Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 49 (19.12.1862)
- Date
- 1862-12-19
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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421 Träume und Stimmen in den Klöstern, welche im Mittelalter die Welt beherrschten, wurden dort schroff zu eigennützigen Zwecken mißbraucht.4"') Es findet sich im Talmud ein Spruch lautend: ״Es kömmt nichts Unreines vom Himmel?''׳)" In geistiger Anschauung kann dieser Spruch auf das Bath Kol selbst angewandt werden. Es stehet ein anderer Sprnch des Talmuds in geistiger Verbindung mit dem so eben an« geführten — und darf deßhalb hier angeführt werden. — ״Alles — so lautet der Spruch — habe Gott erschaff e n, die Lüg e a u ö g e n o m m e n.4ל) DaS Bath Ko l ist auch in einem gewissen Verhältnisse zum Gesetz selbst getreten (vergl. darüber weiter unten). Das Bath Kol als psychologische Erscheinung hat für sich genug Interesse. Es mag ein Wort auch über die äußere Form dieser Mittheilung hier folgen. Die folgende Bemerkung möge Vorgehen. Lakonismus ist von tiefer Reflerion erzeugt und erzeugt auch wieder Gedanken. Alle Wissenschaft hat mit kurzen Sprüchen angefangen. Sie haben allmählich immer andere hervorgerufen. Aus dem Spruch des S o l o n: ״kenne dich selbst" sind — wie Vico geistreich bemerkt — die übrigen Sprüche der 7 Weisen hervorgegangen. Laconismus zeigt die Gränzen der Gedanken, und kann als sicherer Begleiter durch das menschlicher Gedanken dienen. DaS Spiel der Dialektik erlaubt nicht immer die Wahrheit zu finden. Es ist dieses übrigens auch nicht die Aufgabe der Dialektik. Im Talmud ist die Dialektik eigentliche Hauptsache. Jedoch ist er auch sehr reich an Lakonismen aller Art. Diese werden die Dialektik bei weitem überleben. Es sei erlaubt eine solche Probe auszuheben, welche — nach unfern Begriffen — zur Fi so so sie gehört. כל מר, שיש לו תולדות מח ובלה ונבראואינו בורא יכל 4שאין לו תולדות לא מת ולא בלה ובורא ואינו נברא.ר ״Alles Erzeugte stirbt, ist verwesend, es ist g esch afsen und ist nicht Schöpfer, was nicht erzeugt ist, stirbt nicht, verwest nicht, ist Schöpfer und nicht geschaffen." Ohne eigentlichen filosofischen Anstrich enthält dieser Spruch den Grundgedanken aller Theologie,4") welcher auf allerlei Sprüche der Bibel zurückzuführen ist. Es birgt der angeführte Spruch ein gutes Stück Geschichte der Theologie und Filosofie in sich. Genauer gesprechen, er enthält das Resultat der menschlichen Gedauken über diesen Gegenstand. Der Dialektik ist die Erposttivn überlassen. Es waren die kürzesten Sprüche, welche die längste Dauer hatte» und auch haben werden. Kehren wir nun zur Tochterstimme zurück. Die Mittheiluagen der Tochterstimme waren mit Lak o n i s m u s g e st ä m p e l t. Schöne Form überhaupt war damals nicht bekannt oder nicht geschätzt. Weder poetischer Schmuck noch rhetorische Fülle ist in dieser Zeit zn finden. Die Dialektik — die Poesie des Verstandes — hat alle geistige Thätigkeit allein in Anspruch genommen. Außer der Dialektik war kein Heil. Ob der Mangel an schönen Formen die Dialektik beförderte, oder ob die Dialektik die schöne Form zurück drängte, ist nicht so leicht zu bestimmen. Alles was nicht Dialektik war, flüchtete sich in LakonismuS. Es war der einzige offen gelassene Weg zum Gemüth. Waö den Lakonismus des Bath Kol noch interessanter macht, ist der Umstand, daß die Mittheilungen desselben nicht eigenthümlich demselben zugehören, daß es keine für die bestimmte Gelegenheit neu ausgeprägte Formen enthält. Es enthält nur Geborgtes von andern bekannten Quellen. Mit einem Worte, es enthält nur Citate — nach unfein heutigen Anschauungen zu reden. Es sind dieselben theils Citate und nichts weiter, wo so zu sagen nichts zwischen dem Citat selbst und der Gelegenheit liegt, bei welcher es citirt wird. Theils sind es Citate in der Form von Anwendungen. Das Urtheil des Citirenden liegt zwischen der zitirten Stelle und der Gelegenheit, bei welcher es zitirt wird. Das Citat als solches gehört dem Gedächtnisse an. Die Anwendung dem Urtheile. Es liegt—genau geommen — in jedem Citat eine Anwendung und so auch umgekehrt. Der Zweck des Citirenden und das Vorherrschende des einen oder des andern macht den Unterschied aus. Die Tochter st im me zitirt Bibelstellen, zuweilen einen Spruch des Ben Sira, hie und da auch ein Sprichwort. Daß die Tochterstimme oft Bibelstelleu als Eitat giebt, ist natürlich. 50) Die Bibelstelle erhöhet den Werth der Tochterstimme?') Die Eitaten aus Ben Sira, sind noch interessanter?^) Hier giebt die Tochter stimme den Sprüchen desselben einen erhöheten Werth. Die Tochterstimme hat, was damals modern war, ausgesprochen. Wenn heute eine Tochterstimme den Satz ausrufen möchte: ״Grau ist alle Theorie u. grün des Lebens goldner Baum" so würde sich niemand darüber wundern. Der eben äugesühne Spruch — in Göthes Faust hat alle Welt ihn gelesen — enthält eine Wahrheit für Menschen. Eine moderne Tochterstimme, wenn sie dieses ausrufen würde, hätte eine Wahrheit bestätigt.