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Ben Chananja · 1864-01-03 · 1 (3.1.1864) · page 2

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Journal
Ben Chananja
Volume
7 (1864)
Issue
1 (3.1.1864)
Date
1864-01-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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3 geben. Er steht mit der Alliance israelite universelle, sowie mit einigen stets wohlunterrichteten Männern im Oriente in unmittelbarer Verbindung , so daß er in der Lage ist, seine Leser von Allem, was auf die bürgerliche und soziale Stellung der Juden Bezug hat, frühzeitig zu unterrichten. Verwandt mit der Emauzipationsfrage ist der Einfluß, welchen die bürgerl. Gesetzgebung auf das Judenthum ausübt und auf dessen Institutionen. Wie oft hier ein von Quellenkünde geleitetes Urtheil Noth thue, beweisen die im vorigen Jahrgange veröffentlichten, von Journalen ersten Ranges auf eine dem ״Ben Chananja" sehr schmeichelhafte Weise gewürdigten Abhandlungen über den Judeneid, die Besteuerung der Kethuba und des Sch'tar Chaltza und das österreichisch-jüdische Eherecht, welches im verflossenen Monate auch in Ungarn eingeführt wurde. Diese Abhandlungen waren wol geeignet, es auch dem gebildeten Laien nahe zu legen, daß Geschichte und Alterthumskunde auch ihre praktische Bedeutsamkeit haben, und daß diejenigen sehr im Unrechte sind, die, um die eigene. Blöße zu decken, mit Wegwerfnng von den ״Liebhabern vergilbter Pergamente" reden. Ganz ohne praktischen Nutzen, den man so oft in den Vordergrund stellt, ist aber keine Forschung, die sich die Aufgabe stellt, zur richtigen und klaren Erkenntuiß des religionsfilosofischen, historischen und sprachlichen Inhalts des Judenthums das Ihrige beizutragen. Das religions- und rechtsgeschichtliche Feld ist in den bisherigen sechs Jahrgängen des Ben Chananja am fleißigsten angebaut worden, ohne daß jedoch das Volks- und literaturgeschichtliche Element vernachlässigt worden wäre. Gelehrte, welche sich auf diesem Gebiete einen bedeutenden Nus erworben haben, werden fortfahren, die Spalten des B. CH. mit den Resultaten ihrer gründlichen, tief eingehenden Forschung zu zieren. Eine Reihe von Preisfragen wird nicht verfehlen, auf dem Gebiete der Theorie und der Praxis des Judenthums anregend zu wirken, die Ansichten zu klären, den Fortschritt zu fördern. Ein zeitschriftliches Organ gehört aber vor Allem der Gegenwart an. Es soll ein treuer Spiegel sein, welcher den Leser seine Zeit mit ihren Tugenden und Schwächen, ihren Fortschritten und Rückfällen, ihren Kämpfen und Siegen betrachten läßt. Die jüdischen Zustände unserer Zeit sind aber in hohem Grade geeignet, das wärmste Interesse eines jeden gebildeten Juden in Anspruch zu nehmen. Welcher gebildete Bekenner der Religion Jsrael's sollte den Kampf zwischen Orthodoxie und Reform nicht mit unverrückter Aufmerksamkeit verfolgen wollen? — Einen eigentlich theojogischeu Charakter hat indeß dieser Kampf nur in Deutschland. Die Wortführerder jüd. Orthodoxie in Deutschland sind ebenso vollständig germanisirt, wie die Reformer. Gleich den Reformern haben sie deutsche Universitäten besucht, und sich klassische Bildung angeeignet. Das Schillerfest wurde nicht nur in Reform- Tempeln, sondern auch in orthodoxen Synagogen gefeiert. Die Differenzpunkte zwischen den beiden Parteien sind also nicht ans dem Gebiete der Kultur zu suchen, sondern wirklich auf dem Gebiete der Religion: der Dogmatik, der Schriftauslegung, der Religionsgeschichte. Die neuorthodoren Romantiker in Deutschland, — denn sie sind es, die im Namen der Orthodoxie das Wort führen, — sprechen es unumwunden aus, daß die Kluft zwischen ihren religiösen Anschauungen und denen der Reformer nicht enger sei, als die Kluft zwischen Katholizismus und Protestantismus. Und welcher unbefangene Beobachter wird Austand nehmen, hierin einen normalen Zustand anzuerkennen? Die Quellen dieses Zustandes fließen theils aus der Natur des menschlichen Geistes überhaupt, theils aus gewissen äußeren Einflüssen. Gleiche Ursachen führten auch in früheren Zeiten dieselben Wirkungen herbei, was schon die bloßen Namen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Ebioniten, Karäer, Sabbathäer und Chaßidäer beweisen. Eine Anomalie ist blos der gänzliche Mangel einer wissenschaftlichen Vertretung der jüdischen Orthodorie in der sonst so wissenschaftlichen theologischen Literatur Deutschland's: eines jüdischen Hengstenberg kann sich die orthodor-jüdische Schule in Deutschland noch immer nicht rühmen! In einem ganz andern Lichte erscheint dagegen das Verhältniß der Reform zur Orthodoxie in vielen jüd. Gemeinden der österreichischen Monarchie. Hier entspringen die Differenzen nicht aus verschiedenen theologischen Prinzipien und Ansichten, sondern aus verschiedenen Graden der Kultur. Die Streitfragen, welche nicht selten Spaltungen in den Gemeinden Hervorrufen und selbst zu Prozessen führen, sind ihrem innersten Wesen nach nicht theologischer oder religiöser, sondern ästhetischer Natur. Folgt aber hieraus, daß es r elig i ö s e oder dogmatische Differenzen unter den Juden über- Haupt nicht geben könne? Behauptet wurde und wird dies oft genug, besonders dort, wo die Orthodoxie wegen ihrer konservativen Tendenz die Gunst der Regierung anzurnfen Pflegt, und die Freunde der Reform sich den Ruhm oder das Recht nicht streitig machen lassen, ebenfalls für orthodox zu gelten. Die in Deutschland gemachten Erfahrungen reichen aber hin, darzuthun, daß dieser Stand der Dinge kein bleibender, sondern ein transitorischer ist. Bei fortschreitender Kultur wird der Standpunkt, auf welchem sie auch die blos ästhetische Veredlung des öffentlichen Gottesdienstes perhorreszirten, für die Orthodoxen selbst ein überwundener; und ein Gleiches gilt von den Reformern in Bezug auf den Standpunkt, wo sie an den neu eingeführten schöneren Kultusreformen ein volles Genüge fanden. Man muß dies stets vor Augen behalten, um in den scheinbar kleinlichen Reibungen in den Gemeinden das wahrhaft progressive Moment, die ersten

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