Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 29 (15.7.1863)
- Date
- 1863-07-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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487 488 nünftigr und dogmatisch anerkannte Hermeneutik — die drei« zehn Middoth — allgemein üblich, sondern man hatte auch gewisse Grundsätze für die Nutzbarmachung der Bibel zu gottesdienstlichen Vorträgen — für die homiletische Eregese — ausgestellt *) und den Gebrauch beliebter Redcfiguren em« psohlen. Doch war von einem selbstständigen wissenschastli« chen Studium dieser Diöciplinen keine Spur vorhanden. Wie daS jüdische Volk in seinem Denken, Fühlen, Handein und Leben der religiösen Idee sich unterordncte, wie eö alle seine Verhältnisse in HauS und Welt von derselben dn.chdA7.gcn und beherrschen ließ, so eignete eS auch seine Erkenntnisse und seine Erfahrungen ihr, als der alles Wissen enthaltenden und nnispanncndcn Sphäre, zu. Eö zog alle Gebiete der geistigen Wirksamkeit iu den Kreis der Literatur und suchte ans diese Weise theoretische Erkenntniß und praktische Erfahr» g mit der göttlichen Lehre zu einem Gusse zu vcrschmelzen. DaS unbefriedigte Streben nach Einheit, Festigkeil und Vollendung forderte den Scharfsinn heraus und erweckte jene kühne Energie deS Geistes, die im Vertrauen ans die eigene Fähigkeit und Fertigkeit bei einer langen formalen Proprädeutik nicht verweilen mag, sondern rasch vordrängend auf daS wesentliche Materiale selbst sich wirft, und sogleich den seiner Hülle entkleideten Keim zu erfassen sucht. Die Forschung zielte nach etwas Realem, Greifbarem, daS sich praktisch verwerthen läßt, oder nach ctwaö Neuem, noch nie Erkanntem, daS als Frucht einer besonder!» Begabung oder Anstrengung erschien. Man hielt eö nicht der Mühe »vcrth, sich deS Inhaltes seines Geistes zu entäußern, sich die gewonnencn Erkenntnisse objektiv ihrer Vegrenzuiig gegenüberutstellen, Entstehung und Form derselben zu erfassen, 11,!! durch Abstraktion formaler Normen sich mit einer bekannten Methode deS ForschenS vertraut zu machen; sondern begnügte sich mit dem unausgesprochenen Bewußtsein dieser Marimen und stellte höchstens die Resultate, sowie die einzelnen Säge der Wissenschaft, gegeneinander, um •"<־ ihrem Inhalte nach auSzuglcichcn und daraus Eonscancnzen zu ziehen. So wurde auch taS Studium der ceremoniellen und rechtlichen Normen mit Methode ohne Methodik betrieben und ergab mannigfache und reiche Resultate; dennoch hielt man eö später bloS für nöihig, das Lchrmateriale zu ordnen, nicht aber ein Lehrgebäudc derselben zu organisircn. (Mischn.l, Thalmud). Erst als die Juden mit den Arabern in nähere Berührung kamen, und in der Folge die filosofischcn Werke der Griechen kennen lernten, schlug auch ihre literarische Thätig« keit ganz neue Bahnen ein. Grammatik und freie Eregese gewannen die Gunst deS Zeitalters, da sie auch dazu dien« ten, den Karäern die Spitze zu bieten; der Piut ging, durch eine ästhetische Kritik geläutert, verjüngt als Poesie bervor, die an ergreifender Wärme und lebendiger Frische die Meisterdichtnng deö ganzen jüdischen Mittelalters wurde; Logik und Interpretation der aristotelischen Schrift nahmen die vorzüglichsten Kräfte in Anspruch, da die moderne Sophistik der Motakallimüa eine genaue Kenntniß dieser DiSziplineu erheischte; daS Bcdürfniß nach S»)ste!nisirnng deS im Thalmud und in anderen Primärquellen der Halacha aufgcspeicherten LeürinhalteS machte sich immer mehr fühlbar, bis eS nachher in Maimuni den Mann fand, der dem« selben abhclfen sollte. Auch die Rhetorik, die »vir nach ihrer historischen Entivicklung im Folgenden einer eingehenden Untersuchung nnterziehen »vollen, hat von da an ihre Geschichte in der jüdischen Literatur. Wie eine Pflanze auf fremden Bod<m versetzt, bei dem Mangel der ihren WachSlhum bedingenden Umstände nur durch künstliche Ersetzung derselben emporkommen und nie völlig gedeihen kann, so erging eö auch der in Griechenland heimischen Rhetorik im Judcnthnme. In ihm selbst war der Keim zu einer solchen nicht gelegen, denn eS fehlte daS näh« renke Element, die Beredsamkeit. Da nämlich daö Judenthum durch die wohl heftigen, aber kraftlosen Angriffe von heidnischer Seile in seinem inneren Bestände nicht erschüttert oder gar gefährdet wurde , so hielt man eS für unnöthig, gegen dieselbe eine bedeutende apologetische Beredsamkeit zu entwickeln, und gegen die in dessen Schoße selbst entstehenden destruktiven Ansichten holte man die Vertheidignngöwaffen ans der Bibel, aus demselben Buche, auS welchem man angegriffen wurde. Der Streit »vurde nicht mit Worten gegen Worte geführt, sondern mit Belegen aus der heil. Schrift gegen solche. Die Eregese war daS Schlachtfeld, auf dem die kämpfenden Parteien einander gegenüber standen. Der scharfsinnigen Deutung lauschte daS Volk, und nicht dem lockenden Worte; eö mußte vielmehr jede weitere Verbrämung, die den Kern verbirgt und verschließt, nur noch störend und mißfällig erscheinen. Schmucklose Einfachheit, klare Kürze, sin« nige Hindentttng, treffende Ausnutzung und Verivcndung der Dibelstellen waren die Würze der VolkSvorträge, die unS noch in den Midraschim erhallen sind, und die iu dieser Form, wenn auch nicht mehr so fein und kernig, endlich gar bloS alö Schattenbilder deö ursprünglichen kräftigen Midrasch, noch unter den Gaonen ') vielleicht noch bis auf MaimuniS *) Zeit sortdauerten. Seitdem aber der Weltweise von Kordova den Strom der griechischen Filosofie in daö Gebiet deS JudenthmneS hineingelcitct hatte, und alle Anschauungen desselben im Lichte deö aristotelischen PrinzipeS erscheinen sollten; seitdem er selbst eine Reihe von Dissertationen geschrieben hatte, in »vek« chen er mit Hilfe der fremden Theorieen daö nationale Priu« zip deS JudenthuurS festzustellen versuchte, strömte die lern« begierige, nach Aufklärung strebende Jugeud dem Studium der neuerschlossenen Literatur zu; daö arabische Gricchenthum drang immer tiefer in daS Wesen der Nation und gestaltete