Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1864-03-09 · 10 (9.3.1864) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
10 (9.3.1864)
Date
1864-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2542917-2543121-2543132--3558-2547446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 2W beisammen zu haben. Und so sind die erbaulichen Predigten selbflver« stündlich ohne alle Wirkung, da sie zwischen -leeren, wenn auch schöne» Mauern-verhallen. Hat ein Jsraelite bei uns ״Jahrzeit", muß er einen׳ Tag-vorher dem BethanSinspizienten die Anzeige machen und dieser hat dann ׳seine Hände-voll zu thun, um theils für Bezahlung, lheils aus -Gefälligkeit ein Minjan herbeizuschaffen. Doch.hören Sie weiter, liebe Leser, und -staunen Sie über eine Anomalie sondergleichen. Das ganze Chor-personale, das da an der Stelle der Leviten die religiösen Lobgesänge crekutirt, besteht aus lauter Christen, es wird nämlich ein Theil des großen Chores aus der Thomaskirche auch zur Verrichtung der Gebete im jüdische» Bethause verwendet! Eine solche Einrichtung bcdarf wirklich keines Kommentars. 8. 6. Breslau, 5. März. Der letzte Abend des vorigen MonatS versammelte die Mitglieder des jüdischwissenschaftlichen Vereins!sehr zahlreich im Vereinslokale. Der Vorstand erstattete Bericht über die Vercinsverhältniffe des vorigen Jahres. Dieselben hatten sich wesentlich besser gestaltet, die Zahl der Mitglieder war bedeutend gestiegen -und das Interesse für die Vorlesungen an den VcrcinSabenden ein im- -mer reges-geblieben. , Nachdem .der Vorstand seinen Bericht geschlossen, sprach Herr Dr. Samuelsohn über die Stellung der jüdischen Frauen -vor -dem babylonischen Erile. Nachdem der Redner die Stellung der Frauen überhaupt als den Gradmesser des jeweiligen Kulturzustandes eines Volkes bezeichnet, zeigte er durch zahlreiche B'lege aus der Bibel, -welche';würdige Stellung -dem jüdischen Weibe im Gegensätze zu den andern orientalischen Frauen zngctheill war und lieferte hierbei eine anziehende Schilderung des jüdischen Frauenlebens von den Stamm- Müllern bis zu den in allen Künsten der Koketterie erfahrenen Zeitgenossinnen des Proseten Jesajas. In Betreff der Frage ob Monogamie oder Polygamie bei den Juten prävalirend gewesen, entschied sich der Redner dahin, daß die Polygamie du jure zwar erlaubt, du facto aber nie -anzulreffen gewesen sei. Dem interessanten Vortrage folgte das Publi- -kum mit größter Spannung. Inland. 8 Pest, 5. März. Als unser Vorstand dem Szegcdiner Vorstände-in Betreff der neuen Stcmpelgebühr Auskunft gab, war demselben noch nicht bekannt, daß von dem Obcrrabbinate' in der Thal die Abfchrift deS Trauungs-Peotokolles seit 1831 gefordert wurde, um auf Grundlage dieses Ausweises die neue Steuer von den talmudischcn Susim einzuforderri. (Die Abschrift deS Tranungs-P,otokottes hat auch die Szegediner Finanzdireklion verlangt. Wir bitte» unsere geehrten Korrespondenten dringend, uns berichten zu wolle», was in dieser Ruckficht in -ihrer Gegend veranlaßt wurde. Red.) Es ist aber unerklärlich, wie man die Besteuerung der Kethuba bei uns vorbereiten kann, während dieselbe in Wien unter den Augen des Finanzministeriumö nicht besteuert wird. Der Mangel einer legitimen Nepräsentanz der ungari« scheu Judenschaft muß auch bei dieser Gelegenheit schmerzlich empfunden werden. Unsere hiesigen ״Takkifim" könnten vielleicht Vorstellungen machen; auch dürfte es ihnen nicht schwer sein, für die kleinen Gemeinden, deren Schulen seit Monaten gesperrt sind, ei» gutes Wort zu verleihen. Sie haben aber jetzt nicht Zeit dazu, indem sie sich durch das Studium deü österreichischen Methodenbuches für die bevorstehenden Konferenzen vorbereiten. — Pest, v. März. Gestern hielt Herr Dr. Nüzsay im israelitisch-ungarischen Verein einen populär-wissenschaftlichen Vortrag über das Wasser. Nachdem er die Bedeutung des Wassers bei den alten Völkern in koSmogonischer, bei den neuern in geologischer Hinsicht erwähnte, ging er auf die Wichtigkeit desselben im großen Haushalts der Natur, und dessen heilsamen und verderblichen Einfluß '׳auf Stein, Thier und Pflanze über, und breitete sich so den Weg zur