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Ben Chananja · 1862-09-05 · 36 (5.9.1862) · p. Seite 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
36 (5.9.1862)
Date
1862-09-05
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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306 Wirrung mehr zn befürchten. Der fortschreitende Prozeß de» Geistes ist, wie jener des sozialen Lebens, kein Scheidungsprozeß mehr, sondern ein Streben nach Einheit und Universalität, nicht nach einer verstachenden, sondern nach einer lebendigen, organischen, welche das Individuelle und Nationale, als das eigentlich Schöpferische, in fich birgt und heilig hält. Lorresponden). Ausland. Berlin, 24. August. Unsere Gemeinde hat einen herben Vertust erlitten; ein theureö Gemeindeglied ist ihr entrissen worden. Am 22. August starb der Herr Commerzienrath C. Heu mann. Er war Vater der Armen, Freund jedes Hnlfesuchenden. Bereits wurde ihm der Nachruf in mehreren hies. Blättern zu Theil, wodurch ihm ein ehrcnwerthcs Denkmal für seine Leistungen gesetzt wurde. Bei dem Begräbnisse hatte sich eine überaus zahlreiche Versammlung aus den verschiedenen Ständen cingefundcn, um dem Verstorbenen den wohlvcrdienten Tribut der letzten Ehre darzubriugcn. Der Prediger, Hr. Dr Sachs, richtete Worte des Trostes an die Leidtragenden und gab in einfachen Zügen ein Bild von dem geistigen Wesen und dem Charakter des Verschiedenen. Er erzählte, wie Vaterlandsliebe ihn als Jüngling schon in die Reihe der Frelheirskämpser führte, der Drang nach gcistigcr Belehrung und Veredlung lies! ihn den Lcbcnsbernf wählen, in welchem er diesem edlen Triebe am meisten genügen zu können glaubte. Die Worte des Redners drangen zu Herzen; lebhaft waren die ehrenden Erinnerungen. die sie hcrvorriefcn. Aus der Hinterlassenschaft des jüngst verstorbenen Professors Bernstein in Breslau, der ans dem Gebiete der syrischen Sprache Vieles geleistet, wurden für die hies. königl. Bibliothek die kostbarsten hinterlassenen Werke angekanft. Die syrischen Werke und Handschriften find sehr weLthvoll, da der H. Prof, mehrere Jahre hindurch zur Bearbeitung eines syrischen Lericons mit großem Fleiße Materialien gesammelt. Von den syrischen Lcricon erschien nur l Heft bis z. Buchst. Gomal. — Die Entschiedenheit, mit welcher Dr. Ko sch auö Königsberg um 1. Juli d. I. im Abgeordnetenhanse für die jüdischen Assessoren in die Schranken trat, verdient nachträglich auch in d. Bl. registrirt zu werden.— Dr. Introsinski wurde in Posen zum Lehrer a. d, Realschule gewählt, dessen Anstellung konnte aber nicht erfolgen, weil sich die Regierung derselben widersetzte. Der Stifter dieser Schule sprach im hies. Abgcordnetcnhanse seinen Schmerz darüber aus, daß eine von ihm ini Geiste der Toleranz gemachte Stiftung auf eine so inhumane Weise verwaltet werde. An der hies. Universität ist Dr. Jaffä zum außerordentlichen Professor der Geschichte und zweiten Bibliothekar ernannt. Dr. Jaffö hat sich durch seine Regesten der Geschichte der Päbste berühmt gemacht. Im nächsten Semester wird er seine Vorlesungcn über römische Jnstitiltionen beginnen. Es ist gewiß erfreulich, einen Juden als GeschichtSprofcssor an einer Universität zu sehen, an welcher Droysen, v. Raumer, Ranke und Mommsen Geschichte lehren. Der berühmte Sprachforscher Dr. Steinthal, Doeent an der hies. Universität, ist ebenfalls Jude. G. ק. Paris, im Aug. Den Schülern und Schülerinnen der Kommunal- und Konsistorialschulc werden alljährlich Prämien, und zwar Spar fassen-Büch lein, ertheilt. Die Mittel hierzu fließen theils auö der Städtischen Kassa, theils aus Stiftungen. theils aus Geschenken Einzelner und ganzer Vereine. Die Verthcilnng geschieht auf sehr solenne