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Ben Chananja · 1862-11-21 · 45 (21.11.1862) · p. Seite 382

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
45 (21.11.1862)
Date
1862-11-21
Page
Seite 382 (sequence 2)
Language
German
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382 Die Tochterstimme (בת קול) war meistens an einzelne Personen gerichtet; sie machte ihnen Mittheilungen theilS über ihre eigene Person, oder über andere Personen. Zuweilen aber war die Stimme an keine einzelne Person gerichtet, sondern an die ganze Welt und enthielt eine allgemeine Bemerkung. Diese Stimmen sind als die innersten Bestandtheile der Kulturgeschichte zu betrachten. Ach er (ארור) — einer der merkwürdigsten Charaktere der talmndisten Periode — erzählt selbst, (Chagiga) daß er eine Stimme°) hörte, welche anSrief: שובו בנים ״ שובבים חוץ מאחרKehrt zurück ihr reuigen Kinder, Ach er ausgenommen." War diese Stimme etwa nur eine Selbsttäuschung? Vielleicht. Macbeth, —welcher eine blutige Krone sich aufs Haupt setzte — hatte nachher schlaflose Nachte. ״Mir däucht—sagt er — eine Stimme sprach: Macbeth schlafe nicht mehr'")" War diese Stimme etwa eine Selbsttäuschung? Vielleicht! Der Unterschied zwischen dem mit Blut befleckten schottischen König und dem kontemplativen palästinensischen Rabbi ist so groß, daß jedes Wort darüber mehr als überflüßig wäre. Sollte nichts Gemeinschaftliches sein, worin sich die so Verschiedenen begegnen? Selbstkenntniß ist daö Wort dafür. Selbstkenntniß, eine seltene Pflanze, welche noch seltenere Früchte tragt — ist eine Abstraktion, in welcher sich der Mcusch sein eignes Ich wie ein anderes Individuum betrachtet. In Bezug auf die Worte welche Ach er hörte mag hier noch bemerkt werden, daß die Worte שובו בנים שובבים (kehrt zurück ihr reuigen Kinder) biblisch, die Worte חוץ מאחר (A cher ausgenommen) künstlich angefugt sind. Diese Stelle kann überhaupt Veranlassung zu vielen Gedanken geben. Eine Tochterstimme ruft täglich: Besser, daß der Mensch nicht geboren sei.") ES ist diese Stimme an keinen Einzelnen gerichtet. Sie ist an die Menschheit selbst in der Form einer Bemerkung gerichtet. Es kann diese Stimme ein jeder hören, wenn er will. ES ist — sollte uns der Ausdruck erlaubt sein — di e Selbstkenntniß der ganzen Menschheit. Es ist so Zusagen, ein bescheidener Protest der Menschheit gegen ihre eigene Cristen;.'^) ES ist augenscheinlich, baß diese Tochterstimme auf der Erde verfertigt und dann als vom Himmel kommend ausgegeben wurde. Wie gewisse Korrespondenzen in Zeitungen von der Redaktion gemacht werden, und als von der Ferne kommend auSgegeben sind. Eine Stimme soll täglich erschallen ausrufend:Wehe den Menschen wegen der Geringschätzung der Lehre 13)! Die Worte selbst bedürfen keiner Erklärung. Auch diese Stimme ist an keinen Einzelnen, sondern an alle Welt gerichtet, und giebt indirekt einen Beitrag zur Selbstkenntniß der Menschheit. Die Worte haben wie natürlich, eine speziell jüdische Färbung, sie enthalten aber einen allgemeinen Gedanken. In allgemeinster Form ausgedrückt heißt dieses bloß, daß ein Meusch ohne geistige Bestrebungen auf einer sehr niedern Stufe stehet. Ein Gedanke, welcher in sich nie bestritten wurde. Man war nur über das, waö unter den Begriff von geistigen Bestrebungen gehört, nicht einig. Plato räth an, daß man, wenn man die Fehler anderer hört, sich selbst fragen soll: ״bin ich auch ein Solcher? ")" Diese Frage kann sich der Einzelne auch in Bezug auf diese Tochterstimme vorlegen. Die Tochterstimme rief: ״Wecke daö Schlafende nicht. '")!" Wenn diese Worte im eigentlichen Sinne genommen werden, so enthalten sie gar nichts anderes, als eine bloße Klngheitöreg el. Schillers Worte: ״Gefährlich ist's den Leu zu wecken" könnten hiezu als sehr geeignete Parallele dienen. Es birgt dieser Satz auch etwas Mystisches in sich. Ein Spruch der mo h amedanischen Ueberlicferung lautet: Das Urtheil schläft, wehe dem, der eS aufweckt."'") Der in Rede stehende talmudische Spruch kann auch den so eben angeführten arabischen in sich enthalten. Daö Mystische, welches daö Gemüth mit Schauer erfüllt, giebt ihm seinen eigenthümlichen Werth.") In Bezug auf einzelne Menschen hat die Tochterstimme manches auögerufen, was Anlaß zu mannigfachen Betrachtungen geben kann. Eine Tochterstimme rief: ‘8) ״Die ganzeWelt ist nur für meinen Sohn Chanina erschaffen u. er begnügt sich mit einem Löffel Kraut von einem Freitag zum andern. Soll ich die Welt ins Nichts zurückstürzen? vielleicht aber, daß d. Glück ihm auch dann nicht günstig sein würde. Die erste Hälfte des Ausspruchs ist gewiß das ehrenvollste Denkmal für einen Menschen. Es finden sich im Talmud manche Aussprüche dieser Art, welche alle Interesse gewähren durch den orientalischen Geist von welchem dieselben durchdrungen sind. In gewisser Beziehung darf man denselben als Beitrag halten zur Kenntniß der mannigfachen Form, in wel-

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