Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 7 (1864)
- Issue
- 2 (13.1.1864)
- Date
- 1864-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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89 40 von supranatnralem, so doch von historischem Standpunkte verherrlichen will, sich Hinreißen ließ, auch die geographischen Verhältnisse in tendentiöstr Richtung auszubeuten. Die historische Wahrheit muß sich gegen diese sentimentale Lizenz verwahren. Sie läßt sich'S aber auch nicht, nehmen, daß selbst in Jerusalem, das als so ungeheuer steril dargestellt wird, ehemals üppige Gärten zu finden waren (Maaß. 2, 5. Midd. 1. 3.) Bevor die politischen Katastrophen eingetreten waren, war die Getreidekultur, wie aus den angeführten Worten des Joscfns erhellt, im südlichen Theile Palästina's blühender, als im nördlichen. Die Väterspräche des N. Nathan enthalten hierüber die Notiz: ״Früher sagte man: In Judäa gibt's Korn, in Galitäa Stroh, im jenseitigen Jordanlande Spreu; jetzt, (nach der Verwüstung des Landes durch die Römer) gibt's in Judäa und Galiläa nur Spreu und jenseits des Jordans gar nichts. (Kap. 27 Ende. Der Zusammenhang mit dem früher Gesagten ist daselbst sehr räthselhaft. Die von Asulai im Kikkar La-Adan angeführten Bücher sind uns nicht zugänglich. Offenbar ist hier eine Lücke. Aufschluß hierüber wäre uns sehr willkommen). Die politischen Katastrophen, namentlich auch die Hadrianische, trafen Judäa viel härter, als Galiläa, daher in der Mischna und Toßiftha vorausgesetzt wird, daß Viktualien von jenem nach diesem importirt werden, weil der Preis derselben in Galiläa billiger ist. (Maaß. 2, 3. Toß. Dcmai 4.) Aber auch in Galiläa hat nach dem Hadrianischcn Kriege selbst die dort einheimische Oelkultur gelitten (jer. Pca 7,1.) In Ansehung der Qualität wurde auch zur Zeit des Tempelbestandes mindestens in einer gewissen Epoche dem Oele von Tekoa im Stamme Juda^ der Vorzug gegeben (Men. 8, 3. S. Kirchheim bei Schwarz, das h. Land 86Aum.); die letzte Stufe in der Skala der feinen Oele nimmt Gisch Chalab in Galiläa ein (Toß. daselbst Abschn. 9.) 5. In Ansehung der Einwohner Galiläa's müssen wir ebenfalls der Schilderung Renan's, als einer nnvollständigen und cinscitigen, entgegentrcten. Dem Josefus folgend, schildert N. die Galiläer als energisch, tapfer und arbeitsam (S. 48. nach j. Kr. III. 3, 2). Allein bei Joscfuö hat diese Schilderung nicht den die Bewohner des Südenö zurücksetzenden Charakter der Erklusivität, den ihr Renan gibt. In Wahrheit waren die Galiläer geneigter, sich von der Arbeit zu dispenflren, als die Einwohner des Südens, welchen in manchen Gegenden ein minder ergiebiger Boden zu beharrlicherem Flciße anspornte (Peßach. 4, 5. 55, aj, wie denn auch die Galiläer zu einer üppigen Lebensart inklinirtcn (Chul. 5, 3.) Was Tapferkeit, Muth und Todesverachtung betrifft, standen die Bürger von Judäa ihren Volks- und Glaubenöge- »offen in Galiläa sicherlich nicht nach, da Josefus niemals ihre Feigheit, wol aber öfters ihre Tollkühnheit tadelt, die es wagte, sich mit dem gewaltigen weltbeherrschcnden Römer zu messen. Aber Herr Renan kann es nicht über sich gewinnen, den Helden der jüdischen Freiheit und Unabhäugigkeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er spricht S. 42 von ihnen, als von den Feinden des ״ordne Stabil", mit der materialistischen Nüchternheit eines Spießbürgers. Ihren Eifer für die Erhaltung des nationalen Gesetzes tadelt er mit der Einseitigkeit eines fanatischen Kirchenvaters. Es ist wahr, die Juden weigerten sich ihrer Mehrzahl nach hartnäckig, dem römischen Kaiser zu geben, ״was des Kaisers ist"; sie stellten aber auch mit aller Entschiedenheit in Abrede, daß Judäa's Land und Leute deö römischen Kaisers wären. Die edleren Römer gaben ja nicht einmal zu, daß Rom deö Kaisers ist, wenn auch ein entschiedener Absolntist und ein serviler Anhänger des Julischen Prinzipates, wie Vellejus Paterculus. Cäsars Thaten mit denen eines Gottes verglich, Augustus einen Vater des Vaterlandes nannte, und TiberiuSals einen Herrscher von göttlichen Thaten und heiligem Wandel pries. (Hist. rom. 2, 47. 