diätetischen.Besprechung des Wassers im Allgemeinen, und -insbesondere des Pestee Brunnenwassers. Cs wurden Wasserproben aus den verschiedenen Sladttheilen in Natura vorgezeigt, und mittelst geeigneter Reagenzmittel dargethan, daß viele, um nicht zu sagen, dre meisten ׳ Brunnen Pcsts einen Ueberschuß an gesundheitsschädlichen Bestandtheilen, als: Kohlensäure, Kalk, Magnesia, Eisen, Ammoniak u. s. w. enthalten. Es wurde die traurige Thatsache angeführt, daß in Folge des schlechten TriukwafferS in mehreren öffentlichen Krankenhäusern die Krankheit«- und TodeSziffer sich gesteigert habe, und manche Fabrik (Spiritus) des kalkhaltigen Wassers wegen ihren Betrieb einstdle» mußte, bis all diesen Ucbelständcn durch Grabung neuer Brunneu zeitweilige Abhilfe geschafft würde. Es wurde ferner mit großer Wahrscheinlichkeit die bei unso sehr zunehmende Sterblichkeif, veranlaßt durch Typhus und Tuberkulose, dem verdorbenen und unzureichenden Trinkwaffer im Vereine mit unserem Straßenstaub zngeschricben. Als die Panacce all dieser Nebel wurde die bereits proscklirte Wasserleitung bezeichnet, und mit begeisterten, schwungvollen'Worten deren Nothmendigkelt hervorgehoben. Der Vortragende wies darauf hin, daß nicht nur die großen Städte des Auslandes, sondern auch Szegcdin sich einer Wasserleitung erfreue, und man der blauen Donau das nicht versagen werde., dessen die Anwohuer der blonden Theiß sich erfreue». Der Vortrag, dem auch einige gelehrte Nichtjnden beiwohnten, ward von dem zahlreichen Auditorium recht beifällig aufgenommeu. . Veßprim, 28. Februar. Wir wenden uns von Eperies gegen Süden und langen auf unfreundlichen Wegen in Ujhely, dem Jerusalem ObernngarnS, -an. Die Gemeinde daselbst gehört en den ältere» Gemeinden unseres Vaterlandes, und war schon am Ende des vorigen Jahr- Hunderts durch ihren berühmten chassibisch׳m Rabbi Mose Teitclbanm in religiösen Angelegenheiten die Tonangcbcrin ObernngarnS und ist'S noch jetzt auch unter Rabbi Jeremias. obgleich dieser sich als Gegner ׳der chaßidischen Nichlnng gerirt. Wir gestehen, daß wir dem ChaßidiSmns nicht huldigen, und dennoch müssen wir zur Steuer der Wahrheit bekennen, daß die Gemeinde unter dem kabbalistischen Rabbi Mose besser gedieh und sich besser befand, als unter dem scholastischen Rabbi Jeremias. Die angeblichen Wunderthaten des ersten lockten eine Masse von Mensche» von Nahe und Ferne herbei, wodurch ein lebhafter Handel, besonders in Hegyalaer Weinen, entstand., der -den Wohlstand der Ge- .meinde ungemein hob; der Pilpui des Letzter» aber ließ hungernde Bachurim nach Ujhely strömen, die nur die Statistik der Bettler mit bedeutenden Ziffern bereicherten. Rabbi Mose repräsentiere ein Kapital, daß sogar,nach dem Tode reichliche Zinsen trägt, indem alljährlich an seinem Sterbetage sein Grab in Ujhely von zahlreichen Pilger,'chaaren besucht . wird, was der Gemeinde eine» größer!! Nutzen abwirft. als ein Jahrmarkt. Aber nicht nur in materieller, sondern auch in geistiger Beziehnng erscheint uns die vergangene kabbalistische Periode in einem vorthcilhaftern Lichte. Rabbi Mose war tolerant gegen anders Denkende. So geschah es, daß sich schon damals eine Familie. Namens Schön, erkühnte, sich moderne Bildung ailzneignen und sie'in der Gemeinde zu verbreiten. Im Laufe der Zeit wurde die Intelligenz so mächtig und erlangte ei« solches Uebergeivicht daselbst, daß sie R. Moi'es Enkel, den fanatischen Rabbi Salomo!! Leb, der nach ihm im Rabbinate folgte, bekämpfen und verdrängen konnte. Rabbi Jeremias aber ist intolerant - und ein grimmiger Feind aller Reformen und Reformer, und wendet zu deren- Unterdrückung alle erdenkliche Mittel an. So wurde von ihm die Intelligenz, die dem Fortschritte gewogen ist, so hart bedrängt, daß sie sich von der Leitung der KultnSaugelegenheiten. welche sie seit drei Jährzehenten inne hatten, znrnckzog und seinen zelotischen Günstlingen Platz machte. Die heillosen Folgen der Unterdrückung der Gebildeten und Aufgeklärten trafen bald in allen Zweigen der Verwaltung ein. Am härtesten aber wurde das Unterrichts- und ErziehnngSwesen getros-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.