Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 12 (18.3.1863)
- Date
- 1863-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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191 192 sich nicht mit brr Strenge des SabbathgesetzeS. Auf die erste Einwendung legen die neueren Gegner der Orgel um so mehr Gewicht, als sie die Thatsache dafür sprechen lassen, daß die Instrumentalmusik gerade dem ältesten SynagogencultuS ganzlich fremd war. Sie vergessen aber, daß die ältesten Synagogen zur Zeit deS (zweiten) Tempels entstanden sind, wo Instrumentalmusik und selbst melodischer Gesang alS auSschließlicheS Attribut deö Tempels angesehen wurde &). Eine Nachahmung christlicher EultuSformcn wird man, abgesehen von dem Psciseuwerkc deS Jerusalemischen Tempels"), die Orgelbegleitung kaum nennen können, da dieselbe anch unter den Christen Gegner hatte und noch immer Gegner bat. Ulrich Zwingli duldete keine Orgel, und er soll, um die Kirchenmusik lächerlich zu machen, mit einer Musikbande vor dem Ra he von Zürich erschienen sein, um ein Gesuch vorznlragen. Bern halte noch in dem letzten Viertel deS vorigen Jahrhunderts keine Orgeln. Die griechische Kirche weiset dieselben bis aus den heutigen Tag zurück. Selbst manche katholische Bischöfe haben beim Tridentincr Eonzil (1515—1563) gegen den Gebrauch der Orgel gestimmt. Die neuonhodoren Rabbiner und Prediger, die, nm den Laien zn imponiren, die Orgelbegleitung gerne mit den Äassen weltlicher Gelehrsamkeit bekäinpsen, ivcrden in der Folge mit der Anführung dieser Thatsach en prunken können, und ich will ihnen selbst die Notiz nicht vorenthalten, das? daS englische Parlament 161-1 die Musik auS den Kirchen verbannte, und Ehoralbücher und Orgeln vernichten ließ, und daß sich nur das Oberhaus später für die Kirchenmusik auS sprach. Abgesehen von all dem dürste eS aber anch an der Zeit sein, der so sehr perhorreSzirlen Nachahmung etwas näher in'S Angesicht zu schauen. DaS Ehristcnthum ist auS dem Judenthume hervorgcgangen. Die ReligionSurkuudcn Israels sind, wie den Inden, auch den Ehristen heilig. Die alttestamentlichen Apokryphen, Produkte jüdischen Geistes, gehören für einen großen Theil der Ehristenheit ebenfalls zum Bibelkanon. DaS heranwach« sende Geschlecht der christlichen Nationen Europas lernt die Geschich»; Israels viel früher, als die seines eigenen Stam« meS; ja, die christliche Volksschule beschränkt ihren historischeu Unterricht fast nur auf Israels Vorzeit! Wenn christliche Prediger bei KrönnngS« und HuldigungSfcsten, bei Eroffnung und Schließung von Landtagen und andern bürgerlich"l Festtagen predigen, wählen sie in der Regel alttestamentliche Terte. Von der mosaischen Sittenlehre sagt ein frommer christlicher Pfarrer. Johann David Friedrich Schottin: ״DaS ist die echte Moral, die zu ihren Satzungen, wie MoseS, den einzigen Grund hin« zusügt: ״Denn ich bin der Herr, euer Gott." Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig." Diesen, dem jüdischen Selbstbewußtsein so wohlthnendcn Thatsachen gegen über können gebildete Juden ohne Bedenken anerkennen, daß sie keinen Anstand nehmen, in der ästhetischen Veredlung ihres Gottesdienstes dem Beispiele der Ehristen zu folgen! Wurden ja iin Mittelalter Svnagogalgcsänge nach erternen Melodieen gesungen und komponirt! In unserer Zeit hö> t man gerade in den orthodorcn Synagogen erlerne Melodiren! Ein sehr orthodorcr Rabbiner deS Mittelalterscheute sich gar nicht, öffentlich zu lehren: ״Wir Juden soll« teil, waS daS anständige Betragen im Gotteöhanse betrifft, unS die Ehristen zum Muster und Vorbilde nehmen')!" Nach Mann st ein ist eS ausgemacht, daß die ersten An« sänge deS meliömalischen Gesanges einer Siimme in den AuSgang deS 16. und Anfang deS 17. Jahrhunderts fällt." Und diese herrliche nichtjüdische Erfindung wußte sich selbst in die orthodore Synagoge den Weg zu bahnen! ״DaS jüdische Gefühl ist gegen die Orgel!" Darauf pflegt man sich besonders in Wien zu berufen. ' Eine Abstimmung der ganzen Wiener Gemeinde würde aber ohne Zweifel ergeben, daß die überwiegende Mehrzahl der Orgelgcgner auch Gegner des EhorgesangeS sind, die Freunde deS letz׳ lern aber zumeist anch gegen die Orgelbegleitung nichts ein-;»wenden haben. In ästhetischen Fragen gibt eS eben so wenig ein speziell jüdisches Gefühl, als eS in Fragen der Logik einen speziell jüdischen Verstand gibt; wohl aber gibt eS allenthalben, nicht nur nnker den Juden, verschiedene Abstufuiigen in der Bildung deö Geschmacks! Der judenseindliche Schutt ist merkwürdiger Weise in Ansehung der Orgel der Apologet der Juden, indem er die Behauptung Pfefferkorns, als empfänden die Inden eine eigene Antipathie gegen den Orgelron, mit der Bemerkung zurück,reist, daß eine Prager Synagoge eine Orgel besitze"). DaS thalmndische Sabbathgcsctz ist der Musik allerdings nicht günstig. Selbst bei der glänzenden Festivität deS Fackel- Hauses (oder deS sogenannten WafferschöpfcnS) am Laub« hüttenfeste durste sich am Sabbathe und am Festtage keine Musik hören lassen"); R. Eleazar b. Pedath, ein auch sonst sehr asketischer Lehrer, will am Sabbathe jeden Sang und Klang vermieden wissen '"). Von anderen obskuren AS« keten werden gar absonderliche Dinge erzählt. Der eine übernachtet auf der Treppe, weil er in der Sabbathnacht nicht an die Thüre klopfen will, um seine schlafenden HauSleute zn wecken. Selbst die Frage, ob man mit der Hand an den Bauch schlagen dürfe, wird — vielleicht bloS im Scherze — zur Sprache gebracht. Andere nahmen eS jedoch minder genau. Mancher pochte an die Thüren, um den Anfang deS Gottesdienstes anzukündigen. Die HochzeitSgäste Rabbis, deS gefeierten MischnaredakteurS, klatschen sich am Sabbathe trotz deS MischnaverboteS wacker in die Hände, waS von R. Meir getadelt wird. Nach der palästinensischen Gemara