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Ben Chananja · 1863-07-22 · 30 (22.7.1863) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
6 (1863)
Issue
30 (22.7.1863)
Date
1863-07-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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511 512 Gemeinde zu Mantua in heftigen Zwiespalt brachte und endlich den Herzog von Mantua dazu bestimmte, beide auö der Stadt zu verweisen *) (1475). Im Umgänge mit den gebildeten Männern seiner Zeit mußte er oft den herausfordernden und verletzenden Vor« wurf anhören, daß daS jüdische Volk den übrigen Nationen weit nachstche, daß eS keine Denkmäler der Wissenschaft wie die Griechen und Römer aufweisen könne, und daß, indem cS seine edelsten und tüchtigsten Kräfte der Beschästi« gung mit unnützen Dingen widme, nicht einmal solche Männer anS ihm hervorgchen, die in klarer und verständiger Weise daS Wort;» führen verstehen: eine Ansicht, die bei den mit dem Indenthiune nnd seiner Literatur unbekannten Filososen teö Mittelalters allgemein herrschend war, und sich auch in ihren Schriften nicht selten knndgab. Noch tiefer und schmerzlicher empfand er eö jedoch, daß seine GlaubenSgenosscn sich lediglich aus die Ordnung und Begründung deS IndenthumeS noch immer beschränkten und keiner von ihnen genug Selbstgefühl und Begeisterung besaß, oder mit cincc bedeutenden formellen Bildung begabt war, um die Angriffe der Gegner, unter denen auch zum Ehristcuthum übergelretene Inden waren'-'), mit standhafter Würde und siegender Kraft abzuwcbrcn und zurückzuschlagen. Dies! ließ in ihm den Entschluß reif werden, in daS I u d e n t h u m ein S Y st e in der dialektischen Wisse ns ch a s1e n e i n z n f ü h r e n und e S dadurch; u ei u e r apologetischen Thätigkeil zu vermögen und zu befähigen. Nicht um die hebräische Literatur mit neuen noch ungckannten Ideen zu bereichern und so aus den religiöseu und dogmatischen Status »!110 seines Zeitalters vcränkernd oder berichtigend einzuwirken, verfaßte er seine umsaugrcichvn Lehrbücher der Grammatik, der Logik und der Rhetorik '"), sondern bloS um durch Einführung dieser Wissenschäften alS humanistischer Disziplinen bei den Juden daS Streben nach jener Bildung zu erwecken, die sie nöthia hatlen, um zu adelndem Selbstbewußtsein zu gelangen, und von demselben getrieben, ihrer Nation nach Außen Achtung und Ansehen zu verschaffen. Denn ihm erschien der gedrückte matcricllc und geistige Zustand seines Volkes ganz unleidlich; er wollte in sein Inneres mehr Leben und Beweglichkeit bringen, damit eS den gehässigen Anfeindungen seiner Geg« ner die Zacke! der Fehde cntgegenzuschlcuder» vermöge, da« mit die in dein langen Winter der Drangsale erstarrten und verwelkten Blumen der Poesie und der Beredsamkeit wieder wie ehedem in strahlender Lenzeöfrische sich erheben, daß ihre Kronen in glühenden Farben sich erschließen und entfalten und so Duft auch htnüberwehen zu den Völkern. ״Dann" ruft er in der Vorrede seiner Rhetorik begeisterungS« voll aus, ״dann wird Israel sich zu den Völkern wenden mit klarer Rede, dann werden Dank« und Jubelgesänge in seiner Mitte laut erklingen; eS wird Strophen in Reimen bauen, damit man seiner gedenke wenn auch die Stimme deS HobneS frech sich erhebt, wenn auch verderblicher Haß, Zwietracht er« regt und Heere bewaffnet, Israel wird nach gewohnter Weise die Liebe fördern und stets in jungfräulicher Milde sich kleiden." Um diesen seinen Zweck zu erreichen, mußte er jedoch einen eigenen Weg cinschlagcn. DaS Judenthum bestand alS religiöse Gesellschaft und entwickelte demnach nur eine reli« giöse Literatur; ein Profanschristthunr war hier nicht denkbar. Empirie und Spekulation, die beiden Hauptquellen der menschlichen Erkenntniß, deren Ströme alle Gebiete deS Menschen« und VölkcrlebenS durchschneiden und daS Ackerseid der Geschichte bewässern und befruchten, mußten hier ihren Weg durch die Bibel nehmen. Sie war der Breun- Punkt, wohin alle Richtungen deS Geistes zurückschlugen, sie die Rennbahn, wo die Ideen einander die Wette ab« liefen, wo alle Bestrebungen, alle Kämpfe, alle Siege und alle Verirrungen deS Geistes ihre Spuren zurückließen. Die Ansicht, daß die Bibel die Grundlage aller Wissenschaften enthalte, welche sich auö der Natnr derselben als Buch der göttlichen Offenbarungen entwickelte, wurde von Maimuni mit Präponderanz hcrvorgchobcn ") und von Messer Leon willig adoplirt,2), nur mit dem Unterschiede, daß ersterer auf Grundlage des ThalmudS von dem Studium der Wis« senschasten namentlich der Mctaphisik abräth, ״bevor man sich mit khalmildischen und kasuistischen- Kenntnissen hinlänglich gesättigt hat", während letzterer anS eigener Erfahrung die frühzeitige Beschäftigung mit den Wissenschaften empsiehlt, da man die Bibel erst dann recht begreifen nnd verstehen könne. Um nun dieser Idee, daß Bibel und Wissenschaft sich nicht widersprechen יי) auch iu seiner Rhetorik Ausdruck und Begründung zu geben, — denn wenn diese nicht mangelhast ist. müßten doch Moscö und JesaiaS schon vor Jahr« Hunderten daS gewußt und angewandt habe», waS später Eicero und Omintiliau lehrten — zeigte er durch Beispiele auö der Bibel, wie die Regeln der Rhetorik, welche er auS Aristoteles, Eicero, Quintilian, BoöthiuS, ViktorinuS, AebianuS u. a. geschöpft hatte, bereits concret in der heil. Schrift enthalten sind, wie also tiefe sich mit der Wissen« schast in Einklang bringen läßt. Seine Rhetorik ist über- Haupt weniger durch eigene kunstmäßige Abstraktion, als viel, mehr durch die prüfende Ek-ektik, durch die synoptische ZusaminenstcUung und durch die durchgreifende Systemisirung der aus den verschiedensten Werken gesammelten Ansichten zu einem Ganzen ausgezeichnet; denn er war nicht ein gedankenloser Eompilator, der nur suchte und sammelte, sondern ein Eklektiker im wahren Sinne des Wortes, der auch wählte und rczensirte. Er war ein Mann von klarer Einsicht und feinem Geschmacke als Rhetoriker, genau in der Definition und scharf in der Distinktion, der seine Aufgabe wohl begriff

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