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Ben Chananja · 1864-06-29 · 26 (29.6.1864) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
26 (29.6.1864)
Date
1864-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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533 534 Während in Berlin bei 519 Schülern und 15 Lehrern nicht mehr als 37 Kinder auf je einen Lehrer entfallen, sehen wir in den Pestrr Knabenschulen mehr als 80 Schüler in einer Klaffe zusammen« gepfercht sitzen. In Berlin tritt der jüdische Knabe nach einem fast zehn« jährigen Schulbesuche, mit einem reichlichen Wissen ausgerüstet, entweder in eine höhere Klasse der Mittelschule, oder als ein in jeder Beziehung gebildeter Jüngling ins praktische Leben über. Bei uns dagegen hat eS der Knabe bei einem 4—5jähr. Schulbesuche höchstens bis zum richtigen Schreiben. Lesen und Rechnen und bis über die ersten Anfangsgründe der Realie» gebracht. Ist eS da ein Wunder, wenn derjenige Theil unserer Jugend, welcher »nmittelbar nach dem Austritte aus der Schule i»S praktische Leben Übertritt, schon nach wenigen Jahren das Mitgebrachte völlig ver« gißt, und der Jüngling oder einstige Familienvater trotz seines vierklassigen Vorzugs,eugnisses nicht im Stande ist, ein regelrechtes Briefche« zu schreiben? Uud wie sieht es mit unserer Jugend ans , die im 11. oder 12. Lebensjahre die Volksschule verlassend, in das Gymnasium oder in die Realschule Übertritt? Muß da das Kind nicht bei dem streng konfeffionetten Charakter, den uusere sämmllichen Mittelschulen tragen, uud bei dem gegen Glauben und religiöse Gebräuche vorherrschenden Jndiffereutismus vieler unserer Eltern völlig enttäuscht werden? Karn, es dann Noch Wunder nehmen, wenn der werdende Doktor, Ingenieur, oder Archltckl trotz des im Gymnasium empfaiigeneli ein bis zweistündigen wöchentlichen aber oberflächlichen Religionsunterrichtes nur dem Namen nach dem Judeuthlime angehört? Fortsetzung und Erweiterung des Unterrichts in der jüdischen Volksschule ist es, was auch uns unerläßlich Noih tbut, weil ohne dieselben jeder Gedanke an einen wahren religiöten, sitllichen uud geistigen Aufschwung des ungarisch jüdlscheu Volkes ein leerer Traum ist. Hier ist ein Feld, wüst und öde daliegcnd, aber der treuen fleißigen Bearbeitung würdig, uud die daraus verwandte Mühe und Kosten tausendfältig lohnend. An unsere Schulmänner der Hauptstadt ergeht die große Forderung dahin zu wirken, daß unsere öffentlichen Hauptschulen aus ihrer Zwangsjacke, in der sie srit 13 Jahren stecken, endlich befreit und eine der Air und dem Jiideiiihume angemessene Gestalt erhalten. Eiu weit jchmerzlicheres Gefühl muß sich unser bemächtigen, wenn wir einen kritischen Blick ans unsere völlig v.rnachläffigten Mädcheuichuleu werfen. Jedermann kennt den wohlihärige» Einfluß eines durch angemessene Bildung und durch eine vernünftige geregelte Erziehlilig veredelten Frauenzimmers auf das gesellige Leben im Allgemeinen uud deren heilsame Folgen ans die Häuslichkeit im Besoudern. Und doch wie höchst stiefmütterlich ist bei uns für den weiblichen Unterricht gesorgt! Abgesehen davon, daß wir im großen Nngarlande keine einzige öffentliche isr. höhere Töchterschule besitzen, müssen unsere Töchter der Hauptstadt, da unsere Gemeinde nur eine dreiklassige anerkannte Mädchenschule besitzt, und diele in gemiuheten Lokalitäten untergebracht ist, zum größten Theile in die Mtffions- oder Klosterschule wandern, wo sie nach einem 3—4jährigen Aufenthalte eine Virtuosität im ״Kreuzmachen" und ni, Beten des ״Vaterunser" erlangt haben. Wir verkennen zwar die großen Opfer nicht, welche die Pester Gemeinde zur Erhaltung ihrer Schulen bringt, ja wir glauben selbst, daß es ihr beim besten Willen unmöglich ist, für eine Bevölke« rung von 30,000 jüdische Seelen Schulen zu erhalten, zumal die jüd. Gemeinde ausnahmsweise keinen Heller zu Schnlzwecken von der Stadt« kommune erhält. Aber im Bereiche der Möglichkeit dürste es immerhin liegen, die