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Ben Chananja · 1864-06-29 · 26 (29.6.1864) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
26 (29.6.1864)
Date
1864-06-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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539 540 ß. Aus der Dran- und Murgegend, im Juni. Die Radbinerangelegenheit zu WaraSdin ist beendigt. Die Hofkanzkei hat zu Ungunsten des Rabbiner Längsfelder entschieden und die Gemeinde bereits einen neuen Rabbiner gewählt in der Person des Kandidaten Dr. Sonnenschein. Zu Gr. Kanizsa ist ein neuer Kantor gewählt, nämlich Herr Kohn, gegenwärtig Kantor in Arad. Es war, was in dieser Gemeinde eine Seltenheit ist, ein großer Wahlkampf, denn eine bedentende Partei war für ein anderes Subjekt gestimmt, aber die überwiegende Majorität blieb für Herrn Kohn. Der Präses, Herr Gntmann, hat sich sehr taktvoll benommen, er ließ 30 Mitglieder durch das Los ziehen, welche mit den Vorstandsmitgliedern zusammen die Wahl vollzogen. Es ging, wie gesagt, ein wenig heiß bei der Wahl zu, aber der Heer Präses ließ jedem die freie Meinungsäußerung, und als die Wahl beendet war, hielt er eine warme Ansprache, schilderte den Segen des Gemeindefriedeiis, ersuchte, daß diese Wahl kein Gegenstand eines Zerwürfnisses sei» möge, nnd alle Versammelten riefen Oljen. F. Giroßwardein, 22. Juni. Wenn cs nicht an Beispielen fehlt, daß Prediger, die in ihrer Jugend die eifrigsten Wortführer der Reform waren, in vorgerücktem Alter die Fahne der Orthodoxie hoch emporhalten, und über ihre ehemaligen'Gesinnungsgenossen unbarmherzig den Stab brechen, so verdient es um so mehr hervorgehoben zu werden, daß unser ehrwürdiger Oberrabbiner, Herr Landsberger, der Orthodoxie den Rücken kehrte, um sich mir Leib und Seele der gemäßigten Reform anzuschließen. Er fraternisirt bereits mit den Mitgliedern der hiesigen Reformgemeinde, über welche er vor drei Jahren auf eine eklatante Weise eine Art Anathema ausgesprochen hat. Sein Schwiegersohn, Herr Dr. Diamant, predigte vor einigen Wochen in der Resormsynagoge, nnd hielt derselben eine fulminante Lobrede. Dem Vernehmen nach wird Herr Oberrabbiner Landsberger selbst in Kurzem in der Reformsynagoge predigen. Da er wirklich ein ausgezeichneter Talmudist ist, und in der pilpulistischen Behandlung talmudischer Matericn viel Witz und Scharfsinn zu entwickeln versteht, so darf sich die gemäßigte Resormpartei zur Acqnifition des Herrn Rabbiners Landsberger wirklich gratuliren. E. Bonyhad, 22. Juni. Die hiesige Gemeinde hat auf die an Sir Moses Montefiore gerichtete Dankadreffe von dem edlen Baronet ein sehr verbindliches Antwortschreiben erhalten. Dasselbe ist an die Herren Mar Engel, Moriz Weiß und Sam. P. Engel gerichtet. LiterSrische Äiyeigen. Offen und ehrlich! Von Salomon Kutna, Bezirksrabbiner in Kaposvär. Halberstadt 1864. H. Meyer. 6. 