Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1862-11-21 · 45 (21.11.1862) · p. Seite 383

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
45 (21.11.1862)
Date
1862-11-21
Page
Seite 383 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2542917-2542971-2543017--2848-2546671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

383 cher sich die öffentliche Stimme kund giebt: (vergl. übrigens .weiter unten). Die zweite Hälfte dieses Ausspruchs klingt modernen Lesern sehr seltsam. Nicht so aber dem filosofischen Betrachter. In den soeben gegebenen Worten ist eine geistreiche Veranschaulichung dessen, was wir die Macht der Verhältnisse nennen. Man hat daö Wort Fatum gemieden, der erstgenannte Ausdruck stellte sich dafür ein, und ist ebenso leer und eben so vielen Wiedersprüchen unterworfen, als das gemiedene alte lateinische Wort. Es hat lange gedauert, bis der Begriff von Fatum sich feststellte. Sehr viele scharfe Beobachter haben lange ihre Erfahrungen aufgehaust, bis sich alle diese Erfahrungen in dem einzelnen Worte konzentrirten. Eö hat eben so lange gedauert, bis man die Unrichtigkeit dieses Begriffs erkannte, d. h. bis man die Elemente erkannte, woraus derselbe zusammengesetzt ist.t0) Manche Menschen sind auffallend unglücklich in ihren Unternehmungen. Ungünstige Zufälle zeigen sich allenthalben, denselbenden Weg versperrend. Ein arabisches Sprichwort sagt: 20) ״Wenn ich mit Tobten Neidern handeln würde, würde keiner sterben." Es ist dieses gewiß sehr anschaulich. Die Macht der Verhältnisse ist eine der dunkein Mächte, welche allgewaltig über den einzelnen Menscheu sowohl, als über Völker und Zeiten ihr Scepter schwingen. Bacon hat in einem seiner lehrreichen Essays — der Blüthe seines Geistes — ein höchst interessantes Kapitel über Glück und manches damit Zusammenhängende. Nicht, daß derselbe das Dunkle der Sache erklären konnte, dieses liegt außerhalb der menschlichen Erkenntniß. Er hat geistreiche Anregungen für den Betrachter gegeben. Dieses Kapitel ist — wie so viele andere wie chemische Analysen, — man konnte die Sachen zerlegen aber nicht zusammen setzen. Alles Einzelne, was Glück ausmacht, ist klar dargelegt, dasjenige Etwas aber — eö ist namenloS, — welches diesen Sachen ihre eigentliche Gestalt giebt, ist unsichtbar, nicht oft zu finden, wenn eö gebraucht wird. Man heißt dieses Unbestimmte die Macht der Verhältniffe. Im gewöhnlichen Leben braucht man die Phrase ״es hat sich nicht gemacht." Dieses ״es" hat manchen zu Boden gedrückt. Es hätte ״sich gemacht;" aber das unglückliche ״es" ist immer, wie eine Mauer, im Wege gestanden. Niemand hat es gerufen, niemand weiß wo es herkömmt. Menander sagte, daß er, wenn die Möglichkeit ihm angeboten wäre, abermals in diese Welt zurückzukehren, keinen Gebrauch von diesem Anerbieten machen würdet') Er dachte wohl, eö könnten dieselben Verhältniffe sich abermals zusammenfinden und das zweite Leben — wo möglich — auch zu Grunde richten. Die Tochterstimme hatte dem Rabbi dieselbe Andeutung gegeben. Euripides hat den schönen Gedanken22) — ״aber nur eingreifender Ernst verschafft der GotteShülfe erst die rechte Kraft?»)" Die dunkle Macht der Verhältnisse raubt dem menschlichen Herzen zuweilen den Glauben an die Wahrheit dieses Ausspruchs. (Fortsetzung folgt.) Anmerkungen. 7) Der selige R. Hirsch ChajeS hat — unserer Erinnerung nach — in einem der frühcrn Jahrgänge der Orients einige Zusammenstellungen über diesen Gegenstand gemacht. Wir haben in diesem Augenblicke nicht die Muße dieselben zu betrachten. Bergl. auch unsere Notiz oben S. 71. ') Vergl. das Glossarium unserer Blumenlese Act. בת קול 9) Dort werden die Worte gebraucht מאחורי הסרגור das ist wörtlich ״von hinter dem Vorhänge." Es ist dort nicht das Wort Bath Kol gebraucht. Es hat dieses aus die Sache selbst keinen weitern Einfluß. Vorläufig mag hier noch der Ausdruck (Baba Meziah Absch. 4) 'Dl ״ אין הפרגוד ננעלder Vorhang wird nicht geschloffen rc. angeführt werden. Ueber den Vorhang (welcher auch וילון heißt) wollen wir zur Zeit manches zusammenstellen. '°) Makbeth Akt. II. Szene 2. ") Vergl. unsere rabbinische Spruchkunde (S. 33) so wie auch d. Bl. (v. Z. S. 408). '2) Ibn Esra (in seinem Commentar zn Koheleth 3, 4) erwähnt diese Stelle. Das dort Gesagte ist eine Art dialektische Spielerei, ohne übrigens auf diesen Gedanken einen Einfluß auszuüben. Das dort gebrauchte Wort אנשי שקול הדעת könnte ohngefähr mit ״stricte Logiker" zu übersetzen sein. '3) Aboth Abschnitt 6. Die Stimme — so ist dort angegeben — erschallt v. Berge Horeb. ") Plutarch, v. Hören §. 6. ,5) Vergl. unsere rabb. Sprachkunde. S. 5. Nro 16. '®) Bost an von Sadi ^deutsche Uebersetzung von Gross II. S. 158). ")Im Buche Sohar ist zuweilen d. Ausdruck: Gewisse Dinge ״ מעוררין הדין למעלהsie erwecken das Gericht von oben" d. h. das himmlische Urtheil. Diese Phrase stehet dem angeführten arabischen Spruch am nächsten. ׳b) Die Worte lauten כל העולם כלו נדון בשביל חנינא בני וגן׳• Diese Worte enthalten auch den Gedanken, daß die Welt nur der Formmen halber erschaffen wurde, und durch ihr Verdienst erhalten wird. '") Auluö GelliuS (attische Nächte XIII., 1) hat sehr intereffante Gedanken darüber mitgetheilt. Cicero's Buch vom Fatum ist hier wie natürlich zunächst zu nennen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.