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Ben Chananja · 1863-02-04 · 6 (4.2.1863) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
6 (1863)
Issue
6 (4.2.1863)
Date
1863-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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L 89 Brochüre enthält auch eine Korrespondenz mit Reggio und andere Erkurse, worunter einer die Uebermittlnng eines ScheidebriefeS durch die Post für zulässig erklärt: ein Urtheil, das in neuester Zeit vielfach bestätiget wurde, ohne daß Chorin erwähnt worden wäre. In seinem im Jahre 1837 in Ofen erschienenen ״Hillel" erklärt derselbe sogar, daß die prophetischen Verheißungen der Wiedervereinigung Israels nur die Constituirung einer obersten NeligionSbehörde in Jerusalem im Sinne habend! In orthodoren Kreisen fanden die Synodalvorschläge Chorin'S nur sehr geringe Beachtung, sie hätten aber wirkungslos bleiben müssen, wenn sie auch größere Beachtung gefunden hätten. Die Orthodorie besitzt eine perpetuelle Synode, deren Autorität so bedeutend ist, daß dieselbe dem einstmaligen großen Sanhedrin in Jerusalem an die Seite gestellt wirb: diese Synode ist aus dru jeweiligen orthodoren Koriphäen der thalmudischen Halacha (Gedole ha—Dor) zusammengesetzt; ihr Urtheil ist maßgebcnd und entscheidend! In civilrechtlichen Fragen haben dieselben allerdings dort, wo die rabbinisch-civilrechtliche Autonomie außer Brauch gekommen ist, ihren früher» Einfiuß gänzlich verloren; auch in Bezug auf Eulturfragcn, wie Schule, Erziehung und Berufswahl wird auf ihre Stimme nicht mehr gehört: aber in Bezug auf rein religiöse, daS Ceremonialgesey, die Askese, den RituS und CultuS betrefsende Fragen steht ihr Ansehn unerschüttert")! Sie sprechen sich aber entschieden gegen alle und jede Neuerung auS; die allein kompetente Synode hat mithin ihre endgüllige Entscheidung bereits abgegeben! — Ebenso wenig ist e6 bis zur Stunde gelungen, der Orthodorie die Motive der angcstrebten Reformen einleuchtend zn machen. 13. ״Allcö hat seine Zeit!" Die von Ehorin vertretene, mit dem Thalmud angeb« lich aus dem besten Fuße stehende Reform wird nämlich als ein Bedürfniß der Zeit dargestellt: der synagogale CultuS soll veredelt werden, weil eö die geläuterte Geschmacköbildung fordert; die außersynagogalen Gebräuche und Beschränkungen seien einer Vereinfachung und Verminderung zu unterziehen, weil deren Beobachtung genirend, störend, drückend und in manchen BerusSarten geradezu unmöglich ist. Waö nun die Veredlung deS CultuS betrifft, so hat der ungebildete und daher entschiedenste Theil der Orthodorie wirklich keinen Sinn dafür, indem die herkömmliche Vrcdigtweise und der herkömmliche synagogale Gesang seinen Geschmack ebensowenig verletzen, als daS herkömmliche Benehmen in der Synagoge sein AnstandSgefühl verletzt. Die gebildeten Orthodoren geben daher in dieser Rücksicht wirklich nach: in der orthodoren Synagoge zu Frankfurt am Main wird nicht nur nach der Grammatik und Rhetorik gepredigt, sondem auch nach Noten gesungen: Neuerungen, zu denen 90 sich weder die Orthodoren in Ungarn und Polen, noch selbst die in Wien entschließen wollen! Unter letzteren gibt eS zwar ohne Zweifel nicht wenige, die für einen Vortrag nach Grammatik und Rhetorik und selbst für den Chorgesang vollkommen reif sind. S i e würden sich ohne Zweifel entschließen, Neuerungen ihrer Frankfurter GesinnungSgenossen zu adoptiren, wenn die Wiener Tempel sich entschließen würden, einen Ruck nach vorwärts zu wagen: den dreijährigeu CikluS der Thoravorlesung einzusühren, in der Liturgie der Muttersprache einen auSgedehntern Gebrauch eiazuräumen, die Orgel ertönen zu lassen, und sich überhaupt mehr an den Hamburger Tempel und die neuesten Synagogal-Einrichtungen in Deutschland anzuschließen. Vor achtzehn Jahren wurden auch wirklich diese und ähnliche Reformen in Wien angestrebt, denn die reformatorische Bewegung in Berlin war in Wien nicht ohne Einfluß geblieben. Die Wiener Vertreter glaubten sich sogar berechtigt, an den damals schon sehr konservativen Mannheimer unumwunden zu schreiben: ״Wir wissen Sie von gleichem Wunsche beseelt, von gleichem Bewußtsein ergriffen und freuen unS, daß wir daS S ch la g w o r t der ma h n en d e n Ze i t nur auSsprechen dürfen, um der lebendigen Sympathie in Ihnen vergewissert zu sein." Die Herren Vertreter sprechen mit einer Kühnheit, zu welcher sie sich seitdem nicht erhoben haben, den Entschluß auS, ״da und dort vergessenen Schultüberrest z. B. in der Liturgie die ausgesprochene Sehnsucht nach der Heimkehr in'S gelobte Land, wegznräumen." ״Wichtiger", fahren sie fort, ״scheint unS für die bürgerliche Emanzipation die Abstellung der Doppelfestlage bei längst anerkannter astronomischer Unfehlbarkeit: vor Allem aber wie unser Gottesdienst konziser, inniger und auferbaulicher zu begründen sei." Wäre diese Bahn in dem Wiener Tempel eingeschlagen worden, so würden die Wiener Orthodoren sich in diesem Augenblicke ebenso bereitwillig am Chorgesange — wenn vielleicht auch nicht an den Tempelmelodieen — erbauen, wie eS die Franksurter Orthodoren seit Jahren thun. Die Polemik eines beredeten Wiener Tempels gegen die dortige stumme Svna« goge erzeugt, wie die Erfahrung lehrt, nur Erbitterung. Ein weiterer Fortschritt der Tempelreform müßte aber nach Verlauf einer längcrn oder kürzern Zeit unfehlbar den Fortschritt der Synagoge mit sich führen. Denn eS ist ein psychologisch begründteeS, durch die Erfahrung bestätigtes, weltgeschichlicheS Gesetz, daß auch die Grenzen deS StabiliSmuS nicht stabil bleiben, sondern desto enger gezogen werden, je weiter die Reform ihre Grenzen auödehut! Die Motive der außersynagogalen Reform werde» von der Orthodorie noch weniger anerkannt, als die der synagogalev. Daß der Jude berechtiget sei, oder berechtiget wer-

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