79. Besprochen in einem hebräischen Briefe von Hillel Letsch, Rabbiner in Szikßü. Ins Deutsche übersetzt von S. Diamant, Rabbiner in Pecheneudors. Theurer Freund! Dn hattest nicht nöthig, in Deinem Schreiben vom 10. Sivan die Versicherung auSznsprechen, daß Du die Schrift ״Offen und frei" nur flüchtig angesehen hast, um dieselbe sogleich nach deren Empfange an mich senden zu können. Hättest Du die Schrift prüfend gelesen, so würdest Du Dich gehütet haben» Dich durch das derselben ertheilte Lob schwer zu versündigen. Denn in Wahrheit ist auch diese Schrift ein Werk des nimmer müden Satans, der sich in den Mantel der Orthodoxie hüllt, um desto erfolgreicher die Grundfesten unseres wahren orthodoxen Glaubens zu untergraben. Hätte ich in diesem Augenblicke nicht eine Reise vor, um dem von den Apikorßim projektirteu Seminare nach Kräften entgegenzuarbeiten, wäre ich geneigt gewesen, gegen die vorliegende verderbliche Schrift eine eigene jüdisch-deutsche Brochüre herauszugeben. Da ich aber dieser Tage meine unserem heiligen Glauben gewidmete Reise antreten muß, begnüge ich mich vorläufig damit, Dich, lieber Freund, vor der gleißnerischen Schrift väterlich zu warnen, und Dich um die möglichst weite Verbreitung nachstehender Bemerkungen angelegentlich zu ersuchen. Seite 23 und 24 schreibt der orthodox sein wollende Rabbiner wörtlich: ״Ich sage es hier nochmal, uns ist die Denksreiheit eines Jeden ein heiliges, unantastbares Recht, aber auch unsere eigene. Wir verlangen keine Prohibition von Staatswegen gegen anvere Lehren und Meinungen, wenn sie noch so sehr im Widerspruche stünden mit unseren heiligsten Glaubenslehren und Ueberzeugnugen." Was sagst Du nun zu dieser vermessenen Aeußerung? Ist der Verfasser nicht ein höchst alberner Mensch, wenn er uns für so einfältig hält, daß wir ans dieser seiner Aeußerung ihn nicht allsogleich für einen der Meinen Füchse erkennen werden, welche den Weinberg des Herrn verwüsten? Haben wirs nicht zu linferm bittersten Schmerze erfahren, daß es eben die einem Jeden eingeränmte nnd gewährte Denksreiheit ist, welche in unseren Tagen so furchtbare Zerstörungen in dem Heiligthume der Religion Israels angerichtet hat? Wenn die Denksreiheit wirklich ein so unantastbares Recht wäre, wie der ״gefärbte" Drthodore zu KapoSvär behauptet, so hätte ja im Talmud und in den' Poskim auch etwas davon erwähnt sein müssen. Wo findet sich aber eine solche Erwähnung? Nirgends! Dagegen ist eS ein Leichtes, das Gegentheil davon zu finden. Ich will hier nur Einiges erwähnen; in meiner demnächst zu verfassenden Brochüre werde ich mit Gottes Hilfe ausführlich über diesen wichtigen Gegenstand sprechen. Hoffentlich wird aber auch das, was ich hier sagen werde, hinreichen, die Irrlehre von KapoSväc gründlich zu widerlegen. R. Jochanan wurde einst von einem Schüler verspottet, weil er die Pforten des Messianischen Jerusalems auf eine dem Schüler nnglaubliche Weise geschildert hatte. Auf einer Seereise sah jedoch Letzterer mit eigenen Augen, wie die Engel das Material zu jenen Pforten verfertigen. Zurückgekehrt theilte er dem N. Jochanan mit, was seine Augen gesehen hatten. ״Wie", rief aber letzterer in gerechtem Zorn aus, ״wenn Du Dich nicht selbst von der Nichtigkeit meiner Schilderung überzeugt hättest, würdest Du nicht geglaubt haben? Dn verspottest die Worte der Schriftgelehrten!" Bei diesen Worten warf -er einen Blick auf den Spötter, daß dieser entseelt zu Boden sank (B. Bathra 75, a. Sanh. 100, a. und Raschi das.). Warum hat R. Jochanan dem Schüler nicht das unantastbare Recht der Denksreiheit