123. 126.) CassiuS Severus, der den Schmerz und die Trauer über die Entstehung des römischen Kaiserthums in gewaltigen'Worten darstellte (Tac. Dial. 18, 26, 26), war kein jüdischer, sondern ein römischer Redner! Römischer, als Rom, konnte aber Jerusalem wol unmöglich gesinnt sein! Die Schilderhebnng der Juden gegen die Römer war ein p o l i t isches Ercigniß, u.muß daher als solches verstanden und beurtheilt werden. Die Professoren der alten Zeit, die Kirchenväter, und die Kirchenväter der neuern Zeit, die christlichen Professoren, erkenne» dies, lo einleuchtend es auch ist, nicht an, und beurtheilen. seltsam genug, eine großartige politische und militärische Aktion vom Standpunkte der Dogmatik. ״Die Juden erwarteten einen nationalen Messias, den Gründer eines irdischen Reichs." Allerdings. Sie waren nicht nur Royalisten, sondern auch Legitimisten. Ein großes Israel konnten sie sich ohne Herrscher aus dem Geschlechte Davids gar nicht denken, wie denn für die heutigen Legitimisten in dem Vaterlande Renan's ein großes und glücklicheö Frankreich unzertrennlich ist von der Herrschaft eines Bourbons. Die Juden gaben ihre messianischen Hossuungcn nicht auf; sondern hielten fest daran, auch nachdem das Christenthum in die Geschichte eingctrcten war. Gibt cs aber überhaupt ein Beispiel, daß eine Nation in welcher das uationellc Selbstgefühl lebendig ist, die Resignation gehabt hätte, ihre nationalen Hoffiiuttgen aufzugeben? Ist diese Ncsignation nntcr den christlichen Nationen einheimisch? Werden von ihren nationalen Erinnerungen nicht auch nationale Hoffnungen erzeugt? ״Ltrangöre ä Ja theoriedes r«compenses individuelles, que la Gröce a röpandue sous les nom• d’immortalitä de Paine la JudS6 avait concentrß sur son avenir national tonte sa puissance d’amour et de döfis (S. 35)." Wir abstrahircn hier von dem ersten Theile dieses Satzes, um unter einer andern Rubrik dieses Blattes darauf zurückzukommen, und beschränken uns, den Herrn Renan darauf aufmerksam zu machen, daß die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele auf nationale Hoffnungen und Bestrebungen durchaus nicht beeinträchtigend einwirkt. Wie einst die Juden, so konzentriren jetzt bic Schleswig-Holsteiner ״die ganze Kraft ihrer Liebe und ihres Verlangens auf ihre nationale Zukunft." Leugnen sie etwa die Unsterblichkeit der Seele, und die jeden Einzelnen erwartende Vergeltung? Sicherlich nicht. Aber sie denken: im Reiche der Geister gibt es keine Nation en! Für Nationen als solche gibt es daher nur diesseitiges Heil; jenseitigem Heil kann wol das Individuum eutgegeugehen, nicht aber eine Nation. (Schluß folg t.) Korrespondenz. Ausland. ß Frankfurt am Main, 4. Jänner. Von hier ist nichtviel zu berichten. Unser geordnetes Gemeindeleben fließt ruhig dahin, die Schule und die Wohlthätigkeitsanstalten stehen in schönster Blüte, die Rabbinatszänkereien sind verstummt und Geiger fühlt sich um so wohler und glücklicher, als er — wie er selbst eingestand — den lügenhaften Berichten der Presse einigen Glauben schenkte und daher auf widerliche Kämpfe gefaßt war. Derselbe hält im Laufe dieses Winters zu Gunsten der Nießer-Stiftung 12 Vorlesungen über das Judenthum, die sehr besucht sind und ungemeines Aufsehen erregen. Die materiellen Zustände der orthodoren NeligionSgesellschast sind blühend. Das ist auch alles Günstige, was sich von derselben sagen läßt; denn sie kränkelt an inncrm Zwiespalt, der sogar bei den Lehrern in der Schule sichtbar ist. Die wenigen Mitglieder der ReligionSgesellschaft, die einige geistige Selbstständigkeit besitzen,. machen nämlich offene Opposition gegen die tyrannische Oberherrschaft des Rabbiners, der bei der jüngsten Vorstands- Wahl znm offenen Ausbruch gekommen ist. Da aber hier, wie überall,.