Weise. Der Vertheilung, welche ich vor. Mon. beiwohnte, präsidirten d. H. H. Dronin. Maire d. 4. Arrondissement und Alb. Coh», unser berühmter Landsmann. Jener hatte bei den Kommunal-, dieser bei de» Konfistorialschnlen den Vorsitz. Die Einrichtnng verdient wol auch in unserer Heimat nachgeahmt zu werden. Da es in Ungarn allenthalben Sparkassen gibt, so wäre die Nachahmung mit keiner besondcrn Schwierigkeit verbunden. Franck, dessen neuestes Werk erst vor Kurzem in d. Bl. besprochen wurde, ist zum Offizier der Ehrenlegion, folgende H. H. zum Rittern derselben ernannt worden: Michel Levy, ehem. EökadronSches bei der Mannc-Artillerie; M. Waille, Prof. d. Mathem. in Nancy: Levplicr, Finanzbeamter; Beer, Telegrafcndirektor; Borns. Ingenieur. Berlin, im September. Von Herrn Dr. Pinncr erscheint nächstens ein Werk, betitelt: ״Jcmin Moscheh," dessen Jnhalt folgender ist: 1) Ausführliches Verzcichniß von 400 gedruckten Werken italiänischer und orientalischer Drucke ans dem lö-tc» bis 18-len Jahrhundert. 2) Verzcichniß von vielfachen nngevrncktcn Schriften: Gebctbuch des R. Saadia Gaon, Verschiedenes von R. Hirschcl, Ober- Landrabbincn zu Berlin, von Moses Mendelssohn, Hartwig Wessely, Prof. Tychscn 3c. 3) Mehr als 1000 Grabschriften der berühmtesten jüdischen Männer auö Europa und dem Oriente, über 50 Grabschristen, aus Jerusalem; es sind sehr alte Gcabschriften darunter, beispielsweise von 1040 ת״ח aus dem Kölner Museum. Wenn Sie, geehrter H. Redakteur gestalten, werde ich sobald das Werk erschienen, einen ausführlichen Bericht darüber geben.*) In dem jüngst erschienenen Kalender von Dr. Poppelaucr veröffentlicht Dr. Zunz einen interessanten Aussatz über die Sterbetage der jüdische» Gelehrten, von dem ein Theil schon in früheren Jahren׳ erschien. Jiircressant ist das Zusammentreffen des Sterbetages zweier berühmten Männer. Am K. Mai 1859 starb Aleranbcr v. Humboldt, an demselben Tage 1787 starb Moses Ehajim Luzzatto, der Wiederhesteller des Geschmackes in der Poesie. G. Inland. 0 Munkucs’, Mitte Aug. Von der hies. jüd. Gemeinde hat wol noch schwerlich ein jüd. Journal Kunde gebracht, wiewol die Gem. über 4000 Seelen zählt. Das Merkwürdigste, daü von hier zu berichten ist, bildet die sefardische Liturgie, die in allen drei Sinagogen eliiheimisch ist; merkwürdiger Weise wird glcichwol an den Festen das deutsche Machazor gebraucht. Dies soll, wie mir gesagt wird, in allen chaßidäischen Gemeinden geschehen. Vor Kurzem scheiterte die Ausnähme eines Rabbiners, da derselbe die Einführung des deutschen Rituö in der Synagoge verlangte, worin die Gemeinde durchaus nicht willigen wollte. Der letzte Rabbiner, Fischt Horowitz, war ein Pole. Er wußte unter d. vor. Regierung die Errichtung einer Ingendschule zu verhindern. Wenn es möglich wäre, sagte er, christliche Lehrer für die weltlichen Wissenschaften anznstellen, so hätte ich gegen die Schule mchts einzuwenden. Da aber jüd. Schullehrer die Jugend unterrichten sollen, muß ich mich mit aller Kraft dem neuen UnterrichtSsysteme widersetzen, da es feststeht, daß jüd. Lehrer die Jugend gänzlich verderbe» würden. In der Thal hat die hies. Gem. bis aus den heutigen Tag keine Schule, wogegen sie reichlich mit Ehadarim gesegnet ist. Fünfjährige Kinder, welche wöchentlich ein Blatt Gemara lernen, sind allerdings keine alltägliche Erscheinung, aber 7- bis 8jährige, die dies leisten, gibt eö wirklich sehr viele. Der Unterricht im Lesen u. Schreiben wird den Kindern armer Aeltcrn gar nicht ertheilt; in wohlhabenden Kreisen wird dieser Unterricht dem reifer» Alter vorbehalten. Einige modernisirte Familien halten zeitgemäß gebildete *) Wird mir sehr willkommen sein. Red.

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