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Ben Chananja · 1862-12-19 · 49 (19.12.1862) · p. Seite 428

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
49 (19.12.1862)
Date
1862-12-19
Page
Seite 428 (sequence 12)
Language
German
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428 Verhältnisse nnscres Vaterlandes genau kennen, wol nicht erst zu sagen, daß die ung. Sprache in Ungarn nicht in dem Umfange Landessprache ist, wie die italienische, französische und englische in den bezüglichen Landern. Wenn die Inden im Trentschiner, Saroser und Neutraer Komitate sich die nug. Sprache nicht angeeignet haben; so dürfen Sie ihnen dies nicht als eine Abneigung gegen die ung. Sprache und Nationalität anrechnen. Im Trentschiner und 8a1086׳r Komitate ist nicht eine einzige ungarische Ortschaft; im Neutraer Komitate bilden die Slaven die Mehrheit! ״Die Juden führen aber auch in den ung. Komitaten, wo sie der ung. Sprache vollkommen mächtig sind, ihre Handelsbücher in deutscher Sprache!" - Unleugbar. Aber die Christen thun dasselbe. In Szegedin führen alle christlichen Kansteute ihre Handelsbücher deutsch. Gibt eS aber eine ungarischere Stadt als Szegedin? Dies wird vielleicht schon in der nächsten Zukunft anders werden. DaS Jndividiuum kann leicht seine Geschäftssprache ändern, sobald es die hierzu erforderliche Sprachkenntniß besitzt. Unter gleicher Voraussetzung ist im Kreise einzelner Häuser und Familien der Uebergang von einer KonversationSsprache zu der andern mit keiner Schwierigkeit verbunden. Hier ist der feste Entschluß maßgebend und entscheidend. In weiteren Kreisen und bei ganzen Bevülkerungen aber ist ein solcher Entschluß weder leicht denkbar, noch leicht ausführbar. Eine Veränderung der Sprache kann hier nur allmälich und unter Umständen herbeigeführt werden, welche das Uebergewicht der einen Sprache über die andere begünstigen, die eine Sprache vor der andern verdrängen. Wo einmal diese intensive verdrängende Kraft vorhanden ist, muß die Sprache auch an Erlension gewinnen. Die unmittelbare Propaganda nützt hier wenig, zuweilen schadet sie sogar; wol aber nützt die mittelbare Propaganda: die Kräftigung, der Aufschwung, das geistige Ueberwicht desjenigen Elementes, das auf Erweiterung seines Gebietes ausgeht. Wir kennen die Verhältnisse genau, welche in frühereu Zeiten einen großen Theil des ungarischen Adels latinisirten, und später einen großen Theil der ungarischen Aristokratie germanistrlen. Wir wissen auch, wie es kam, daß die ung. Nation erst seit 1790 v. dem ernsten, sich seines Ziels bewußten Streben beseelt wurde, ihre eigne Sprache in ihrer eigenen Mitte zu wecken, zu beleben u. auszubilden. Die ung. Sprache ist nunmehr gesetzlich Sprache d. Verwaltung, der Gerechtigkeitspflege, deö höher» Unterrichtes und in einem großen Theile deö Landes Sprache der gebildeter» Gesellschaft. Diese günstigen Umstände können ihre Wirkung auch auf die Juden nicht verfehlen. Die Wirkung tritt schon jetzt nicht nur im Fannlienleben, sondern auch im Jugendunterrlchte hervor, indem an manchen jüdischen Volksschulen d. ung. Sprache Unterrichtssprache, u. selbst in den slavischen Komitaten Unterrichtsgegenstand ist; indem es schon gegenwärtig sogar eingewanderte Rabbinen ». jüd. Lehrer gibt, welche sich die ung. Sprache vollkommen angeeignet haben; u. indem in manchen Sinag. auch ungarisch gepredigt wird. Alles dies geschieht zu einer Zeit, wo die Zeitung der Krönungöstadt Preßburg in deutscher Sprache erscheint! Sie sehen, Verehrtester Herr, daß die Sprache der ung. Juden, an welcher Sie Anstoß nehmen, nicht, wie Sie glaubten, in dem Unterschiede zwischen den hierländischen und ausländischen Juden ihren Grund hat, sondern in den eigenthümlichcn Sprachverhältnissen unseres Vaterlandes. Nach meinem Dafürhalten sollten diese Verhältnisse in diesem Augenblicke mit der zartesten Schonung behandelt werden, um nicht gewissen Journalen Gelegenheit zu geben, über magyarischen Sprachzwang frasenreiche Klagen zu erheben. Auch sollte nach meiner Meinung die Toleranz, die heutzutage jeder Gebildete auf religiösem Gebiete übt, auch auf daS Gebiet der Nationalität und Sprache ausgedehnt werden. Sie waren anderer Meinung, indem Sie es für gut sauden, den Juden wegen ihrer Sprache eine akademische Lektiou zu geben. Aber selbst auf Ihrem Standpunkte wäre es passend gewesen, auch der ungarischen Bestrebungen nngarischer Juden, insonderheit derer des i sra el i t i sch-ungarischen Vereins, mit einigen Wohlwollen Worten zu erwähnen. Eine gleich wohlwollende Erwähnung hätten die Handwerkervereine zu Pest und Arad verdient, als Sie von dem Widerwillen der Juden gegen schwere körperliche Arbeit sprachen: ein Widerwille, der von Tag zu Tag abnimml, seiten! den Juden die Werkstätte der Handwerker geöffnet und der Eintritt in die Zünfte ermöglicht ist. Doch alles dies wäre ein Geringes. Aber Sie haden in dem Heiligthnme der Wissenschaft die Lästerung ausgesprochen, daß die Juden nur ein schtvacheS Ehrgefühl besitzen? Jene natürliche Neigung für Alles, was als ein Zeichen günstiger Urtheile der Welt über uns betrachtet werden kann, jenes lebhafte Verlangen, in den Augen Anderer etwas zu gelten, ihrer vortheilhaften Meinung über uns gewiß zu werden, Anerkennung unserer Vorzüge oder Verdienste zu finden, und in der ausgesprochenen Achtung der Menschen einen angenehmen und belohnenden Reiz unseres Lebend zu gewinnen — dieses vom Schöpfer dem Menschen tief in'ö Herz gepflanze Gefühl regt sich also nach Ihrer Meinung nicht mächtig in deö Inden Brust! Hätten Sie, bevor Sie Ihren Vortrag stielten, die von Ihnen zu zeichnenden Zustände unbefangen beobachtet, so würden Sie gesunden haden, daß dem Juden in Ungarn im Punkte des Ehrgefühls gerade ein gewisser Ueberreiz eigen ist, der sich leicht anö dem Umstande erklären läßt, daß er manche Kränkung und

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