Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 6 (1863)
- Issue
- 3 (14.1.1863)
- Date
- 1863-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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35 36 zu umgeben ד). Denselbeu Weg ging Jehuda der Heilige, indem er die Mischna in kurzen dunkeln Sprüchen abfaßte, um den künftigen Gelehrten Spielraum für ihre Thätigkeit zu lassen. Daher die Regel: ״Die Halacha wird nicht aus der Mischna geschöpft^)", indem unser heiliger Lehrer nicht die Absicht hatte, die Halacha abzuschließen, sondern die Meinungen der Schriftgelchrten z» sammeln: eS höre der Weise und füge Kenn tniß hinzu (Spr. 1, 5)." Solchergestalt bezeichnete Chorin schon 1802 die Einsetzung einer Autorität zur Handhabung des ReligionSgesetzeS als die eigentliche Tendenz der Tradition. Diese Theorie muß um so mehr überraschen, als eö noch heutzutage nur wenige Thalmudisten und Rabbiner gibt, denen eö in den Sinn kommt, über die Bestimmung und Aufgabe der Tradition nachzudenkcn. Im Jahre 1837 schrieb Luzzato an Reggio: ״So lange wir nicht einsehen, daß sich die Schrift, gelehrten deshalb gehütet haben, die mündliche Lehre niederzuschreiben, damit die RcligionSbehörden einer jeden Epoche im Stande seien, nach dem Bedürfnisse des OrteS und der Zeit Einrichtungen zu treffen, und Veränderungen vorzunehmen, haben wir keinen klaren Begriff von dem Prinzip > der mündlichen Lehre ®).״ Luzzato glaubte, hiermit etwas > Neues zu sagen, ohne zu ahnen, daß die Priorität seiner Ausfassung der mündlichen Lehre eigentlich Chorin gebühre. Noch mehr. Im Jahre 1838 veröffentlichte Luzzato ein Bruchstück aus einem alten Kommentare zu den Sprüchen der Väter (Aboth). In demselben fand er einen Spruch, der! ihm mit seiner eigenen Theorie vou der Bestimmung der! mündlichen Lehre in Uebereinstimmung zu stehen schien. Sein! kritisches Gefühl sagte ihm, daß der Spruch einer älteren § Quelle angehöre. Im Jahre 1839 entdeckt er diese Quelle, j nimmt aber seine frühere Erklärung zurück 10). Merkwürdiger Weise wurde dieser Spruch auch von Chorin angeführt")! Im Jahre 1853 findet Schorr die Chorinische Theorie in der Palästinensichen Gemara angedeutet"); der eigentliche Urheber derselben war auch ihm nicht bekannt! Der wichtigste Theil deS Emek ha—Schawe ist die erste, Rosch Amana betitelte Abhandlung über die dreizehn Maimonidischen GlanbenSartikel (40 Quartblatt). Hier zeigt Chorin in noch höherem Maße, als in den übrigen Theilen deS vorliegenden Werkes, Kenntnisse, die unter den Kollegen seiner Zeit sehr selten waren, und von denen selbst in den neuesten Erzeugnissen der pilpulistischen Schule keine Spur zu finden ist. Ueber die Tendenz dieser Abhandlung sagt er: ״Der meine Gedanken durchschaut und das Verborgene ergründet, weiß, daß eS mir in Wahrheit darum zu thun ist, die Prinzipien der Mosaischen Religion zu verherrlichen, und den Fortpflanzern der mündlichen Lehre (den GesetzeSlehrern der thalmudischen Zeit) Ehre zu verschaffen, damit man einsehe, daß in ihren Worten nichts ist, waS der Spekulation der Vernunft widerspricht, und daß selbst in ihren scheinbar unwichtigen Aeußerungen ein tiefer, bedeutungsvoller Sinn verborgen liegt." In Deutschland dachte zu jener Zeit Nie« mand an eine derartige Apologie deS ThalmndS. Die Rab« binen hatten den Standpunkt deS naiven TyalmudglaubenS noch nicht verlassen, die McndelSsohnische Schule ließ den Thalmud abseiten liegen. In Ungarn stand Chorin nicht isolirt. Vor ihm war MoseS Kunitzer aus Ofen als Apolöget deS Thalmuds aufgetreten. Diesem war eS jedoch mehr darum zu thun, die hebräischen Sprachkcnntniffe der Altrabbinen in ein glänzendes Licht zu stellen, während Chorin bemüht war, dieselben als Träger der filosofischen Spekulation glänzen zu lassen. Er folgte hierin nur dem Beispiele, welches die Koriphäcn der arabischen Kulturepoche und ihre Epigonen gegeben hatten, indem sie vielen, fremdartig scheinenden Haggadischen Aussprüchen des ThalmndS und der Midraschim einen allegorischen Sinn vindizirten. Wie die filosofisch gebildeten Juden in Alerandrien die Bibel allegorisirten, so allegorisirten die filosofisch gebildeten Juden der arabischen Zeit den Thalmud. Und wie in Alerandrien die den Griechen gegenüber nöthig gewordene Apologie die Mutter der biblischen Allegorie wurde, so ging in Persien auS dem Schoße der den Karaiten gegenüber nöthig gewordenen thalmudischen Apologie die thalmudifche Allegorie hervor. SaadiaS machte hierin den ersten schwachen Versuch, um der Polemik deS KaräcrS S a l ma n b e n Jerucham entgegenzutreten. In unserer Zeit ist die Allegorisirung der Haggada bei den nenorthodoren Romantikern besonders beliebt. Daö Gefäß ist dasselbe geblieben. eS wird aber mit einem andern Inhalte gefüllt, als im Mittelalter. An die Stelle silosofisch-spekulativer Gedanken, die man früher in die haggadischen Sätze legte, treten jetzt populär gehaltene ethische, asketische, theilS auch nationclle und politische Betrachtungen. Chorin gehörte zn den filososireuden Haggada- Auslegern. Er begnügte sich aber nicht mit der von ihm so eifrig angrstrebten Ehrenrettung deS ThalmudS, auch die Kabbala zog er in den Kreis seiner Apologie. Filosofische und mystische Anschauung hatten sich schon in Salomo Iba Gabirol und Abraham Jbn Esra die Hände gereicht. Ja späterer Zeit hat eS weder an Versuchen gefehlt, in dea More deS MalmonideS einen esoterischen kabbalistischen Sinn hineknzulegen, noch an Versuchen, den Sohar als Fundgrube silosofisch-spekulativer Erkenntniß darzustellen. Letzterer Rich« tung folgte Chorin. Bei seiner nüchternen Verständigkeit konnte ihm die mystische Auffassung religiöser Wahrheiten nicht Zusagen. Da er aber gleichwohl die kabbalistischea Quellen hochhielr, so konnte er dem Drange, dieselben filosofisch zu interpretirea, nicht widerstehen. Sein Respekt beschränkt sich jedoch nur auf die theoretische, intuitive Kabbala. Ueber die angewendete, praktische Kabbala sagt er unumwunden: ״Unter dem Pöbel ist der Glaube verbreitet, eS