Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1863-07-29 · 31 (29.7.1863) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
6 (1863)
Issue
31 (29.7.1863)
Date
1863-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2542917-2542918-2542950--3227-2547085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

529 530;» bftvcutttn ist, in Inhalt und Form bereitzu einer festen Gestaltung gelangt. Gemäß ihrer Tendenz, die im Thalmud und im Midrasch enthaltenen AgadaS, welche damals von den einen ganz buchstäblich, von anderen allegorisch, von einer dritten Schule ganz willkürlich erklär! und von einer vierten völlig verworfen wurden, zu Ehren, und daS Judenthum überhaupt der filosofischen Anschauung so nahe als möglich zu bringen, und Beispiele zu liefern, wie eS durch Anziehung spekulativer Elemente nicht nur nicht verdunkelt und getrübt, sondern erst recht in daS klare Lickt gesetzt werde, mußte sie mehr belehrend und überzeugend, als betrachtend und ermahnend auöfallen, wodurch sie auch ihrer formalen Natur nach eine um einen Punkt herum gelegene Gruppe von Belegen nnd Eekläruugen wurde. Die Form unterlag nämlich nicht der Willkür keö Geschmackes, sic war durch die Eonncrion deS IndalteS geboten; sie ließ sich nicht nach Regeln abzirkeln, da sie anS der Natur deS Materials selbst sich heranSbildete. Nnr über die Qualität des in die Predigt anfznnehmcnden Stoffes mußten bestimmte GesicktSpunkte anfgestellt werden, ein Bedürsnisi, welches R. Ioi-l ibn Sckorib, Rabbiner zu Aragon im Jahre l48bi wohl erkannte, um in der Vorrede zu seinen ^tanzelvorträgen, die unter dem Titel ״Sabbath - Opfer" (.עלה שכר) iin Jahre iö7(i in Venedig erichienen, die Grundsätze darznlegcn, von denen er sich bei Absaffnng svnagogaler Reden leiten ließ. Aus den ans bekannte Sätze der Rhetorik sich rednzirenden Ansichten dieses Mannes wollen wir hier blos hervotheben, daß er im Gegensätze zu vielen seiner Zeitgenoffen, welche sich in zwecklosen und langathmigen Quästionen gefielen, Gemeinnützigkeit und Gemeinverständlichkeil als Hanplersorberniffe der svnagogalen Vorträge em- Pfahl. ״Von Allem, waS der Redner sagt, soll der Zuhörer einen Nutzen erhalten und obzwar er tiefliegende Themata behandelt, soll er sie so dar stellen, daß auch der gewöhnliche Mensch eine ihm entsprechende Vorstellung davon erlange. Umgekehrt muffen auch einfache Gegenstände so behandelt werden, daß auch der Gebildete nicht leer dabei auSgehc. Die Predigt soll ihrem Inhalte nach jedem Delehrnng nnd Vergnügen gewähren und demgemäß soll auch die Darstellung dein Thema entsprechend, in sich fest zusammenhängend, weder zu lang noch zu kurz, schön und gewinnend, überhaupt genau berechnet sein, nm bei einem lieblichen Vorträge daS Wohlgefallen der Zuhörer zu erregen." Ibn Schoeib war einer der letzten Redner der spanischen Schule, welcher jene fürchterliche Katastrophe miterlebte, die so viele Tausende seiner GlaubenSgenoffeu in Tod und Elend stürzte 4) (1493), und kann als Beispiel gelten, daß die Juden auch damals mit unbeugsamer Kraft und mit unermüdlichcr Thäligcil ihr geistiges Erbe bewahrten und vermehrten, als schon daS Damoklesschwert der Vernichtung!!!!! drohend über ihren Häupter» blitzte, und daß sie biS zum letzten Athemznge ihre literarische Wirksamkeit nicht anfgaben oder vernachlässigten. Für Spanien, welches bisher die Stätte deS LichteS nnd der Lehre für drei Welttheile war, trat bald eine traurige Aera ein, die noch heute nicht geschlossen ist; die vertriebenen Juden jedoch trugen die Schätze ihrer Bit« düng in alle Länder Europas rrnd wirkt,» besonderanregend aus ihre Brüder in Italien, wo die intelligentesten und die angesehenste» ihre Zuflucht gesucht hatten. Die v. issenschast'ichc Betriebsamkeit der italienischen Inden hatte zu jener Zeit noch dnrck einen andern Umstand einen neuen Ansschwnng genommen, nämlich durch die Bekannisckaft mit den Studien der lvzantinischen Gelehrten, welche bekanntlich nach der Eroberung von Eonstantinopel durch die Türken (1453) ebenfalls nach Italien geflohen waren, nnd daselbst für wissenschaftliche Leistungen einen ganz neuen Boden schufen. Durch diese beiden Faktoren erfuhr auch die Derascka eine kräslige ttmstaltung, denn, wenn die Inden stets ihren Antbcil an dem allgemeinen Bildungsgänge nahmen, so waren eS vorzüglich die Kanzel, cduer, die Lehrer des Volkes, welche sich mit den Bestrebungen nnd den Errnngenschastcn der Zeit vertraut zu machen suchten, um an denselben die Zdcen deS IudenthnmS zu läutern und zu erproben. So stehen die EnlwicklungSpbasen der synagogalen Vorträge mit den Entwichlungsphasen ver allgemeinen Weltbildung im engste» Zusammenhänge. Die arabische Fikvsosie war bereits mit allen Fasern deS IiideiithumS verwachsen: sie hatte eS durchdrungen nnd ein silososisches Schriftlhum in ihm hervorgernseu. Die spanische Derascha batte somit ihren Zweck erreicht; sic hatte sich aber in ihren höher gehaltenen Themen durch die gewaltsame Hineinfüllung fremder Elemente in daS elastische Bibelwort, und durch ihre einseitige Erklärung der Agada bereits überlebt und konnte nnr noch planlosen Zweiflern eine kitzelnde Lektüre sein. Für daö Volk hatte sie ihren Reiz bereits cingebüßt, denn Thalmud und Midrasch hatten bereitmehr Achtung für sich gewonnen, als daß die darin enthallenen Satze erst in aristotelische Jilosofeme umgedcutelt zu werden nothwendig gehabt hätten. Diese gaben höchstenso wie andere Welke jüdi cher oder nichtsüdischer Gelehrten die zur Eregese noibiveudige Kenntniß von Realien überhaupt her. Die italienische wurde viel unbefangener und cmanzipirte sich von dem Zwange fremder Ideen. Sie nahm mehr ethische, alö metaphisische Gegenstände zur Betrachtung und gestaltete sich anck in ihrer Eomposition viel regelmäßiger und gegliederter, als die spanische Derascha. In letzterer Hinsicht wurde es vornehmlich R. Jehnda MoScato, der die Vorschriften der Rhetorik, die er andem von ihm zitirten Nopheth Zusil: deS Messer Leon kennen gelernt hatte, in der Predigt anwandte, wenn eS ihm auch bei der Natur des Materiale-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.