Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 14 (6.4.1864)
- Date
- 1864-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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287 288 T. K. Pest, 3. April. Es lebe die deutsche Gründlichkeit! die hat jetzt die nagelneue Entdeckung gemacht daß das Buch Ruth zu den — Profeten gehört. Lächle nicht, freundlicher Leser; mußten ja auch die Vertrauensmänner aus dem industriellen Stande, in deren Mitte der Oberhirt der größten ungarischen Gemeinde dieses Substrakt seiner theologischen Forschungen mit salbungsvoller Miene offenbarte, sich insgeheim, ins Fäustchen lachen, Nun höre weiter. Es wurde natürlich bei verschloffeneu Thüren — debattirt, wo, in welcher Stadt eigentlich das Rabbiner-Seminar errichtet werden soll, die meisten Herren entschieden sich für eine Provinzia'.stadt, da die Metropole nicht geeignet sei, die Kandidaten ln spe an ein asketisches Leben zu gewöhnen; Pest überhaupt wegen der mannigfaltigen Verlockungen als Centralsitz des Lurus, der Genußsucht rc. der theilweise unsittlichen Jugend — was rief der erwähnte geistliche Würdenträger: ״Für meine Jugend stehe ich gut, daß diese unverdorben ist." ״Ei", replicirte hier» auf ein wirklich gelehrtes Oberhaupt einer der gebildetsten Gemeinden Ungarns ״wenn dem also ist, wozu haben denn Ew. Ehrwürden Herr Doktor, in dem bekannten Memorandum so lang und breit über die Demoralisation der Juden in Pest Beschwerde geführt?" (abermaliges Lächeln aller Anwesenden.) So, mein bester ״Ben Chananja" jetzt genug, sonst kommen noch haarsträubende Dinge! § Pest, 1. April. Ehegestern fanden die Berathungen der israelit. Vertrauensmänner bei der hohen Statthalterei statt; gestern war mehrstündige Konferenz beim gegenwärtigen KultnSvorsteher und heute fand abermals eine Sitzung sämmtlicher VertraueiiOäuner im Statt- Haltereigebäude statt, die bis 3 Uhr Nachmittags währte. Das Operat des Rabbiners Steinhardt wurde Punkt für Punkt genau und ausführlich erörtert; eS soll da manche interessante Szene stattgefnnden haben, 'die aber schwerlich in die Oeffentlichleit kommen dürfte, denn die Verhandlnngen wurden bei verschlossenen Thüren geführt. Das MMlle Benehmen und die praktische Routine des Herrn C. L. PosneAMll viel beigetragen haben, daß die Debatten gewisse Gränzen nicht überschritten haben A. Prag, 31. März. Die gestrige TageSordnuug des LandtageS hatte zum ersten Gegenstand den Entwurf einer Kultusord* nung für die Israeliten in Böhmen. Derselbe wurde bekanntlich in der vorigen Landtagösaison, begleitet von einem Memoire vom Landtagsdeputirten Herrn Redakteur Kuh, zur verfassungsmäßigen Behandlung dem h. Landtag unterbreitet. Bor Aufnahme der Verhandlung erklärte der Kardinal Schwarzenberg, daß er sich der Abstimmung enthalten werde, da ihm seine Stellung dieses gebiete. Ganz anders war die Erklärung des Pater MatusewSky. Dieser betonte, daß im freien Staate eine freie Kirche bestehe, und wollte diesen Grundsatz so weit angewendet wissen, daß die Judenschast in Böhmen ihre Verhältnisse selbstständig, krast ihrer Autonomie ordnen möge und die vollendete Organisation der Behörde zur Kenntnißnahme mittheile , und erklärte aus diesem Grunde den Landtag für inkompetent. Der Deputirte der Josefstadt, Herr Dr. Tedesko, sprach für die Verhandlung und für die Kompetenz des Landtags, welcher Ansicht sich: auch die Herren Redakteure Kuh, Skrysevsky und Graf Leo Thun anschloßen. Auf Antrag des Dr. Tedesko wurde der Entwurf einer Kommission zur Berichterstattung übergeben. Indessen hat derselbe doch wenig Aussicht, in seiner jetzige» Gestalt Landesgesetz zu werden, da der Regierungskommiffär Graf Belcredi erklärte, daß die Regierung die Arbeiten des Landtages bloS als Material benützen würde, da die Ordnung von Kultusverhältnissen dem ReichSrathe Vorbehalten sei. Ferner habe ich heute zu melden, daß der alte Tempel umgebaut, vergrößert und