Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 49 (19.12.1862)
- Date
- 1862-12-19
- Page
- Seite 427 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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viUci dieser Slämmc dieselben Vorzüge und Mängel, dieselben Tugenden nnd Schwächen in gleichem Grade zugeschrieben werden müssen. Sie scheinen die alte, in der Anwendung oft so schwierige Regel nicht vor Augen beballen zu haben, nach welcher man sieb ebenso buten müsse, vor Wald die Bäume, wie vor Bäumen den Wald ni cht zu sehen. Sic batten den Wald vor Auge», die Bäume baden sich ihrem Blicke entzogen! Ihre ganze Schilderung des Bauernstandes trägt daher das Gepräge der Oberflächlichkeit. Die Grenzen, welche Ihre Merkmale ziehen, sind einerseits so eng, daß innerhalb derselben kaum mehr als ein einziger BolkSstamm unseres Vaterlandes Platz finden dürste, andererseits so weit, daß nicht nur Ihre ungarischeu und Riehls deutschen, sondern auch die französischen »ud englischen, chinesischen und japanesischen, kurz alle Bauern der Welt ganz bequem darin nntergebraebl werden können, indem die bezüglichen Eigenschaften mit feinem spezielten VolkStbume, sondern mit der BernfSart deS Bauern! zusammenbängen. So ist z. B. das Festhalten an alten Sitten und Gewohnheiten, welches Sie nur den Bauern llngarn'S und Dentsehland'6 vindiziren, eine Eigenthümlichkeit der mit Ackerbau Beschäftigten überhaupt. Dieselben hängen mehr mit der äußern Natur zusammen; sie haben weniger geselligen Umgang. Schon zur Bearbeitung deS knltursäbigen BodenS muß sich die landwirthschaftlicbe Bevölkerung über eine weite Fläche zerstreuen, und ihre Beschästigungen sind meist von der Art, daß sie nicht in größerer Gemeinschaft vorgenommen werden können. Der Bauer lebt also im Allgemeinen isolirter, und sein Verkehr führt ihn nur selten über die Marken seines WohnorreS hinaus. Dieser allenthalben vorhandenen größer» Isolirung, nicht der ungarischen ober deutschen Volksthümlichkeit ist eS also zuzuschreiben, daß der Bauer vorzugöweise an Ueberlieserung und Herkommen sesthält, und daß sich seine ganze Berufsbildung nur gewohnheitsmäßig vom Vater aus den Sohn zu vererben pflegt. Eine natürliche Folge dieser Isolirung und Bildungsstufe ist auch die politische Indifferenz der landwirtbschastlichen Bevölkerung, welcher in Ihrem Vortrage nicht die adäquate Be- Zeichnung gegeben ist. Da Sie der Memung waren, daß die Beurtheilung der ungarischen Juden von linguistischem, moralischem, politischem und nationalökonischem Standpunkte mit zur Ausgäbe Ihres Vortrages gehöre, so hätten Sie nach den ן Foderungen der logischen Gerechtigkeit auch die übrigen 1 Stämme Ungarn'ö von diesen Standpunkten auS benrtbei-! len müssen. Ich bin aber überzeugt, daß Sie, hätten Sie sich dies klar gemacht, Ihren Vortrag nicht würden gehalten haben. Nun wurde aber derselbe gehalten; Sie werden es daher alö Akademiker und Freund der freier Forschling sachgemäß finden, daß die darin ausgestellten wesentlichen Behauptungen einer Kritik unterzogen werden. Sie beginnen Ihre Betrachtung mit dem Satze, daß ״die Juden in anderen Ländern ihre eigene (natürlich: die! hebräische) Sprache vergessen, und die Sprache der bezügli-! eben Heimath angenommen haben, während sie in Ungarn j mit wenigen Ausnahmen Deutsche sind, deutsch sprechen und , deutsche Bildung besitzen." Dieser Satz hat natürlich nicht : die Bestimmung, Simpathie für die Juden zu wecken. Viel- ׳ mehr will er hervorheben, daß sich die ung. Juten zu! ihrem Rachtheile von ihren GlanbenSbrüdern in anderen Ländern unterscheiden, indem diese in sprachlicher Beziehung in der Bevölkerung ihrer Heimat ausgehen, jene aber Fremdlinge in ihrer Heimat bleiben. Soll dieser Satz einen Sinn Huden, so muß er vorauösetzen, daß die Juden auS Palästina direkt nach Ungarn gekommen sind, und daß sie hier ihre hebräische Nationalsprache nicht mit der ungarischeu, sonder» mit der deutschen Sprache vertauscht, und dadurch ihre Antipathie gegen daö ungarische, so wie ihre Vorliebe für das deutsche Element au den Tag gelegt haden: eine Voranssetznng, die eben so abentheuerlich, als! ungeschichtlich ist. Die in Ungarn eingewanderteu Juden l haben nicht die hebräische Sprache, ,ändern theilS d. spagi nolischen, theilS den jüdisch-deutschen Dialekt mitgebracht. j Die auS der Türkei Eingewanderteu sprachen als Nachkom-! men der 1492 anS Spanien vertriebenen Inden spagnolisch,! d. i. eine etwas herabgekommene spanische Mundart. Die! Zahl derselben war niemals bedeutend, gegenwärtig eristiren I nur noch zwei kleine spagnolisch-jüdische Gemeinden in; Seml in und Temeöv ar. Ein emigrirler Spanischer Prinz, welcher vor mehreren Jahren letztere Stadt besuchte, ' war nicht wenig erstaunt, als er eine Mutter mit ihrer» Kinde spanisch sprechen hörte. Er ließ sich in ein Gespräch mit der Frau ein, und nahm auf die wohlwollendste Weise Abschied von ihr. Er mochte dabei gedacht haben: Armes Weib, wir haben ein gleiches Geschick; nur mußtest dn dem fanatischen, ich dem liberalen Spanien den Rücken kehren! Mit alleiniger AnSnahme der Spagnolen, welche von Osten kamen, ist die ganze jüdische Bevölkerung vom Norden und Westen eingewandert. Die Einwanderer brachten die jüdisch-deutsche Mundart in verschiedenen Schattirungen als Muttersprache mit. Diese Mundart mußte aber seit einigen Jahrzehenten in manchen Gegenden der deutschen Schriftsprache, in manchen d. ungarischen Sprache weichen, so daß sich gegenwärtig unter den ung. Juden drei Sprachgruppen unterscheiden lassen: die jüdisch-deutsche, deutsche u. ungarische Sprachgruppe. Dieses Sprachverständuiß ist das Produkt geschichtlicher, statisttscher, thatsächlicher Faktoren. Ich brauche Ihnen, da Sie die Nationalitätö-