bestehende einzige Mädchenschule derart zu reorganisiren, daß sie in jeder Beziehung als jüdische Töchterschule der Hauptstadt ähnli« chen Anstalten aus dem Lande als Muster dienen könnte. Hoffen wir, daß der unermüdliche Leiter unseres Schulwesens, Herr Dr. Hauser, bei I unserm Vorstande endlich dahin wirken wird, daß man diesem bis jetzt nur stiefmütterlich bedachten Institute die ihm so lange entzogene Gleichberechtigung mit unsern andern öffentlichen Anstalten z», Theil lassen wird. Ich gehe nun ans die von Th. geschilderlen jüdischen Stiftungen und Waisenanstalten über, welche nicht minder geeignet sind, unsere vollste Anerkennung und Bewunderung zn erregen. Sie sind folgende: 1. Die Erziehungsanstalt Dina Rauenscher Stift, tung, Spandauerstraße Nr. 48. welche 8 Knaben aus der Familie des Erblassers vom 8.—16. Lebensjahre vollständige Verpflegung und Unterricht gewährt. Der Leiter der Anstalt ist Dr. David Cassel, dem die Erziehung und Verpflegung der Knaben obliegt. Vo»; 1850 bis 1859 sind 18 Knaben aufgenommen und ebenso viele entlassen »vorden. Für die Realien werden einige Hilfslehrer beschäftigt. 2. D i e M o se« M e n d e 1 s s o h n'sch e W a i s e n - E r z i e h u n g S- Anstalt umfaßte im Jahre 1863 23 Zöglinge, und zwar 12 Kliaben und 9 Mädchen. Von den schnlfähtgen Waisen haben 14 den Unter« richt in der jüdischen Gemeindeschule genossen, 4 haben andere Lehranstallen besucht, und 5 sind noch nicht im schulfähigen Alter. Das Kapitalvermögen der Anstalt besteht ans 77,660 Tyalern. Aus einem Vermächtnisse des Herrn David Jakob Rieß sind noch 1484 Thaler zum Kapital eingegangcn. 3. Das Baruch Auerbach'sche Waisen -Erzie hnngS- Institut für Knaben und Mädchen. Diese Anstalt besitzt seitdem Jahre 1853 ein großes schönes Haus mit einem prachtvollen Garten. Die Knabenaristalt bat 24 Zöglinge, welche zum Theil in der Gemcinde-Knabcnichule, zum Theil in den städtischen Anstalten Unterricht empfangen. Das unantastbare Vermögen besteht in 77,468 Thalern und 3091 Thlrn. als Sigenthiim von 25 Waisenknaben. Das Institut für Waisenmäbchen enthält 10 Zöglinge, von denen 6 die Gemeinbe-Mäbchenschule besuchen, nnd 4 für »veibliche HuNbarbeiten ausgcbildet werden. DaS unantastbare Vermögen besteht in 24.427 Tbalern und außerdem noch 3011 Thaler als Eigenlhum der Waiieiimädchen. 4. Die Religionsschule für Knaben und Mädchen. ״Im Jäner 1854 war unter der Leitung des Dirigenten Dr. Rosini eine Religivnsschule für Kliaben und Mädchen hier (Berlin) eröffnet, in »velcher zwei Knaben- und zwei Mädchenklaffen — in getrennten Unterrichtszeiten — mit 71 Zöglingen (43 Knaben und 28 Mädchen) und 4 Lehrer mit dem Dirigenten. Gegenwärtig zählt die Anstalt 139 Schüler: 111 Knaben und 28 Mädchen) nnd 6 Lehrer mit dem Dirigeilten*); es ist die Zahl der Klaffen sowol in dem Unterricht für Kliaben als für Mädchen feit 1857 auf vier erweitert. Ursprünglich stand die Anstalt unter einem von der Gemeinde eingesetztem Kura« tortuni und wurde 1857 als Gemeindcanstalt von der gegenwärtigen Gemeindeverwaltung übernommen. Die Aussicht über die Anstalt führte der verstorbene RabbinalS-Asseffor und Prediger der Gemeinde Dr. Sachs. Eine unter der Leiinng des Drs. Landsberger stehende Privat« Religiousschule ist mit etwa 40 Zöglingen im September 1660 eröffnet worden nnd eine dritte Pcivalschuie für denselben Zweck soll demnächst ins Leben treten. Der aus dem Lehrinstitute der Zacharias Beitel Ephraim'schen Stiftung durch Herrn Rabbinatsverwalter Octtinger ertheitte Talmud« Unterricht ceffirt vorläufig seit dem erfolgten Hintritte desselben. Der RabbiliatS-Assessor Rosenstein gibt in hergebrachter Weise einigen jungen Leuten Talnind.-Unterricht. Der von dem Berliner Gemeindevorstand und den Repräsentanten beschlossene und ausgeführte Bau eines großen SchulhauseS, worüber *) Bei uns in Pest zählt die Mädchenschule 445 Zöglinge mit nur drei Lehrern und drei Lehrerinnen.

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