Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 47 (5.12.1862)
- Date
- 1862-12-05
- Page
- Seite 403 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nach unsere» Begriffen würde das Toleranz heißen, eins der jüngsten Wörter in den europäischen Wörterbüchern. Die Namen Locke und Voltaire sind unanflöslich verknüpft. ES ist dieses Wort überall willkommen, wo es sich zeigt. Es ist nur ein Wort, welches einen schöner» Klang hat — Recht! Die Toleranz d. Ball) Kol ward geübt v. Menschen in dieser Welt für Menschen in d. a n d e r n W e l t. Es war jedoch ein guter Anfang. Die Toleranz in dieser Welt pflegt nachzufolgen. Die moderne Toleranz ist das Kind der Bildung, welche außerhalb der sogenannten Rechtglänbigkeit stand. Gar viele Discussionen hätten erspart werden können, hätte diese Tochterftimme sich früher lassen. Das achtzehnte Jahrhundert hat — außerhalb der sogenannten Rechtgläubigkeit stehend — dieselbe Idee verbreitet, welche die Tochter stimme — innerhalb des Glaubens -- zu verbreiten suchte. Es ist die Tochterstimme — abgesehen daß dieselbe ein Dutzend Jahrhunderte wenigstens früher war — höher anzuschlageu. Der allgemeine theoretische Gedanke, welcher der in Rede stehenden Tochter stimme zu Grunde liegt, ist, wie früher angedeutet, kein anderer — obwohl die Worte selbst nicht erscheinen — als das bereits angeführte אין לך עסק בנסתרוח und es ist hier zur praktischen Anwendüng gebracht. Die biblischen Worte (5. M. 29, 28) 'הנסתרוחלר, וג dürfen als Grundlage der Worte des Ben Sira betrachtet werden. Diese Worte, welche in der früher angeführten Tocht e rst imm e benutzt sind, sind ein pures Ci tat. In d. so eben zu betrachtenden Tochterftimme ist die angeführte Bibelstelle allerdings auch ein Citat, aber es stehet dennoch höher als das vorige, denn die Bibel stelle ist anwendungsweise gebraucht. Mau könnte dies — wenn der Ausdruck erlaubt wäre — ein geistiges Citat nennen. Das Vorhergehende gehört allen Zeiten an. Das Nachfolgende war für eine bestimmte Zeit ausgeprägt. Für dieselbe war es eine Wahrheit, d. h. man hat dieselbe für eine solche gehalten. Ob sie eine wirkliche Wahrheit enthielt, ist unsere Aufgabe nicht hier zu untersuchen. Mit der Zeit aber, an welche dieses Bath Kol gerichtet war, ist auch dessen Inhalt verklungen. Als Jonathan den Usiel—so lautet die talmudische Sage — die Profeten übersetzte, rief eine Tochterstimme aus: Wer ist es, welcher meine Geheimnisse den Menschenkindern entdeckt? Diese Tochterstimme darf als der Inhalt der damaligen öffentliche Meinung bezeichnet werden (vergl. auch weiter unten). Als die Bibel einst griechisch übersetzt wurde, herrschte nach den talmu di schen, etwas sagenhaften Berichten Mißbehagen in den frommen jüdische Kreisen. 34) Es war dies derselbe Fall in einem andern Lager, als L uther mit seiner Uebersetznng der Bibel anftrat. Daß der Fall sich auch mit Mendelssohns Uebersetznng wiederholte, ist bekannt. Wir haben hier dieses alles zusammengestellt, um zu zeigen, daß die Ansicht der Tochterstimme zur Zeit des Jonathan den Uziel in der Geschichte nicht vereinzelt dastehet. Ohne daß man vielleicht dessen sich selbst bewußt war, scheint die Ansicht zu Grunde gelegen zu haben, d. Bibelübers, für eine Art Profantion zu halten. Ferner auch, d. d. Uebers. d. Leute v. Lesen des Originals abhalten würdet) Die Zeiten haben sich geändert. Die Uebersetznng als solche — so ist die heutige öffentliche Meinung — kann keine andere Geheimnisse entdecken, als die des Originals. Die u n e i g e n t l i ch e n Aus drücke un d e i g e n t h ü mlichen Phrasen einer Sprache müssen auch den Eingeboreuen des Landes gehörig erklärt werden, sie würden diese!- ben sonst nicht verstehen. Dies macht allenthalben einen großen Theil der Keuntniß einer Sprache aus. Als die hebräische Sprache noch eine lebende war, mußten Ausdrücke wie ״Finger Gottes" und ähnliche andere auch erklärt werden, wenn man nicht innerhalb des Monotheismus in die Verkörperlichung Gottes verfallen und so dem Götzendienste nahe gebracht werden sollte. Das Uebertragen des Un eigentlichen ins Eigentliche und umgekehrt, ist als Ursprung alles Uebersetzens überhaupt zu betrachten. Man könnte es ein geistiges Ueb er setzen nennen. Daß mau übrigens in der talmudischen Periode das Lesen der chaldäischen Uebersetznng hochgepriesen und empfohlen hat, beweist hinlänglich, daß man die richtige Ansicht über diesen Gegenstand inzwischen gefunden hatte, und daß man ihre praktische Nützlichkeit erkannte. Es finden sich übrigens im Talmud selbst sehr viele Ausdrücke nnd Phrasen, welche trotz ihrer Allbekantheit, dennoch sehr schwer zu übersetzen sind. Weil sie allgemein gebraucht sind, glaubt alle Welt dieselben zu verstehen. Man denke z. B. an das Wort3°) שפינה. Man übersetzt dieses gewöhnlich ״göttliche Glorie." Man denkt zwar nicht viel dabei. Es kann aber bei diesem Worte sich jeder nach seinen Fähigkeiten irgend eine Vorstellung machen, und in sofern ist die Uebersetznng als passend zu betrachten. Ausdrücke wie ישיבה של מעלה od. סמליא של מעלה sind ebenfalls nicht leicht zu übersetzen. Das Gehetmniß ziehet durch die Welt, vielgestaltig und vielgedeutet.