Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 34 (19.8.1863)
- Date
- 1863-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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591 592 rühmlich auf der Laufbahn fort, die er unter Jhr-n Augen zu betreten angefangen. ES ist wahr, die Natur hat viel für ihn gelhaa. Er besitzt einen Hellen Verstand, ein weiches Herz, eme gemäßigte Einbildungskraft, und eine gewisse Subtiligkeit des Geistes, die der Nation natürlich zn sein scheint; allein welch ein Glück für ihn, daß eben diese Naturgaben so frühzeitig vom Wahren zum Guten und Schonen geführt worden sind.Hätte ich vor meinem zwanzigsten Jahre einen Kant zum Freunde gehabt!" Begabte und denkende Juden stndirten die kritische Filosofie mit Liebe und Eifer, wiewohl eS ihnen nicht unbekannt war, daß deren Urheber, der große Kant, noch 1798 nicht anders über die Juden urtheilte, als daö deutsche Spießbürgerthnm seiner Zeit *). In ne,!hebräischer Sprache wurden KantS Ideen viel früher verbreitet, als in den meisten lebenden Sprachen. Da Kant nicht dem von den neueren Literarhistorikern so sehr bevorzugte» Mittelalter angehört, ist daS Vcrhällniß der neuhebräischen Literatur zn seiner Filososie noch gar nicht in Erwägung gezogen worden. Und doch begegnet man dieser Filososie selbst in Werken, in denen man sie am wenigsten vcrmuthen würde. Salomon Pappcnheim'S Abhandlungen über hebräische Synonymik, ans welche Tr. Mühlau erst vor Kurzem die Aufmcrksamkrit deutscher Bibelforscher und Philologen lenkte 3), (ml) durch und durch von den Anschauungen der Kanlischen Filososie imprägnirt! Indem wir nnS begnügen, die Aufmerksamkeit jüngerer Forscher hierauf gelenkt zu haben, wollen wir hier nur die Erinnerung an einen jüdischen Kantianer aussrischen, der die kritische Filososie eine Zeitlang in Wien vertrat: die Erinncrung an LazaruS B e n d a v i d! Diese Erinnerung scheint »uS um so nvlhwenkiger, als der Geschichtschreiber der Kantischen Filososie, Professor Karl Rosenkranz in Königsbcrg, über diesen Kantianer so ungenau unterrichtet war, daß er denselben, einen Berliner, als Wiener Filosofen figuriren ließ. Seine Worte lauten: ״Im Oesterreichischen konnte sich die Kantische Filososie nur an die Josefinische Richtung an« lehnen und mit der schon im Mittelalter gegen die Wissenstprannci der Kirche erlernten Wendung introtuzirt werden, daß, weil auS der spekulativen Bemühung um das Wissen, die Unmöglichkeit desselben hervargehe, daö G.'anben desto nolhwendiger sei, eine Wendung, welche in der Kant'schen Filososie obenauf lag. Der eigentliche Lehrer der Wiener in derselben war LazaruS Bendavid, ihr Mendelssohn, der 1802 starb. Für ihn, als Wiener Filosofeu, ist eS bezeich« ucnd, daß er 1794 mit eiuem Versuch über daS Verguü« geu in zwei Bänden austrat. Er wußte Kant'S sämmtliche Kritiken iu elegante, deutliche, wohlgedruckte, mit empfehleuSwerthen Registern auSgestattete Paragraphe zu zerlegen. ES kann nicht schaden, zur näheren Veranschaulichung der Wiener I Gemüthlichkeit den Anfang der Vorrede mitzutheilen, mtt welcher Bendavid seine Vorlesungen über die Kritik der reinen Vernunft (Erste Ausgabe, Wien 1795 eröffnete: ״In großen Gesellschaften, sagte meine Tante, putze, Neffe! nie Licht. Der glücklichste Erfolg bringt keine Ehre: daö Mißlingen macht Dich lächerlich." — Fast sollte man glauben, daß der Geist meiner Tante mich bei dieser Arbeit verlassen habe. Allein, außer daß ich selbst im Finstern saß, und mein Werk für mich, bei meinen Vorlesungen, nöthig hatte, glaube ich, eS lohne der Gefahr, lächerlich zu werden, bei Geschäften, die etwas mehr auf sich haben, als Licht putzen. ES giebt noch immer Liehaber der Filososie, die von den Kanlischen, neu entdeckten Wahrheiten unterrichtet sein möchten .. .." ״Doch" — fährt Rosenkranz fort — trotz Bendavid'S Vorlesungen konnte sich die kritische Filososie in Wien nie recht einwurzeln, noch weniger anderwärts in Oesterreich, außer in krpptischen Formen. Nur 1818 begegnen unS noch ganz offen: Filosofische Grundsätze der Sittenlehre, nach Immanuel KantS derlei Schriften verfaßt und erläutert. zum Gebrauche für gemeine doch denkende Leser; und ebenso der Tugendlehre von L. Reif; natürlich mit Registern für die bcquemen Wiener, denen in der Vorrede Herr Reif recht eindringlich darznthun sucht, daß daS Studium der Filososie zwar keine» direkt materiellen Nutzen gewahre, daß eö aber doch nicht ganz unnütz sei; auch sei cö nicht ganz leicht, aber doch auch nicht über menschliche Kräfte hinaus, und für daS Christenthum besonders sei Kant, da er taS Gesetz desselben, die Liebe, anerkenne, überdem gefahrlos. Alles, was in Kant'S praktischer Filososie Filososie ist, findet! sich zum dürrsten KatechiSmuögeripp abgemagcrt. In der l Vorrede zur Tugendlehre pr.׳ist Herr Reis die guten Wirkungen der Tugend und Weisheit, wie ein Krämer, macht aber doch den Fehler, von ihr höchst unwienerisch zu bchanpten, sie rbre den König, w.rS offenbar nach der Wiener praktischen Vernunft heißen muß: sie ehrt den Kaiser. — Oesterreich hat zur Filososie noch keinen Beruf, waS gar kein Tadel für daö glückselige Land ist.An Intelligenz alS solcher fehlt es in Oesterreich eben so wenig, als in Preußen, nur hat sie andere Gegenstände und Richtungen"*). WaS nun zuvörderst die Heimat VcndavidS betrifft, so Haben wir bereits erinnert, daß derselbe kein Wiener, soudern ein Berliner war. Die Wiener Gemüthlichkeit, welche Rosenkranz an Bendavidö Schriften wahrgenommeu haben will, kann mithin keine naturwüchsige, sondern daS Erzeugniß einer didaktischen Akkomodation gewesen sein. Dieser Akkomodation würde sich aber Bendavid wohl überall bedient haben, wo er, wie dies iu Wien der Fall war, populäre Vorlesungen über die kritische Filososie gehalten hätte. Gesetzt aber, Bendavid hätte die Würde der Filososie nicht genug gewahrt, so ist er doch wegen dieses Vergehens