer Zeit von den höchsten Wesen (Prot. S. 89)." Bei den europäischen MeffiaSstreitigkeiten, von denen auch zu uns eine schwache Kunde gelangt ist, werden wahrscheinlich folgende, bei der zweiten Nabbinerversammlung (20. Juli 1845) gesprochenen Worte Adlers angeführt werden: ״Es wird oft behauptet, der Monotheismus sei das Einzige, was das Judenthnm von den andern Glaubenöformeu unterscheidet. Man verwechselt dabei das Prinzip mit dem Inhalte: Der Monotheismus bildet wol das Prinzip, aber nicht den Hauptinhalt des Judenlhums. Auch andere Glaubensgenossen, glauben an die Einheit Gottes und sind dennoch keine Juden. Der Glaube an einen zukünftigen Messias ist dem Judenthume eigenthümlich, unterscheidet es noch mehr, als der Monotheismus, von anderen Konfessionen. Dieser Glaube gibt uns die Zuversicht: 1. daß daö Gute aus dem Kampfe mit dem Bösen, die Tugend aus:dem Kampfe mit dem Laster, die Heiligkeit aus dem Kampfe mit der Sünde siegreich hervorgehen werde; 2. daß die Weltgeschichte sich nicht ewig in einem Kreise herumdrehen, sondern zu einem Zielen der höchsten Entwicklung der Menschheit gelangen wird; 3. daß die ganze Menschheit nicht ewig der Finsterniß preiSgegeben ist, sondern zur Versöhnung mit Gott und Verklärung in ihm gelangen wird. Er begreift implicite in sich den Glauben an die ideelle Auferstehung der Völker und verbürgt somit zugleich die Unsterblichkeit der Individuen. So lange der todte Buchstabe noch das Szepter führte, der Geist von seinen Fesseln sich noch nicht befreit hatte, war auch dieser Glaube durch Sinnliches getrübt. Man erwartete statt der Rückkehr des Geistes in seine wahre Heimat, in das Reich der Liebe und der Wahrheit, die Rückkehr des Volkes in das Land, wo Milch und Honig fließt, man hoffte statt auf die Herrschaft des Geistes, der die Wahrheit des GesetzeS ist, auf die Herrschaft des Gesetzes, des äußern und starren, das nur der Schatten des Geistes ist. Nicht in der Versöhnung der Menschheit mit Israels wahrem Glauben sah man der Menschheit Versöhnung mit Gott , sondern in der Wiederkehr des alten Zustandes und neuer Abfchließung Israels von den Völkern. Gott sei Dank, daß diese sinnliche Vorstellung aus dem Leben geschwunden ist! Nur in den Gebeten behauptet sie noch ihre» Platz; sie auch noch daraus zu verdrängen, ist unsere Aufgabe." (Prot. 82, 83.) Bei der dritten Rabbinerversammlung sprach er gegen den zweiten Feiertag und für Abschaffung der meisten Trauergebräuche. Also ein radikaler Reformer. Im Sinne dieser Reform ist auch die hiesige Reformsynagoge eingerichtet. Der Chor, wo Mädcheu Mitwirken, ist ausgezeichnet gut geschult. Der Gesang wird von der Orgel begleitet. Am שבת wohnte ich dem Gottesdienste bei. Einen Talilh sah ich im ganzen Tempel nicht. Es war gerade englische Predigt. Ein Theil der Gemeinde betete unbedeckten Hauptes. Der Reformtempel wird stark besucht. (Forts, folgt) Inland. Temesvar. Der erste Juli ist für die hiesige k. isr. Muster- Hauptschule ein denkwürdiger Tag geworden- Seine Hochgeboren, der wegen seiner ausgezeichneten Leitung der im März d. I. stattgehabten Konferenz israelitischer Vertrauensmänner auch in unscrn Kreisen rühmlichst bekannte Vizepräsident des kön. ung. StatthaltereiratheS Herr v. Hueb er beehrte auf einer Durchreise diese Anstalt mit seinem Besuche; er verweilte in jeder Klaffe einige Zeit, ließ von dem betreffenden Lehrer eine kleine Prüfung vornehmen und sprach seine volle Zufriedenheit mit den Leistungen der Lehrer und Schüler aus. Derselbe geruhte auch, seinen Namen in das Gedenkbnch der Schule eknzuzeichnen. D Aus dem Prager Kreise. Der Geist der neuen Zeit hat nicht nur uns angeweht und uns bewußt werden lassen der Skellung, welche wir einzunehmen berufen find; er hat auch unsere christlichen Mitbrüdern nicht unberührt gelassen, man findet den Judenhaß nicht mehr in dem Grade und in der Ausdehnung, wie vor noch nicht lang verflossene» Jahren, und findet man auch noch nicht überall die Liebe, welche wir jedem entgegcntragen, der uns nur halbwegs entgcgcnkommt, so merkt man es doch, daß man uns beachtet und daß man uns achtet, und wo Achtung ist, da folgt die Liebe gar bald nach. Einen Beweis der Beachtung und Achtung fand man diese Woche in einer Korrefpondrnz der böhmischen Zeitung ״HlaS" (Die Stimme), welche ein Organ des sogenannten JungcechienS ist. Es wird in derselben von einem katholischen Lehrer die Stellung des jüdischen Lehrers geschildert, und wenn auch manches in derselben unrichtig, das Richtige aber in übertriebener Weise geschildert ist, so merkt man doch den Geist der Brüderlichkeit, welcher in dieser Gemeinde im südlichen Böhmen (sic blieb ungenannt) zwischen den Lehrern beider Konseffionen herrschen muß. Der christliche Lehrer tritt als Vertheiviger des jüdischen Lehrers auf und beklagt es, daß dieser durch seine BerufSpflichtcn so sehr angestrengt wird, daß er täglich sieben Stunden unterrichten muß und in der ganzen Woche nicht einen Ferialtag zu seiner körperlichen und geistigen Erholung hat. Ist düs ein Beweis gegenseitiger Achtung, so kann ich als einen Beweis schon bestehender gegenseitiger Liebe berichten, daß die im Prager Kreise gelegenen vereinigten Gemeinden Klubv!itz, Slichow und Hluboczcp Herrn Med. Dr. Jakob Grab zu ihrem Bürgermcisterr erwählt. Als ein Zeugniß, in welcher ausgezcichncten Weise er den mir dieser Stelle verbundenen Pflichten nachkömmt, und wie selbe auch hö- Hern Orts gewürdigt werden, will ich jene Zuschrift mittheilen, welche Herrn Dr. Grab von dem ihm vorstehenden BezirksHauptnianne bei dessen Versetzung in den Ruhestand übermittelt wurde. Se. Wohlgeb. Herrn Dr. Grab 1c. Bei meinem demnächst bevorstehenden Amtsaus-