Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 49 (19.12.1862)
- Date
- 1862-12-19
- Page
- Seite 429 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2542917-2542971-2543021--2898-2546725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
429 Zurücksetzung doppelt empfindet, in so ferne er darin nicht mir seine Person, sondern zugleich seinen Stamm und Glauben gekränkt und zurückgesetzt sieht. Die allgemeine Indignation, welche Ihre Lästerung in den jüdischen Kreisen in Pest hervorrief, und die Sie nöthigte, Ihren Vortrag in authentischer Fassung zu veröffentlichen, bat Sie im Punkte deö jüdischen Ehrgefühls wol eines Bessern belehrt, und Sie überzeugt, daß Sie die ungarischen Juden bisher nur oberflächlich betrachtet und ge-- kannt haben. Hoffentlich wird Ihnen eine sorgfältigere Prüfung der vaterländischen Zustände auch in nationalökonomischer Rücksicht eine reifere und von Vvrurthcilen reinere Anschaunng von den Diensten verschaffen, welche die Juden den materiellen Interessen Ungarns geleistet haben und noch immer leisten. Der Handel ist in einem großen, wenn nickt im größten Theile Ungarns allerdings in den Händen der Inden. Wenn Sie als Akademiker diese Thatsache in'S Auge faßten, so mußten Sie dieselbe zunächst im Ganzen und Großen würdigen, um erst dann auf die etwaigen Answüchse und Uebelstande znrückzukommen, die Ihnen daran zu haften scheinen. Es wäre ohne Zweifel ganz überflüffig, mich auf Erörterungen über die verschiedenen Sisteme der National- Ökonomie, — das Merkantilsistem, das fisiokratische Sistem, das BevölkerungSsistem, Adam Smit's Sistem und dessen Fortbildung so wie auf dessen Gegner, — einzulasfeu. Folgende Latze darf ich aber jedenfalls aussprechen, ohne Widerspruch von Ihrer Seite fürchten zu müssen. Die Gegenstände der Urproduktion erhalten ihren Werth durch den Gebrauch, den die menschliche Thätigkeit davon \n machen weiß. Darum hängt der höhere oder geringere Werth aller Erzeugnisse aus Grund und Boden, mithin der Werth von Grund und Boden selbst, theilö von der mehr oder minder mannigfaltigen und zweckmätzigen Art der Benuynug, theilö von ihrem Umfange ab. Wie nun Art und Grad der Benutzung durch die Stufe der i»du stricklen Bildung bezeichnet werden, so bestimmt sich der Umfang derselben durch die Vertheilung der gewonnenen Güter unter eine größere oder kleinere Menschenmenge, also durch den H a n d e l. Die höhere Entwickelung des Gewerbfleißes und Verkehrs setzt die der Landwirthschaft voraus, und insofern lassen sich Industrie und Handel als jüngere Zweige der Kultur betrachten. Aber sie sind zugleich Sprossen desselben Stammes, welche, einmal vorhanden, mit einander fortwachsen nnd sich gegenseitig znm weitern Wachsthnm Saft und Nahrung zuführen, so daß die ganze materielle Produktion als ein einziger, nach seinen Bestandtheilen dreifach gegliederter Körper erscheint. Es ist nicht schwer, diese Wahrheiten auf die ungarischen Verhältnisse und ans die Beziehung der Juden zu dem Werthe der landwirthschaftlichen Erzeugnisse und daher zum Werthe von Grund und Boden selbst, anzuwenden, und daraus den Antheil zu erkennen, welchen dieselben an der Kultur Ungarns haben. Dies erkannten faktisch diejenigen ungarischen Magnaten an, welche die Ansiedlung der Inden auf ihren Besitzungen begünstigten. Ich bin aber in der Lage Ihnen auch aus der Geschichte unserer Gesetzgebung, ein merkwürdiges Beispiel anzuführen, welches beweist, wie klar die Grundbesitzer einsahen, daß durch die Umsicht und Thätigkeit der jüdischen Kaufleute die Nachfrage nach den LandeSerzengnisscn zunehmen. deren Preis erhöht und mithin die Grundrente gesteigert werden müsse. Beim Reichstage von 1807 forderten nämlich die Vertreter des Barser Komitates, daß die Juden zum Betriebe von Handelsgeschäften in diesem Komitate bis zum Marktflecken Löva zugelasseu werden sollten, indem sie folgende Gründe anführten: 1״-teils ist ihnen im Honter und Neograder Comitate in gleicher Entfernung von den Bergstädten nicht nur zu reisen, sondern selbst zu wohnen gestattet-, 2-tenS ist die Stadt Leva beinahe 7 Meilen von der Bergstadt Scheinnitz entfernt; Z-tens weil weder Wolle noch andere Erzeugnisse im Barser Comitate um einen solchen Preis verkauft werden können, wie in andern Theileu des Landes, welcher Umstand nicht nur den Grundherren, sondern auch den Eontribuenten nachtheilig ist. Die christlichen Kaufleute setzen nämlich den Preis dieser Artikel unter Strafe u nt e r einander fest, und dergestalt kaufen sie, i n d e m kein e Jude n da sind, Wolle u. ä h nl i ch e Artikel nach ihrer Willkür v. d. Steuerpflichtigen, und zwingen auf solche Weise die Unglücklichen Eontribuenten, um niedrigen Preis zu verkaufen." Diese Motion sammt ihrer Motivirung kenne ich nicht auö der Erzählung jüdischer Kaufleute: wenn Sie die kleine Mühe nicht scheuen, die Acta comitiorura v. 1807 zur Hand zu nehmen; so finden Sie die von mir treu übersetzten Worte S. 284 als viertes Gravamen angeführt. Die christlichen Kaufleute des Barser Komitatesi hatten also ihr HandelSmonvpol benützt, der Produktion drückende Fesseln anzulegen, die Produzenten wünschten daher die Juden herbei, um dieselben als Befreier aus den Händen der christlichen Liga zu begrüßen. Damals hatte allerdings noch kein Akademiker das Fantom einer Demoralisation deö Volkes durch die Juden ausgestellt! Darin, daß sich die Barser Liga nicht vom Geiste ״christlicher Zivilisation" leiten ließ, werden Sie, Verehrtester Herr, wol mit mir übereinstimmen. Auch werden Sie