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Ben Chananja · 1864-06-01 · 22 (1.6.1864) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
22 (1.6.1864)
Date
1864-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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451 462 die Majorität für Einräumung des bisher ihm versagten Rechtes gewinnt." (S. 92.) Der Herr Konsistorialrath ist mit den Londoner Wählern und dem englischen Parlamente unzufrieden; um mit sich selbst nicht in Widerspruch zu gerathen, muß er denselben ״eine rationalistisch-naturalistische Auffassung der hier in Betracht kommenden Dinge" zuschreiben. Darin hat er entschieden Unrecht. Gewiß säße aber kein Jude im englischen Parlamente, wenn die Londoner Wähler und die englischen Parlamentsmitglieder lauter oder doch der Mehrheit nach konsistorialräthliche Pfaffen wären. U 4 tofau. Von L. D. London, 17. Mai 1864. והנפש המשכלת תשתכל כללי הרבו־ (Mußare Ha-Filosofiui 2, 17.) Gestern wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, der es wol verdient, daß ihm in diesen Blättern ein Denkmal gewidmet werde: dieser Mann war M. H. (Mardechai b. Chajjim) Breslau, viele Jahre hindurch Redakteur des ״Jewish Chronicle." Derselbe wurde in Hamburg geboren. Sein Geburtsjahr ist uns nicht bekannt; wir glauben aber, daß es 1806 oder auch 1807 sein könnte. Breslau war Schulgenosse von Dr. S. R. Hirsch in Frankfurt am Main und von Dr. Fensdorf, Direktor des israelitischen Seminars in Hannover. Seine Erziehung war ursprünglich dieselbe, welche zu jener Zeit den meisten jüdischen Knaben zu Theil wurde: nicht schlechter, aber auch nicht besser. Er wurde zum Handelsmanne bestimmt. Schon in seiner Jugend kam er nach London, und lebte hier einige dreißig Jahre. Im Laufe der Zeit wurde er Engländer. Sein Leben war wechselvott; er versuchte Allerlei. Die allgemeinen, wie die speziellen Verhältnisse brachten manche Eigenthümlichkeiten in sein Wesen, welche einem literärischen Porträtmaler Stoff zu seiner Schilderung bieten. Ein solches Porträt zu liefern, liegt aber in diesem Augenblicke nicht in unserer Absicht. Wir beschränken uns auf folgende Notizen. Breslau war ein guter Hebraist, oder nach einer weitverbreiteten jüdischen Bezeichnung ein Muschlam. In der Zeit seiner Jugend war dieser Ausdruck in jüdischen Kreisen in voller Blüte; er bezeichnete die Bestrebung und zugleich das Ziel derselben. Br. wußte natürlich auch gut deutsch. Schiller, dessen Gedichte und Theater einst ein Frühlingsgarten junger, edler Seelen waren, hatte auch in seinem Gemüthe eine Heimat gefunden. Zitate aus Schiller, welche Br. oft in seiner Konversation gebrauchte, bewiesen, wie tief der große Dichter ihm ins Gemüth gedrungen war. Br. war ein gründlicher Bibelkenner und ein guter hebräischer Grammatiker. Er hat diese Kenntnisse aus seiner Vaterstadt mitgebracht. Daß er zur Erlangung dieser Kenntniffe augeleite! wurde, ist das Verdienst seiner Eltern; daß er in London das Erlernte nicht vergaß, ist sein Verdienst. BreSlau'S langer Aufenthalt in England machte denselben zum Journalisten im allgemeinen Sinne des Wortes. Als vor einigen Jahren das ״Jewish Chronicle" ins Leben trat, um gegen ein anderes Blatt (קול יעקב), welches sich jedoch nur einer kurzen Lebensdauer erfreute, zu opponiren, schloß sich Br. der Reihe der Mitarbeiter an, oder vielmehr: er schrieb das ganze Chronicle, da von Mitarbeitern in dem Sinne, in dem man sich dieselben bei Journalen gewöhnlich zu denken Pflegt, keine Rede sein konnte. Das Blatt, d. h. der Eigenthümer desselben, verließ ihn zuweilen; zuweilen verließ Br. das Blatt. Die einstweiligen Redakteure, welche in der Zwischenzeit an Br.'s Stelle traten, mußten demselben stets wieder Platz machen, da dessen hebräischen Kenntnisse ihn unentbehrlich und unersetzlich machten. Seinen Werth als Redakteur hat man am Besten in seiner Abwesenheit erkannt. Es ist überflüssig zu beweisen, daß ein Journalist, der allerdings zugleich ein Gelehrter sein kann, nicht nothwendiger Weise wirklich gelehrt sein muß. Den gebietenschen Augenblick im Fluge zu ergreifen, und bei sich darbtetender Gelegenheit ein passendes Wort zu sagen, — dies ist die Aufgabe des Journalisten, dies sein Ruhm und seine Kunst. Er muß feine Worte schnell und eindringlich auf einander folgen lassen. Man braucht heute die Simpathie des Publikums für irgend etwas; der Journalist muß das liefern, worauf sich die gewünschte Simpathie stützen kann und soll. Morgen braucht man nach einer gewissen Seite oder Richtung hin ein Bischen Aufregung; der Journalist sendet dieselbe fertig in die Welt hinaus. Ein anderes Mal sind es Gefühle, Urtheile, Zergliederungen von Thatsachen, die man braucht; alles dies muß der Journalismus vorräthig haben, damit man es in der kürzesten Zeitfrist zum augenblicklichen Gebrauch fertig erhalten könne. Der Journalist ist der Herrscher des Augenblicks, und zugleich der Dolmetscher, der Ankläger und Vertheidiger desselben. Er ist Alles in dem Augenblick und für den Augenblick. Dieser ist aber kurz und begrenzt auch die Dauer der Nothwendigkeit seines Repräsentanten, dessen Herrschaft mit dem Ende der Nothwendigkeit aufhört. Was er produzirt, wird nur Einen Tag gelesen; die untergehende Sonne desselben Tages findet nur schwache Erinnerungen daran. Der nächstfolgende Tag findet Alles verschwunden. Es hat aber an dem Tage, als es erschien, Eindruck gemacht! Alles dies hat Br. verstanden, und seine Leser sahen augenscheinlich, daß er es versteht.*) Seine journalistische Tüchtigkeit allein erhob ihn schon über das Gewöhnliche. Er hat aber außerdem noch gegründete literarische Ansprüche durch die von ihm verfaßten Bücher, deren praktische Brauchbarkeit nicht zu bezweifeln ist. Er gab nämlich eine Art von ״Deutsch-Chumesch" in englischer Sprache heraus: ein erbauliches Buch, nach den Wochenabschnitten (NN1O) geordnet, welches vielen Beifall gefunden hat-und *) Urber d. Hebrew Rewiew desselben hat Dr. Jemand einige Worte in diesem Blatte (4. Jahrgang Nro. 4 S. 28) gesagt.

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