Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 11 (11.3.1863)
- Date
- 1863-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2542917-2542918-2542930--3016-2546856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 180 sttn Aufgaben der jüdischen Theologie, das Thalmudstndinm auf eine neue wissenschaftliche Dahn zn leiten, um den Ansprüchen, welche der Thalmud auf filologische und archäologische Behandlung hat, gerecht zu werden. Indem man diesen Weg einschlagt, macht man allerdings die Vielen anstößige Emkeckung, daß die größten Eelebritätcn dcS rabbinischen Mittelalters den Thalmud zuweilen mißverstanden haben; dafür entschuldigt aber daS Licht, welches die neue, von Sprach- und Sachkenntniß getragene, ans die übrigen Schriftdenkmälcr deS AlterthumS längst angcwendele Methode über manche, bisher dunkel gebliebene, thalmudischc Spezialität verbreitet. DicS ist auch bei deit thalmudischen Ausdrücken ״Golal" »nd dem häiifig damit verbundenen ״Dofak" der F.׳>l. Diese Ausdrücke können natürlich erst dann genau verstanden werden, nachdem man sich mit der Gestalt der Gräber im Oriente bekannt gemacht hat. Aus die zuverlässigen Berichte von Reisenden gestützt, aibk Saalschutz von den in Felsen angebrachte» altjüdischcn Ruhestätten der Dabiugeschiedencn folgende Beschreibung: ״Die wichtigsten hebräischen Fclsenarbciten sind Grabdenkmaler im Norden Palästina'-, bei Sichem und bei Jerusal,׳m die sogenannten Gräber der Könige, AbsokonS. der Richter Israels. Sie sind theilS innerhalb dcS BcrgselsenS angelegt, theilS audemselben herauSgebauen und von der Felscnwand losgelöst, so daß sie frei stehen, in ihrem ganzen Aeufiern künstlich geformt sind nnd nur unten noch mit dem FelSboden ziisainineiibängen. .Räume, die ihren Dinieilsione» nach großen Sälen gleichen, sind in den harten Bergselscn bincingearbeilct, thcilweisc mehrere, durch besondere Eingange, die in die scheidende Felswand gehauen sind, mit einander zilsanlinenhängend. Im dunkeln Innern sind an der Wand ringS umher Nischen zur Aufnahme der einzelnen Leichen angebracht. Durch Fclöthüren, welche in den auSgebancnen Zapfenlöchern vermittelst der auS ihrer eigenen Masse sichen gelassenen Zapfen beweglich hingen, konnten diese Räitine verschlossen »verden, Säulen nnd andere künstliebe Skulptur-Arbeiten zieren den äußeren Eingang. Ihnen schließen sich zahllose einfachere Gräber an, welche im Osten, Süden nnd Norden von Jerusalem eingehauen sind")." Die ״Gräber der Könige" hält Robinson auS sehr einleuchlenden Gründen für daS von JosefuS und andern Schriftstcllern erwähnte Monument der zum Iudenthume übertrerenen Helene, Königin von Adiabene. Der griechische Schriftsteller PausaniaS hebt im zweiten Jahrhundert zwei Grabinäler als besonders bewunderSwürdig hervor: daS deS Königs MausoluS in Karten und daS der Helene zn Jerusalem. An dem letzteren rühmt er besonderauf eine übertreibende Weise die Thür, welche auS demselben Felsen und so künstlich gearbeitet war, daß sie nur geöffnet werden konnte, wenn jedeSmal daS Jahr denselben Tag und dieselbe Stunde wieder herbeiführte. Alsdann öffnete sie sich angeb, lich von selbst durch einen Mechanismus, und verschloß sich wieder nach kurzer Heit, wenn einer eS versucht hätte, sie zu einer andern Zeit zu öffnen, so würde er sie erst mit Gewalt haben aufbrechcn müssen '6).‘י Sonst waren die Thüren nicht immer durch Zapfen eingehängt, welche entsprechenden Löchern in den Felsen eingepaßl waren; zuweilen ״wurde der Eingang mit einem großen Steine verwahrt, welcher nicht in Angeln hing, sondern über den Eingang hin gelehnt oder hingewälzt wurde, und den man also, wenn man in die Gruft gehen wollte, wegwälzen mußte")-" AuS dieser, für die christliche Urgeschichte so hochwichtigen Beschaffenheit der Grufteingänge »rklärcn sich die beiden Ausdrücke גולי und Golal ist der Stein, welcher an den Eingang der Gruft gewälzt wird; Dosak ist der Stein, welcher vom Golal gleichsam gestoßen wird '*). Diese einzig richtige Erklärung ist übrigenö nicht neu, sie steht anödrücklich in der Mischna: ״welcheS ist der Dosak? DaS, woran der Golal sich lehnt: ני!ןען Hier kann unmöglich von einem Sargdeckel oder wie R. Jakob b. Mcir Tbam will, von einem Denksteine die Rede sein! Die Reduktion der Trauertage wird also fortan nicht mehr an den ״Golal" anzukuüpsen sein׳"). Bei einer Revision der Tranervorschristeu wird dagegen zu beachten sein, waS die sonst starren Karaer darüber lehren: ״Das Trauern um Dahingeschiedene unterliegt als freiwillig übcriiomiiicne Sitte den Veränderungen der Zeit׳")." Zu manchen antithalmndischen Reformen hat in dieser Rücksicht schon daS Mittelalter Bahn gebrochen. R. Mose b. Jakob auö Eoucv, der berühmte Verfasser des Semag, berichtet in der ersten Hälfte dcS dreizehnten Jahrhunderts, daß die Verhüllung dcö Hauptes, trotz der thalmudischen Vorschrift, ganz außer Brauch gekommen sei, ״weil sich die französischen Juden vor ihren christlichen Nachbarn und Dienstboten nicht lächerlich machen wollen." Und wiewohl R. Meir ha-Kohen auö Narbonne dieim dreizehnten Jahrhunderte billigte, nnd R. MoseS JsserlS im sechzehnten Jahrhundert der anlithalmudischen Neuerung so entschieden seinen Beifall zollte, daß er eö angezeigt fand, eine Warnung vor der Rückkehr zur thalmudischen Sitte hinzuzufügen; fv drückte doch der Danziger Rabbiner Lipscbitz noch vor zwanzig Jahren fein Erstaunen darüber auS, wie man auS Furcht, sich lächerlich zu machen, die Uebung eines religiösen Brauches unterlassen könne. Nachdem er jedoch in dem Gedanken, daß man es schon in der thalmudischen Zeit mit den Trauergebräucheu nicht sehr rigoros genommen, einige Beruhigung gefunden, und erwogen hat, daß auch die thalmudische Umstürzung der SofaS außer Brauch gekommen; ist er geneigt, unter gewissen Modifikationen auch daS Bartabnehmen in der Trauer« zeit freizugeden. (Fortsetzung folgt.)