Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 21 (25.5.1864)
- Date
- 1864-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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429 430 eintreten, bei weitem nicht hinreichend, sich in drei Sprachen (ungarisch, deutsch und hebräisch) vollkommen auszubilden und überhaupt jenen Grad des Wissens und Könnens zu erreichen, welcher von einem ungarischen israelitischen Lehrer mit Fug und Recht verlangt werden kann. So sehr wir aber auch diese Behauptung vom Standpunkte dessen, was der Lehrer sein soll, zu würdigen wissen, können wir uns gleichtvol milder Konsequenz, die daraus gezogen wird, aus Rückficht darauf, was der ungarisch-israelitische Lehrer sein kaun, nicht einverstanden erklären. Zählt man die Lehrer, die bisher die israelitische LehrerbildungS- Anstalt mit einem Diplom verlassen (1861: 26; 1862: 23; 1663. 11), so muß man die Anzahl derselben im Vergleiche zu den 300 israelitischen Gemeinden, welche die Thätigkeit von nngefähr 1000 Lehrern (Privatlehrer mit eingerechnet) beanspruchen, eine erschrecklich geringe nennen. Was kann aber hiervon die Ursache-sein, als Mangel an Neigung, stch dem Lehrstande zu widmen? Wol dürften manche geneigt sein, den berrgten Uebelstand auf Kosten der Anstalt zu setzen. Wir indeß, die wir dieselbe aus eigener Anschauung gründlich kennen, haben uns die Ueberzeugnng verschafft, daß sie trotz mancherlei Mängel (wovon zu sprechen wir uns die Gelegenheit Vorbehalten), mit welcher Schwesteranstalt des Landes immer wacker den Vergleich aushält. Wir dürfen und können uns also die schwache Frequenz der kön. lsraelitischen Präparandie nur dadurch erklären, daß unsere wackeren Jünglinge, die sich sonstigen geistigen Thätigkeiten (Medizin, Advokatie, Technik u. s. w.) mit sichtlicher Vorliebe zuwcnden, zum Lehrfache keine Neigung haben. Ist aber die Neigung zum Lehrfache bei einem zweijährigen PräparandenkurS so gering, wie gering, fragen wir, muß dieselbe erst werden, wenn wir dem Kandidaten zumuthen, daß er sich längere Zeit anstrenge und Hunger leide? Wahrlich, die Herren, welche von einem drei-, vier-, fünf-, ja sogar sechsjährigem PräparandenkurS sprechen (so wir nicht irren, sind es Herr Rabbiner Hochmuth und Herr H. Deutsch, welche letzteres befürworten), zeigen, daß sie die Wichtigkeit des Lehrfaches wol erfassen, daß sie aber ob ihrer Ideale der faktischen Verhältnisse und Umstände gänzlich vergessen. Wir wollen daher den Herren Folgendes zu bedenken geben. Ein Jüngling ans besserem Hause wird nie Lehrer. Der Sohn armer Eltern aber hat, nach dem er die vorgeschriebenen zwei Real- oder drei Gymnasialschuleu mühe- und kummervoll durchgesristet, kaum die Mittel, um nach der Hauptstadt zu kommen. Nun ist er endlich in der großen, fremden, lieblosen Stadl. Woher aber das Nachtlager für den müden Leib, den sättigenden Bissen Brod für den hungernden Magen, woher die hundert andern Bedürfnisse? Die große Stadt ist gar höflich und freundlich, gibt aber nichts umsonst. Und hat der arme Kandidat vielleicht einige Lektionen zusammengebracht, wodurch er sein Leben fristen könnte, legt die Präparandie ihr Veto ein, und spricht: ״Du mußt dir drei Sprachen voNkommen eigen machen, mußt außerdem einen höher» Grad genereller Bildung erlaugen — ich kann von deiner Zeit nichts missen — deine Zeit gehört mir." Dies oder ähnliches ist das Geschick derjenigen, die berufen sind, dem Staate erwcrbfähige, wohlgefinnte Bürger zu erziehen, und wahrlich, ein solches Geschick ist nicht darnach angethan, um niisere ebenso strebsame, als praktische Jugend für den israelitischen Lehrstand besonderS zu begeistern. Wer also tüchtigere Lehrer wünscht, als sie die bestehende Präparandie liefert, schlage ja nicht eine Verlängerung der Lehrzeit vor. Je mehr Lehrjahre dem Präparanden zngemuthet werden, desto mehr muß die Neigung zum Lehrstande erkalten, destoweniger werden die begabter» Jünglinge sich