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Ben Chananja · 1863-06-17 · 25 (17.6.1863) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
6 (1863)
Issue
25 (17.6.1863)
Date
1863-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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421 422 Zeit. Amen, also sei sein Will». Ich bin Tag und Nacht bereit. dein» Aufträge zu vollziehen und zn thun, was dir gut dünkt. Die« find di» Wort» deine« Freunde« wir in längst vergangeuru Tagen. Mose« au« So rresponLe«). Ausland. Paris, 8. Juni. (Au« drm Nolizeubuche »ine« Pariser Pflastkrtreter« kl). Fragen Sie »ioeu Kleinstädter, der nach einer kurzen Vergnügungsreise von Paris zurückgckehrt, sein» frischen Eindrücke au« seinem Gehirnkasten auskramt, um fie in den Fächern seines linirten Papiere« zusammcnznstrllcn und zu ordnen, fragen Sie ihn. was von all dem Gesehenen und Gehörten in seinem Kopfe noch übrig geblieben ist! Wagengeraffel, wildes Brausen der wogende» Menschenmaffen , ein »achhallendes Toben summt in seinem Kopfe noch im» mer fort, was gegen die äußere ländliche Nutze seines stillen Wohnortegar sonderlich absticht. Gleich einem Seemann« ergeh« c« ihm. der lange nach seiner Landung auf festem Boden so unficher dahcrschrritet, al« wankte das Schiff noch immer unter seinen Schritten. Die Menschen» menge, welcher der Fremde hier allenthalben begegnete, hat sich in der c-aniera seines Kopses als Lichtbild in scharr ansgcprägte» Umriffen so festgesetzt, daß sein Gcdächtniß nun ein Albu!» geworden ist, in dem er die photographischen Abbildungen der Weltstadt mit sich hcrnmträgt. Der Pariser hingegen, von dem Gewühlt nicht so sehr afficirt. schwimmt gcmüililich ruhig in diesem gewaltigen Occan herum. unbekümmert um das Schäume» und Tosen der ihn nmbrausendcn Wellen; ja so groß ist die Macht der Gewohnheit, daß er mitten in diesem höllischen Trci» den, aus freier Straße, rechts gestoßen, links zum Ausweichen gezwungen. seinen Gedanken dennoch Audienz geben kan». Unter diesen Um» ständen macht nun freilich die Phantasie die Honneurs und empfängt i» recht aristokratischem Stolze ihre Gäste mit einem gcwiffcn laisser aller, indem sic bei dem einen kaum einen Augenblick verweilt. dem andern höchstens ein flüchtiges ״bon jour“ hinwirsl, die meisten mit einem sreundiichcn Lächeln abscrtigt, daß die so cingeschüchterten Gedanken fick ebenso rasck entfernen, als sie gekommen. Diese Boulevard-Ideen find te«halb auch nur wie Scisenblase», kaum haben sic etwas Volumen und Farbe brlomme», sind sic auch schon wieder geplatzt. Wie könnte eS aber bei dem raschen Szenenwechsel der uns umgebenden Außenwelt auch anders kommen? das geistige Auge kann dem lciblichen kaum folgen, nnd nach längerem Umherschwcifcn muß auch dieses bald ermüden. Was soll man zuerst sehen? Wo am meisten verweilen? Nast nicht Alles wie ein Maükenzug an uns vorüber? Tummein sich nicht alle Leidcnschaslen in körperlichen Gestalten herum? Da« Laster trotzt hier dem Tageslicht, ja selbst dir schüchterne Tugend scheut sich nicht, in diesem Eoueerte zu erscheinen. Gott, welch' auffaklende Kontraste sieht man da nicht beisammen! Die rothwanzige jugendliche Illusion neben der runzligen getäuschten Hoffnung; die unverschämteste Arroganz an der Hand der onspruchlosesten Bescheidenheit; die bitterste Noll, neben der heillosesten Verschwendung. Wer die Physiognomien, diese Neflerspiegel de« Herzen-, genau studiren könnte. nicht al« einzelne Gruppen aus dem großen Gemälde herausgcnommrn. sondern vielmehr im Zusammenhang mit allen Haupt- und Nebenfiguren: wer so jedes Individuum erst für fich selbst, dann wieder alintegrirenden Theil de« Ganzen, al- Ring und zugleich wieder als Bestandlheil der großen Kette auffaffen wollte, wer endlich die dazu gehörigen Licht- und Schattenseiten auScinaiiderzusttzeo und zu rechtferli« gen verstände: der hätte sich durch diese praktische Psychologie, auch ohne Doklortitel, zum Lehrer der Philosophie emporgeschwungen »ad seine populären Vorträge