zu einem Prachtgebäude umgestaltet werden soll. Die Mitglieder des alten Tempels gehören der Elite der Gemeinde an, Pekuniäre Verlegenheiten sind da nicht vorhanden, was bei dem Meiseltempel nicht der Fall ist. Nur im Falle eö Dr. Stein gelingen sollte, die Geldaristokratie dem alten Tempel abtrünnig zu machen, hat der Meiseltempel Aussicht , daß die, kostspielige Weise seiner Ausstattung von, Bestand bleiben., werde und daß den Er- Wartungen nicht Enttäuschungen folgen dürften. Die ״Zeitstimme", sonst sehr konservativ in ihrer Haltung, hat seit kurzem eine Schwenkung nach links gemacht. Vielleicht ist es dem rührigen Vorstande der Meiselsynagoge gelungen, in ihr eine ״Stimme" zu gewinnen. P. Prag, 21. März. Das erste Heft der in diesem Blatte bereits angekündigten Sippurim ist bereits verleidet. Möge dem wackern Herausgeber die erforderliche Aufmunterung zur Fortsetzung seines Unternehmens zu Theil werden! Kurze titerärische Nachrichten. 27. Die Reden, welche Dr. Joel bei der Beerdigung des Drs. Sachs und des DrS. Veit gehalten, sind in Dümmlers Verlagsbuch- Handlung in Berlin erschienen (8, 16.) Die Verehrer dieser beiden vcrehrungswürdigen Männer werden gewiß nicht versäumen, sich diese, das Verdienst mit gebührender Wärme verherrlichenden Reden anzuschaffen- Den sel. Sachs nennt der Trauerredner, der sich durch seine literärischen Arbeiten einen bedeutenden Ruf erworben, einen Elias,׳ und fügt hinzu: ״Ach, daß es kein Bild und kein Gleichniß ist, ach, daß-es die Sache selbst ist! Denn wir suchen vergebens dieses Mannes Gleichen unter den Menschen unserer Tage, wir müssen ihn suchen unter den alten Gottesmännern und Profeten." — Daß man selbst in Berlin, und selbst bei solcher Gelegenheit eine witzige Pointe nicht verschmäht beweist folgende Stelle aus der Rede über Veit: ״Aus den Worten der Schrift: ״Und Hiob stand auf und zerriß seine Gewänder, folgern die Alten: מכאן שצריך לקרוע מעומד, man müsse, indem man. die höchsten Zeichen der Trauer gibt, aufrecht stehen bleiben. Ja, bleiben wir aufrecht stehen! Verzagen wir nicht, sondern ehren wir unsere großen Todten, indem wir uns bemühen, zu zeigen, daß wir ihrer würbig find." 28. Das Denkmal im Herzen ist der Titel einer Trauerrede, welche Dr. Ko back über den König Maximilian II. gehalten hat, und die in der Buchuer'schen Buchhandlung in Bamberg erschienen ist (8, 12.). Die Rede schildert den sel. König als Menschen und als Herrscher mit warmen, ungeheuchelten, ergreifenden Worten. Im zweiten Theile sagt der Redner: ״Baiern hat nun einen wahrhaft religiösen Frieden; die gegenseitige Duldsamkeit aller Glaubensbekenner hat einen festen und sichern Boden gewonnen. Heil dem Staate, wo diese Tugend, die Duldsamkeit, von allen Mitgliedern desselben gehegt und gepflegt wird. Sie ist die Quelle der wahren Glückseligkeit für die Menschen." Wenn die Schilderung des begabten und wackern, Redners frei von jeder oratorischen Lizenz ist, was wir voraussetzen, muß der Fortschritt der Toleranz in Bai ern wirklich als ein rapider bezeichnet werden. 29. Von den Todten wende» wir uns zu den Waisen: ״Gott der Vater der Waisen!" Unter diesem Titel gab unser gelehrter Mitarbciter, Herr Oberrabbiner Ka h n in Tri e r die Predigt heraus, welche er am 29. August v.J. bei. der Einweihung des jüdischen Waisenhauses in Paderborn gehalten hat. Text: Ps. 88, 4—7. Die Wahrheit des Ausspruches: ״Wenn mich, auch Vater und Mutter verließen, so nimm! doch Gott mich auf," wird bestätigt: durch die allgemeine Erfahrung, durch die h. Schrift nud durch die Geschichte Israels. Die edle, zum Herzen sprechende Popularität des verehrten Redners tritt auch in der vorliegenden, sehr gelungenen Predigt hervor Wir können es uns nicht versagen, folgende Steste, die zugleich ein Stück Biografie unseres hochverd ienten und verehrten Freundes ist, hieher zu setzen: ״Und nun endlich zu Euch, meine lieben Kinder. ״Tretet doch