Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 15 (8.4.1863)
- Date
- 1863-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2542917-2542918-2542934--3064-2546908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
267 268 DamaSkuS-Affaire, die Reise Cröinieur'ö und MoutefioreS nach kcm Oriente, und die wirklichen oder angeblichen Aeußerungen gelehrterJudenchristeu über die verhängnißvollc Blllkbeschuldigung. In Wien ging das Gerücht von Mund zu Mund, daß der berühmte Prediger Veith bei St. Stefan auf der Kanzel eie eidliche Dcthcuerung ausgesprochen habe, daß daS gedässige Vorurtheil, welches vor Kurzem im Oriente eine nn« menschliche Judenverfolgung hervorrief und das bei manchen Ehristen Eingang finket, durchaus ungegründet ist. Die Nachricht von dieser Bclheuernng ivurde auch von auSläudischcn Blättern gebracht, und dieselbe sollte auch in der von Ehorin;u edireuken Schrift wiederholt werden. Um dicS jedoch zu thuu, wollte man sich über die Anthcnrie der Bethenerung volle und unzweifelhafte Gewißheit verschaffen. Die Frage, mif welchem Wege zu dieser Authentic zu gelangen sei, war Gegenstand wiederholter Bcrathungen, diö man zu dem Be- ,chluffc gelangte, durch den Loschitzer Rabbiner Abraham Neuda, welcher gegen die Anfeindungen deS mährischen ÄmdeSradbincrS NehemiaS Trebitsch in Wien Schutz , suchte, bei Veith eine Anfrage machen zu lassen. Ncuda setzte demselben sein Anliegen auseinander, ohne jedoch einer klaren Antwort gewürdigt zu werden. ״Waö wollen fit von mir haben?" Dies war Alles, waS ihm Veith sagte, worauf er sich zurückzog. Die Schrift, welche herausgegeben werben sollte, führt ten Titel: ״Aloysii v. SonnenfelS, der uralten und weltderühmten Wienerischen Universität Mitgliedes, jüdischer Blut- Eckel, oder daS von Gebrauch deS unschuldigen EhristenbluteS angcklagtc, untersuchte und uuichuldig befundene 3ndenthum auS Trieb der Wahrheit an Tag gegeben, ^nuo Domini 1753. Mit Erlaubniß hoher Obrigkeit." Ehorin entwarf eine kurze Einleitung, in welcher er die gründliche Sachkeuntniß deS Verfassers hervorhob, und Low lieferte eine Notiz über die Person desselben und dessen übrige Schriften, in welcher Jechiel Michel b. Juda Löw als der Berliner Oberrabbiuer bezeichnet wird, als dessen Sohn sich Alor-S v. Sonknseld selbst bezeichnet, ohne jedoch den Namen seines VaterS näher anzugeben. Der Sohn dieses AlopS war Josef v. SonnenfelS, der von politischer Dornirlbeit und kirchlichem Fanatismus verfolgte, berühmte Gründer der neuem Eultur in Oesterreich. Dieser hatte auch die Absicht, iu Wien eine Art von Akademie zu gründen, und fielllc bei McndUösohn die Anfrage, ob derselbe geneigt wä»e, iu die zu gründende Gesellschaft einzutreteu. Die Auregung zu der Herausgabe der Schutzschrist von AloyS v. SonnenfelS war von Rafael S pitzbc rger auögegangen, einem thalmudisch und wissenschaftlich unterrichteten geistvollen Manne, der, wiewohl in Ungarn geboren, sich in Wies als türkischer Unterihan eiablirte, und welchem Tr. Gabriel Niesser die hieraus bezüglichen, iu der Zeitschrist »der Jude" abgedruckteu Mittheiluugeu verdankte. Spltzberger wußte auch dem alten Hofmannöthal Interesse für die Edition deS ״Dluteckel" einzuflößen. Aber trotz der vereinten Bemühungen und' trotz der Bereitwilligkeit, welche Peter Beer'S Sohn, der im Bücher-RevisionSamte angestellt war, an den Tag legte, so oft Ehorin bei ihm erschien, — waS jeden zweiten Tag geschah, — konnte daS Imprimatur nicht erwirkt w : die Schrift mußte vom RevifionSamte der StaatSkar!gesandt werden! Ehorin hatte bereits Wien verlasse eS Nafael Spltzberger gelang, die Protcktion Rothsc,. a für daS kleine literarische Unternehmen zu gewinnen. Ro.'.-schild erhielt nach Kurzem im Namen deS Fürsten Metternich den schriftlichen Bescheid, daß eS im Jateressc der Detressenden gerathener sei, die bezügliche Schrift nicht neuerdings aufznlcgcn. Dieser Bescheid war ohne Zweifel aufrichtig gemeint. In Wien galt zu jener Zeit der Grundsatz: ״Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!" Im Sinne dieser Marime lebte damals die österreichische Publizistik, wie gegenwärtig die ungarische, in ihrem goldneu Zeitalter, und da die DainaSkuS-Affaire eine Zeitfrage war, die die Juden betraf, so wollte die CiaatSkanzlei in Betreff der Juden, die an den sie betreffenden AnSnahniSgesetzen genug zu tragen halten, keine Ausnahme von der allgemeinen Schweigsamkeit dulden. Der ablehnende Bescheid der Staatökanzlei erfuhr aber auch eine andere Benrlheilnug. Nicht Wenige, deren Anschanuug besonders von einem Buchhalter, NamenS Willig, vertreten und verthcidigt wurde, führten den Bescheid aus die allgemeine politische Situation zurück. Bekanntermaßen war nämlich die Judenverfolgung in Damaskus von dem dortigen französischen Eousul begünstiget worden. Ter Pater Franziskus von Sardinien, welcher von dem apostolischen Vorsteher der katholischen Mission nach Damaskus gesandt worden war, um Nachrichten über das Schicksal deS in Ver׳ lust gerarhenen Pater ThonraS einzuziehen, sagte in keinem Berichte, daß der französische Eousul in der betreffenden Angelcgcuheit ״dir äußerste Thäligkeil und den größten Eifer" au den Tag gelegt habe. Die Kannengießer behaupteten also, daß die Staatökanzlei eine Solidarität zwischen -dem fravzösischen Kabinete vom 1. März und dem französischen Eon« sul in Damaskus vorauösetze. und sich hüte, dem französsscheu Premier ThierS nahe zn treten, der bereits iu die Kriegöposaune geblasen halte!! Als die Kunde nach Wien gelangte, der Marschalt Eoult wäre in Paris an die Spitze der Geschäfte getreten (29. Oktober), hatte Willig nichts Eiligeres zn thun, als den von ihm hochverehrten Ehorin brieflich zu einer neuen Reise nach Wien aufzufordern, um daS inS Stocke» gerathene Projekt auSzuführen. Ehorin hatte auf die Angelegenheit bereits so viel Mühe verwendet, daß eihm schwer fiel, dieselbe gänzlich auszngebeu. Er hätte auch