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Ben Chananja · 1862-10-23 · 41 (23.10.1862) · p. Seite 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
41 (23.10.1862)
Date
1862-10-23
Page
Seite 346 (sequence 2)
Language
German
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Mt> der Kinder, eine andere Sprache zn sprechen, als Vater und Mutter spricht, eine Anleitung, den väterlichen Sitten und Gewohnheiten den Rücken zu kehren, und ihre Besorg« niß ist doch wahrlich nicht ganz ungegründet! Die Kinder, welche in einer guten Volksschule unterrichtet wurden, werden wol schwerlich den dcS Lesens und Schreibens unkundigen ״Rebben" oder Rabbiner mit der Pietät betrachten, mit welcher Vater und Mutter denselben verehren! Den Behörden gegenüber wurde dies im Zahre 1850, als die Gründung von Volksschulen zur Sprache gebracht warde, allerdings nicht geltend gemacht. Aber der damalige Ungvärer Rabbiner, Maier Eisenstädter, gibt sich in dem mir vorliegenden Gutachten alle mögliche Mühe von der Gründung solcher Schulen abznrathen, und schlägt für den Fall, daß die Gründung dennoch beschlossen werden sollte, vor, den Bibel- und Religionsunterricht nächt in den Lehrplan aufzunehmen, um wenigstens diese Gegenstände für daS Cheder zu reserviren; auch gibt er christlichen Lehrern den Vorzug, indem er gegen die Neligiösität jüd. Lehrer Mißtrauen hegt. Es ist hier nicht der Ort, auf den übrigen Inhalt des Ungvärer Gutachtens einzngehen; das Angeführte reicht hin, die auch sonst bekannte Antipathie der nordungarischen Orthodorie gegen ein geregeltes Schulwesen zu konstatiren. DaS sind also die Früchte der Autonomie in den הרי חשך! Gleichgiltig kann dieser Znstand keinem gebildeten ung° Juden sein. Wenn z. B. in den Komitaten Abauj und Säros, wo mehr als 20,000 Inden wohnen, der größere Theil des Heranwachsenden Geschlechtes keinen Unterricht in den Volksschulgegenständen genießt; so muß sich jeder einsichtsvolle Jude dringend aufgefordert fühlen, dieser traurigen Verwahrlosung nach Kräften entgegenzuwirken. Auf welche Weise könnte dies nun am wirksamsten geschehen? Manche werden an die Verwendung eines Theiles der Schulfondzinsen denken. Wir schließen unS der Pester Petition an, nach welcher über die Verwendung der fraglichen Zinsen zuvörderst die ung. jüd. Repräsentanz vernommen werden sollte. Anderen wird vielleicht behördlicher Schulzwang empfehlenswerth scheinen. Allein abgesehen von der Gehässigkeit einer solchen Maßregel, würde der Zwang, wenn er auch zur Anwendung käme, nicht zum Ziele führen, da ein Theil der betreffenden Gemeinden wirklich so arm und mittellos ist, daß die Erhaltung einer Schule aus Gemeindemitteln kaum bewerkstelligt werden könnte. Nach unserer Ueberzeugung wäre nur ein jüdischer Lutlnrverein im Stande, im nördlichen Ungarn einer zeitgemäßern Erziehung Bahn zu brechen. Die Gründung eines solchen Vereins müßte natürlich von Pest ausgehen, und der Verein mit beträchtlichen materiellen Mitteln ausgerüstet werden. Die Wirksamkeit d. Vereins wäre zweckgemäß mit d. Unterstützung derjenigen Gemeinden zu beginnen, wo bereits eine Parthei vorhanden ist, welche die Einführung eines gercgelten Schulunterrichtes wünscht. Dieser Parthei sollte hinlängliche Unterstützung werden, damit auch dort eine Schule in's Leben gerufen werde, wo die Majorität der Gemeinde schulfeindlich gesinnt ist. Diese Andeutungen mögen hier genügen, da wir weit entfernt sind, den Gründern des Vereins vorzngreifen. Wir wünschen nur, daß der Vorschlag in Pest in Erwägung gezogen werde, wo die zu dessen Ausführung erforderlichen geistigen und materiellen Mittel in reichem Maße vorhanden sind. Es handelt sich hier nicht um eine Konzession, welche den Gegnern der Emanzipation gemacht werden soll, da die EmanzipationS-Frage in diesem Augenblicke, wo die lc־ gislativen Körperschaften nicht versammelt sind, nicht einmal an der Tagesordnung ist. Ich bin übrigens trotz meincr zwanzigjährigen Thätigkeit für die Emanzipation auch gar nicht so diffizil! Wenn ausdrücklich bestimmt würde, daß die Emanzipation nur unter der Voraussetzung auSgesprechen wird, daß auch die Kinder der Säroser Juden lesen und schreiben lernen müssen; würde ich mich keinen Augenblick besinnen, auf den Preis einzngehen. Allein in diesem Augenblicke ist, wie bereits erwähnt, davon nicht die Rede. Andererseits handelt es sich aber auch nicht um eine ausschließliche Frage der Humanität und glaubenöbrüderlichcn Theilnahme, sondern um eine Frage der Solid arität, da d. fortgeschrittenen Israeliten in Ungarn in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse unendlich viel daran liegen muß, d. zurückgebliebenen Brüder auf eine höhere Stufe der Bildung und Gesittung zu heben, und deren materielle und sozielle Lage zn verbessern. Großherzige Juden in Paris bringen Opfer, um die Kultur der türkischen Juden zu fördern. Eine edle jüdische Frau in Wien machte eine großartige Stiftung, um der Kultur bei den Juden in Jerusalem Eingang zu verschaffen. Sollten gebildete ungarische Juden nicht für ihre Brüder in der eignen Heimat begeistert werden können? Etwas Leichtes ist die vorgeschlagene Gründung eines Kulturvereins nicht. Zur Erreichung großer Zwecke werden große Opfer erfordert. Ist es aber nicht natürlich, daß jeder gebildete Jude das ihm zugemulhete Opfer bereitwillig bringe? Wen haben die armen, durch äußern Druck und innere Vernachlässigung herabgekommenen Gemeinden, wo es der Herstellung und Besestigung ihrer Würde und Wohlfart gilt, als ihre gebildetereu Schwestergemeinden? Wer sott helfen, wenn diese nicht helfen wollen? Tausende jüdischer Kinder wachsen heran, ohne schreiben, lesen und — sprechen zu lernen; und dabei könnten gebildete Inden gleichgiltig bleiben? (Forts, folgt.)

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