gelassen? Wie konnte er wagen, dieses heilige Recht zu beeinträchtigen? Warum tadelt der Tal- Mild den R. Jochanan nicht wegen der Versündigung gegen die Denkfrciheit? — Die Neuerer, und der Kaposväer Scheinorthodore thcilt ihre Gesinnungen , werden dagegen einwenden: R- Jochanan war ein unduldsamer Fanatiker, nnd der Talmud tadelt ihn nicht, weil er seine» Fanatismus theilt. Wessen Herz muß aber nicht erzittern nnd wessen Inneres muß nicht gleich einem Schmelzofen erglühen, wenn solche kecke Aeußernngen zu seinen Ohren dringen? — Nicht besser als dem Schüler, der über R. Jochanan spottete, erging es einem Lehrer und einem Knthäer, die sich einen Spott über N. Simon b. Jochai erlaubt hatten (jer. Schebiith 9, I.Babli Sabb. 33, b.) Wem konnte eö in den Zeiten dieser heiligen Männer in den Sinn kommen, von Denksreiheit zu reden? — Der scheinheilige Verfasser beruft sich zu wiederholten Malen auf den Schnlchan Acuch; nun wohlan! So lese er im Jore Dea 158, 2. 334 , 43. und im Choschen Mispat 425 , 15., und dann sage er ״offen und ehrlich", ob ein wahrhaft Orthodoxer sich jemals so weit vergessen kann, die Denkfreiheit als ei» heiliges, unantastbares Recht hinzustellen? , Die Neuerer rühmen sich unaufhörlich, daß sie mit der Geschichte der Juden vertraut find. Der Zemach David steht ihnen auch höher, als j der Schnlchan Aruch. Warum achten sie aber nicht ans das Zeugniß der Geschichte, wo diese gegen ihre Irrlehren spricht? R. Jehuda Jbn Esra, der Fürst, trat nicht nur selbst energisch gegen die Minim (Karäer) auf; er wußte es auch bei seinem Monarchen (dem Kaiser Alfonso Raimundctz) durchzusetzen, daß dieselben von der Regierung verfolgt wurden. Dies erzählt R. Abraham b. David Ha-Levi am .Schluffe seines Seser Ha-Kabbala. Der Naßi R. Jehuda wußte nichts von Denkfreiheit, und er verlangte daher mit Recht die Prohibition von Staatswegen gegen irrige Lehren und Meinungen. Wäre R. Jehuda nicht ein treuer Vertreter der Orthodoxie gewesen, hätte vielleicht das Karäerthum die Orthodoxie aus Spanien verdrängt! — In späterer Zeit wurde unser orthodoxer Glaube von den Anhängern Sabbathai Zebi'S bedroht; aber die orthodoxen Nabbine» ließen nicht ab, die Ketzer zu verfluchen und zu verfolgen, wie Du aus dem Werke: זאת תורת הקנאות, das ich Dir hikrmit übersende, ersehen kannst. Sehr treffend sagt der fromme R. Jakob Emden S. 34 dieses Werkes: שרי מלכי אדה משגיחים על קיום התורה בישראל ועקירת חמינין. Diesen Grundsätzen getreu haben sichdie Orthodoxen in Hamburg und in Berlin an die Regiernngen׳ gewendet, um die Neuerungen unterdrücken zu lassen, und ist der Gottselige R. Moses Sofer noch einige Jahre vor seinem Tode beider k. uug. Hofkanzlei eingeschritten, um den Schutz der Negierung gegen die Nebertreter der RcligionSgesetze anzurufen. Aus all dem ersiehst Du, lieber Freund, daß die Orthodorie des KapoSvärer Rabbiners sich zur wahren, allen, unveränderlichen Orthodoxie so verhält, wie ein Affe zu einem Menschen. Dieser Rabbiner hat aber auch durch seine Vertheidigung der Messiaslehre deutlich genug kundgethan, daß er von der wahren Orthodoxie so weit entfernt ist, wie der Westen vom Osten. (Schluß folg t.).

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