Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 8 (18.2.1863)
- Date
- 1863-02-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2542917-2542918-2542927--2985-2546822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
123 124 welche der Thalmud über einzelne Lehrer bringt, die, indem sie sich zum Gebete auch durch anständige Kleidung vorbereiteten, folgende Worte deS Profeten AmoS anzuführen pflegten: »Sei anständig deinem Gotte gegenüber, o Israel (Am. 4, 12. vergl. 2 M. 8, 22)!״ Gar zu kleinlich und daher nicht erwähncnöwerth schien ihm die Ma, nier mancher Lehrer, welche sich auf diesen SchriftverS nur in glücklichen Zeiten beriefen, während sie an bösen Tagen das Oberklcid von sich warfen, und auSriefen: ״wie ein Sklave vor seinem Herrn!" Eine merkwürdige Paralelle bietet hier die Ansicht deS Archäologen Augusti, welcher die bereits erwähnte Paulinische Vorschrift damit motivirt, daß der Christ, wie der Sklave vor seinem Herrn, mit entblößtem Haupte erscheinen soll, alö Beweis seiner Abhängigkeit und Demuth. Wenn MaimonideS rücksichtlich der Barsüßigkeit, nicht aber rücksichtlich der Barhäuptigkeit die Landeösltte in Betracht zieht, so ist dies dem Umstande zuzuschrcibcn, daß er sein Werk in Egypten unter MoSlemen verfaßte. Aber auch in Europa empfiehlt der Sittenlehrer R. Jona b. Abraham Gerondi, daS Haupt stelS bedeckt zu halten. Ein Gleiches thut R. Jakob b. Ascher, der Verfasser der Turiin, und der ״treue Hirte" im Sohar. Ganz anders gestaltete sich die Sitte bei den Franzosen. Sie! gestatten mir wohl, daß ich auch hierüber die Quellen sprechen lasse. Im zwölften Jahrhundert bezeugt einer der berühmtestcn französischen Gesetzcslehrer, R. Isaak b. Abba Mari anS Marseille, daß selbst die Frommen deS Morgens entblößten Hauptes gingen, bis sic den Talith über den Kopf zogen, und daß sie auch im Laufe deS TageS das Haupt bald bedeckten, bald entblößten. R. Josef Karo bemüht sich zwar, die Worte R. Jsaak'S umzudeuten, da er alS orientalischer Rabbiner und nach der Sitte seiner Zeit an der Barhäuptigkeit Anstoß nimmt; aber R. MoseS Jsserl'S sagt ganz unbefangen, R. Jsaak'S Worte seien nach ihrem natürlichen Sinne zu nehmen, indem die Aengstlichkeit in Betreff der Hauptbedeckung nicht geboten, sondern bloß chaßidäische Manier sei'"). Im Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts berichtet R. Abraham b. Nathan Ha-Jarchi auS Lunel, der alle jüdischen Gemeinden Frankreichs und Spaniens bereiste, daß eS Minhag oder Brauch sei, bedeckten HaupteS zu beten, hinzufügend, daß eS überhaupt billig sei, den Kopf zu bedecken, wie die Spanier thun, welche dafür belobt zu werden verdienen: יישר בחם ")! Dieses Lob der Spanier scheint aber die Franzosen kalt gelassen zu haben. Ungefähr eiu Menschenalter später, iu der Mitte deS dreizehnteu Jahrhunderts kam eS in franzöfischeu Syuagogen noch vor, daß maa die Thora-Lektion unbedeckten HaupteS verrichtete. Selbst unter den skrupulöseren deutschen Inden scheint man die» zur Thora gerufenen Kiuderu gestattet zu haben, waS aber von R. I s a k b. MoseS auS Wien entschieden gemißbilligt wird "). Gegen daS Ende des dreizehnten Jahrhundertlassen zwei berühmte Rabbinen, ein deutscher und ein französischer ihre Stimme über die Barhänptigkeit vernehmen. R. Mekr b. Baruch auS Rothenburg, in Bezug auf Gebräuche die erste deutsch-rabbinische Autorität deS Mittelalters, sagt unumwunden, eS sei nicht verboten, entblößten HaupteS zu gehen, und von der chaßidäischen Manier einzelner Gesetzeslehrer der thalmudischen Zeit abzuweichen. R. Me'irS Zeitgenösse, R. Perez b. Elia in Korbeil, welcher in Bezug auf Gebräuche der Leitstern der französischen Juden war, empfiehlt, daß man den Eintritt in die Synagoge mit entblößtem Haupte nicht gestatte Die französischen Juden müssen also noch zu Ende deS dreizehnten Jahrhunderts die Synagoge entblößten HaupteS betreten haben. Außerhalb der Synagoge will selbst R. Perez der herrschenden Sitte nicht entgcgenlreten. Am Ende desselben oder zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts lehrt R. I a k o b h a - L c v i M ö l n, daß Leidtragende nicht entblößten HaupteS gehen dürfen "); von der allgemeinen Nothwentigkeil einer auS religiösen Motiven gebotenen Kopfbedeckung war also damals noch keine Spur. Und dieser R. Jakob, ein Zeitgenosse von Johann Huß, hat, wie ich Sie versichern kann, alle seine Vorgänger an Mikrologie und Strenge übertroffen, und er ist bis auf den heutigen Tag in liturgischen Dingen die erste Autorität unserer Pijjutifteu und Pietisten! R. Jakob'ö jüngerer, gelehrterer und berühmterer Zeitgenösse, N. Jsseklein, der Rabbiner in Marpurg und in Wienerisch-Neustadt war, wurde von BreSlau auS befragt, ob der Eid bei entblößtem Haupte geleistet werden dürfe, wozu die dortigen Juden gezwungen werden sollten. R. Jsserleiu antwortet, daß er ein hierauf bezügliches Verbot nirgend angedeutet findet. Und doch sollte bei dem Eibe der Name Adonai ausgesprochen werden")! Sie bemerken, m. H., daß wir auf unserer gemeinsamen Wanderung bereits in der Mitte des fünfzehnten Jahr- Hunderts angelangt sind: deö Jahrhundert-, welches Gutenberg und Kolumbus verherrlichen! Alexander v. Humboldt sagt: ״Das fünfzehnte Jahrhundert gehört zu den seltenen Zeitepochen, in denen alle GeisteSbestrebnngen einen bestimmten und gemeinsamen Charakter andeuten, die unabänderliche Bewegung nach einem vorgesteckten Ziele offenbaren").״ Die Juden konnten nach den Stürmen deS vierzehnten Jahr- Hunderts und bet ihrer traurigen politischen und sozialen Stellung an dieser Bewegung kaum Antheil nehmen. Der bestimmte Charakter ihres StrebenS »var immer strengere Abschließung von einer Welt, die sie so bitter verfolgte, von einer Gesellschaft, die sie verhöhnte, von einer Sitte, welche