zählten gewiß wehr Hörer al« alle Univerfi. täten zusammen. Natürlich müßte diese« Genie der Pflaflertretrrei erst alle Bücher verbrrooen, seine neuen Hilfswiffenschafte« aber au« seine« BeobachtungSvermögen schöpfen und seine Lehrkanzel auf dem Boule» vard ausschlageu. Zatrreffant ist e«. in dieser großen Meascheumaffe an bestimmten Tagen, zur nämlichen Stunde regelmäßig manchen Personen zn brgegncn, die man oft sieht, ohne fie je zu kennen, und von welchen man beob» achtet wird, ohne von ihnen gekannt zu sein. E« ist, al« hätte man einen versiegelten Brief zu lesen, ohne ihn zu erbrechen. Bei andern hingegen weiß man, wohin fie gehen, denn man kennt fie und den Zweck ihres Wege« genau. Wer am Mondtag und Donnerstag zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittagan der Ecke de« Boulevard Poiffoniere warten wollte, der würde regelmäßig um diese Stunde eine Per,on au« dem Faubourg gleichen Namens herauSkommen sehen. Wohin mag dieser Herr wohl gehen? Folgen wir unserm Manne läng« der Boulevard«, biegen dann mit ihm in die nie saint Martin rin, und möge fich'S der geneigte Leser nicht verdrüßen lassen, mit ihm durch die enge und schmutzige rue du vert bois im Tempelgcbäudt zwei Treppen hoch zu steige». Die vornehme Gesellschast wird uns für den schlechten Weg entschädigen. Dieser Mann hätte wahrlich auch nicht nöthig. dahin zu gehen, denn daß wir es nur gleich sagen, er ist wohlhabend und Viele an seiner Stelle würden eS vorziehcn, in den weichgepolsterten Lehnstühlen ihrer reichmöblirten Salon« auszuruhen; er ist gelehrt, besitzt eine ausgesuchte Bibliothek, steht mit den meisten Gelehrten Europas in Eorresponkenz, und ein anderer würde in seiner Sludirstube bleiben, um sich ungestört seinen geistigen Genüssen hinzugebcn. Aber wer zum Wohlthun geboren ist. wo die Pflicht der Nächstenliebe in so hohem Grade auSgcbildet ist, wo die Wohlthätigkcit zur zwelien Natur geworden. da ist an ein egoistisches. abgcschloffcneS Leben nicht zn denke»; der findet nur da seinen wahren Genuß, wo andere mit ihm und durch ihn genießen. Wir find im zweiten Stock anzelangt und sehen da aus der Thüre mit großen Leitern angeschricben: Administration du Temple, Coinitä de bienfaisancc. Kaum wage» wir cs. eine Beschreibung von drm Publikum zu geben, daß sich beim Eintreten unsere- Führers in zwei Reihen ehrerbietig ausgestellt hat, um ihm den Durchgang zn erleichtern. Um das Elend, dahier aus so verschiedenen Typen herausficht, getreu und zugleich malerisch darznsteNen. müßle man Hcildut'S Pinsel führen können. Beim Anblick der mannigfachen Eostume glaubt man die Repräsentanz von den Bettlern des gesammren zerstreuten Ju» denthum« hier versammelt zu sehen. Im Vordergründe die wohlbekannte Figur der universellen ProfeffionSbettler mit langen gekreiselten Locken, ungekämmtem Barte, dessen ganze Haltung den Eyniker verräth; dem polnischen Kastan hat der zugestutzte moderne Rodingotn Platz gemacht. Zudringlich, fast unausstehlich, weiß er unter seinen GeschästSgenoffea den ersten Platz zu behaupten, er ist für diesen keinen Beruf ganz geschaffen, dazu hat er den Eoder der Bettelei im kleinen Finger, denn er ist kein Am Haaretz, kennt die Thora mit Raschi und ist auch ohne grammatikalische Kenntnisse von dem beiondern Werthe de« Futurums, wenn e« vom infinitivus begleitet ist, unterrichtet. Er weiß, wa« Raschi sagt zu נתון תתן nnd פתוח תפתה אפי׳ כמה פעמי׳ und אפי מאה פעמיי; hingegen erkennt er unserem eminenten Commrntatorrn in der Erklärung de« Worte« .שעריך עניי עירך קודמיי לעג״ ע״א nicht mehr die nöthige Eowpetenz zu. Unweit von diesem ein Jeru» schalmi oder rin algierischer Jude in bunter orientalischer Kleidung, daneben ein Invalide mit einer, alten blindeu Frau, hier eine jugendliche Mutier, (fast noch ein Kinds, die ihr Kind stillt, da rin Arbeiter in blauer Blousr, da« Kepi schief aufgesetzt, in militärischer straffer Hat» tung. Wer mag aber der junge Manu im schwarzen Frack und Hand»

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