veranlaßt fühlen, die Präparandie aufzusuchen. Wir find wol auf den Einwand gefaßt: wer zum Lehrfach inneren Beruf fühlt, wird fich durch ein Lehrjahr mehr oder weniger nicht berücke» lassen, werden aber aus dem heiligen Lehrerthume nur einen schnöden ErwerbSzweig mache» will, der bleibe nur von der Präparandie weg. Diesem idealistischen Einwand aber setzen wir das praktische ״Wo kein Brod ist, ist keine Thora" entgegen. Za, die Zeit des Märtyrerthums ist um. Und bevor der Jüngling der Jetztzeit feine Carriöre wählt, fragt er stch zweimal: ob das, was zu ge- Winnen, zu dem, was er einsetzt, im richtigen Verhältniß steht. Und wahrlich! 4 Elementar- und 3 Gymnasialschulen nnd zwei Jahrgänge der Präparandie als Einsatz, als Gewinn aber einige hundert Gulden jährlichen Gehaltes mit der stets wahrscheinlichen Aussicht, nach einem Jahre fortgejagt zu werden — ist ein Verhältniß, das nicht viel Verlockendes hat. Noch einmal! wollt ihr bessere Lehrer haben, so ist das Mittel dazu weniger in der Verbesserung der Präparandie, als in der Verbesserung der Stellung der Lehrer zu suchen. Wir für unfern Theil finden daher nicht nur den zweijährigen PräparandenkurS lang genug, sondern möchten für begabte junge Leute, namentlich für Talmudisten, welche außer der Kenntniß der hebräischen auch die der ungarischen Sprache Nachweisen, noch die Begünstigung anrathen, daß sie gleich in den zweiten Jahrgang eiutreten dürften. Denn die Erfahrung lehrt es, daß- Talmudisten, deren intellektuelle Anlagen durch das gcistbildende, zum Forschen zwingende Talmudstudium gehörig entwickelt und an ausdauernde Thätigkeit gewöhnt worden, ohne nur jemals eine Präparandie gesehen zu haben, sich autodidaktisch zu ganz tüchtigen Lehrer ausbildeten. Was hätten aber solche Männer erst geleistet, wenn sie anstatt auf dem unermeßlichen Meere des Wissens kompaß- und steuerlos jahrelang umherznirren, und Plan- und zwecklos von Gegenstand zu Gegenstand überzuspringen, gleich in eine Präparandie hätten eintreten kön« nen, wo ihrem Wissensdurst die lebendigen Quellen gezeigt, ihrem ah- «enden Streben die gehörige Richtung gegeben worden wäre? Die Tüchtigkeit des Lehrers wird bei weitem nicht von der länger» oder kürzern Zeit bedingt, die derselbe in der Präparandie ׳verweilt, sondern vor allem durch die persönliche Begabung und die Vorbildung, die er beim Eintritt in dieselbe mitbringt. Bevor wir aber unfern Aufsatz schließen, möchten wir noch die Anhänger des längern PräparandenkurseS auf einige faktische Hindernisse aufmerksam machen. An sämmtlichen*) Präparandie» der Monarchie ist, so viel wir wissen, der zweijährige Kurs eingesührt. Was soll nun mit jenen Präparanden geschehen, die den ersten Jahrgang an einer christlichen Präparandie gehört, den zweiten aber in Folge gewisser Umstände an der jüdischen zu hören veranlaßt sind? Sollen dieselben wieder vom Anfange anzusangen genöthigt werdrn? Das wäre unbillig. Soll man sie in den zweiten Jahrgang eintreten lassen? dagegen spricht wieder die verschiedenartige Organisation der respekliven Anstalten. Ferner: da an den christlichen Präparandien der zweijährige Kurs eingeführt, steht es nicht zu befürchten, daß die jüdischen Kandibaten dem kürzern Kurse den Vorzug geben würden? Oder sollen wir etwa die jüdischen Kandidaten zwingen, daß sie aus den weitesten Gemarken des Landes nach der Hauptstadt pilgern?*) Wahrlich das wäre ebenso ungerecht, als höchst unpolitisch. Nun da wir die uns gestellte Frage, wie wir glauben, nach allen Seiten geprüft und beleuchtet, glauben wir enden zu sollen. Unser Standpunkt gegenüber derselben, dies bethcucrn wir. war ein vollkommen objektiver. Sollten wir den freundlichen Leser nicht zu sehr ermüdet haben, erbitten wir uns seine gewogene Aufmerksamkeit auch für *) Katholischen, denn die Protestanten führen allmälig den dreijährigen Kurs ein. Red. ")Wir sehen hierin nichts Nachthciliges. S. die folgende- Anmerkung. Red.