Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1864-03-23 · 12 (23.3.1864) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
12 (23.3.1864)
Date
1864-03-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2542917-2543121-2543134--3581-2547471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 246 mnd stellten, und sich manche Ausschreitung gegen das zeremonielle Herkommen erlaubten. Von den jüdischen Kulturzuftanden begünstiget, breitete sich der ChaßidäiSmuö in Galizien und im nördlichen Ungarn nichtsdestoweniger immer mehr auS. Der den übrigen Inden als solchen gewahrte Schutz ist ihnen niemals entzogen worben. Diese Antezedentien sind wol vollkommen geeignet, die zahlreichen Freunde der Reform zu beruhigen. Letztere ist in den österreichischen Synagogen allerdings nicht zum vollen Durchbruche gekommen. So weit ist sie aber denn doch vorgeschritten, daß sich die Orthodoxie berechtigt glaubt, den Stab darüber zu brechen. Ist deshalb den betreffenden Synagogen der gesetzliche Schutz entzogen worden? Es ist wahr, die Vertreter der neuen Synagogen bestanden bisher darauf, der Negierung gegenüber ebenfalls für Orthodore zu gelten. Das Verhältniß würde aber ohne Zweifel dasselbe bleiben wenn sie ihren Gegnern den von denselben so eifrig angestrebten Ruhm der Orthodoxie gönnen würden, und sich den durchaus nicht unehrenhaften Namen Ncformjuden oder reformirte Juden gefallen ließen. Der Weg, den sie einzuschlagen haben, ist ihnen klar genug vorgezeichnet. Der Negierung gegenüber haben sie den wahrheits-' gemäßen Beweis zu liefern, daß ihr Gottesdienst, ihr Ingendunterricht und alle ihre religiösen Institutionen auf dem Boden des positiven, geoffenbarten Judenthums ruhen. Wenn enragirte Orthodore sie als gefährliche Neuerer denunziren, weil sie z. B. im offenen Widerspruche mit dem Talmud am Versöhnungötage beschuht in der Synagoge erscheinen; so brauchen sie sich den Behörden gegenüber nur auf die Karäer zu berufen, die ja die Autorität des Talmuds in keinerlei Weise anerkennen, ohne, daß es der Negierung jemals in den Sinn gekommen wäre, sie als gefährliche Neuerer zu verfolgen, oder ihnen auch nur den gesetzlichen Schutz zu entziehen. . Werden etwaige liturgische Reformen zum Gegenstände einer Angeberei gemacht, so braucht nur an die Chaßidäer erinnert zu werden, die sich auf diesem Gebiete ebenfalls Neuerungen erlaubten, ohne daß sie von der Regierung verhindert worden wären, ihre Gesänge und Tänze zu erekutiren, oder sich an ihren sabbathlichen Symposien zu ergötzen. Bei der Vertretung nach Außen müssen die Reformfreunde die ganze Jndenheit und auch das ganze Jndenthum mit in den Kreis ihrer apologetischen Bestrebungen ziehen. Angriffe auf den Talmud, das rabbinische Schriftthum oder die jüdische Ehre müssen sie mit Sachkenntniß, Freimuth und Energie zurückweisen. In Ungarn sind es vorläusig nur die reformistisch Gesinnten, welche das Judenthum nach Außen würdig vertreten. Unter den Subskribenten des frommen ״Mainzers" ist nicht ein Einziger dazu geeignet, nicht einmal die Rabbinen zu Bezdan, .Belenye und Csorna, die an dem neuesten Feldzuge der neuorthodoren Romantik so glorreichen Antheil genommen haben!! Der Wissenschaft des JudenthumS müssen die Freunde des Fortschrittes und der Reform die eifrigste Pflege und Sorgfalt angedeihen lassen: die Gelehrten durch fleißige Bereichernng, die Nichtgelehrten durch großmüthige Unterstützung der Literatur. Die ganze neuere Literatur der jüdische» Wissenschaft, welche der Verherrlichung der Lehre und Ehre Israels gewidmet ist, hat der reformistischen Schule ihren Ursprung zu verdanken. Denn zur reformistischen Schule gehört auch Rappoport, der in seiner Jugend von dem Lemberger Rabbiner verfolgt wurde, sich in seinem Alter Chorgesang und Orgel gefallen läßt, worüber die ungarische Orthodoxie einstimmig den Stab bricht, und dem die Orthodorie niemals zumuthete, mit ihr Hand in Hand zu gehen. Unter den Protesten, die seit zwanzig Jahren von ihr׳ ausgegangen sind, ist nicht ein einziger von Rappoport mitunterzeichnet; auch an dem neuesten Versuche der Orthodoxie, den Messias im Wege der Subskription erscheinen zu lassen, hat er sich nicht betheiligt. Zur reformistischen Schule gehört ebenso Frankel, den Hirsch in Frankfurt am Main als einen unverbesserlichen Ketzer proklamirte. Die Orthodoxie hat noch nicht einmal den Versuch gemacht, eine Geschichte der Juden zu schreiben, und sie kann und wird auch diesen Versuch nicht machen. Ihre wissenschaftliche Literatur repräsentirt das Mincha Tehora von Dr. Hildesheimer , worin z. B. folgende Sätze Vorkommen: ״Eine ideale Natur soll das Motto unseres Lebens sein" (S. 10) ״Das Symbol des Geruches malt den Begriff des rein zu Nichtmateriellem, Ideellem, bestehenden Materiellem." (S. 11.) Der Urheber solchen Unsinnes ist in der That zugleich ein würdiger Ur- Heber ostensibler Demonstrationen, die weder dem Judenthume nützen, noch den Juden zur Ehre gereichen. Sehr häufig hört man die Besorgniß aussprechen, daß, die Reformfreunde, bekenneten sie sich frei und offen zur Reform, einen Bruch, einen Riß, eine Spaltung im Judenthume herbeiführen würden. Allein es sind ja eben die Ver- ' tretet der Orthodoxie, welche diese Spaltung wollen und proklamiren. Hirsch schrieb schon 1862 : ״Es stehen in Wahrheit jüdische Orthodoxie und Neologie in weit tiefer einschneidendem Gegensatz zu einander, als Katholizismus und Protestantismus"! (Jesch. 8, 191.) Ueber die Grenzen der Neologie sind allerdings die Orthodoxen nichtsweniger als einig, und vor dem Forum des heiligen Hillel in Szikßä sind Hirsch und Hildesheimer gerade die gefährlichsten Neologen. Die Freunde der Reform mögen die Austragung, dieses Streites getrost den Orthodoxen selbst überlassen; dabei aber die ihnen vorgezeichnete Bah» mir Umsicht, Ausdauer, Friedensliebe und Gottvertrauen verfolgen. 1-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.