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Ben Chananja · 1862-09-05 · 36 (5.9.1862) · p. Seite 305

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
36 (5.9.1862)
Date
1862-09-05
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
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305 3er Vers, non ״Rom nnft Aernsnsem" an die Redaktion Des ״Ren Lhananja." (Schluß.) Vielleicht werden wir uns gegenseitig besser verstehen und dulden, wenn wir uns die Verschiedenheit unserer Gesichtspunkte nicht verhehlen. — Ihnen ist der Geist des Judcnthums, sein schöpferischer Genius, sein Gott und Gesetzgeber, ein jenseitiger. Hiermit will ich nicht sagen, daß Ihr philosophischer Standpunkt, den ich nicht kenne, und den Sie ja selbst von Ihrem theologischen unterscheiden, ein supernaturalistischer — ich meine nur, daß für Sie, wie für die ganze nichtjüdische Menschheit, das schöpferische Wesen des Judcnthnms, welches meiner Ansicht nach vom jüdischen Patriotismus unzertrennlich ist, ein jenseitiges geworden sei, weil Sie heilte kein jüdischer Patriot mehr, sondern ein ungarischer geworden sind. Das Judenthum hat für Sie nur noch die historische Bedeutung einer durch dasselbe den weltge« schichtlichen Völkern gewordenen, von diesen passiv empfangenen ״Osfenbarung," also die Bedeutung eines Bekenntnisses, nicht die einer stets aktiven Selbstoffcnbarnng. — Für mich dagegen ist der Geist des Judenthumö der Geist der Inden; der jüdische Gott ist der Gott unserer Väter, unser unvcränßerlicheS Erbtheil. an dem wir nicht bloS zehren, das wir zn weiteren Schöpfungen verwenden wollen. Sie wollen mich nicht zn jener modernen Religion, noch zum PatriotismnS des udi b6n6 ibi patria bekehren. Sie haben in meiner Schrift finden können, daß und warum ich jene moderne Neformrcligion für den Widerschein eines sozialen Auflösungsprozesses halte, daß und warnm ich von der Wiedergeburt der Völker auch die Wiedergeburt einer lebendigen Religion erwarte, die jedes Volk zu einem Volke Gottes gemacht. — Auch die Ungarn mögen, ich wünsche cs ihnen von Herzen, ihre Wiedergeburt erringen, und ich halte es für ebenso verdienstlich, aus den jüdischen, katholischen und protestantischen Ungarn nngarische Ungarn, als aus den ungarischen, polnische», deutschen und andcrn Juden jüdische Juden zu machen. Nur.die Halbheit der modernen Fortschrittler ist mir zuwider, welche ohne alle Autorität reformiren, und mit den Trümmern eines längst zerstörten Gebäudes den neuen Gesellschaftsbau aufrichten wollen. Bei den Juden, wie bei allen nach Regeneration strebenden Völkern, handelt es sich um kein Reformflickwerk. sondern um eine Neugestaltung des ganzen sozialen Lebens. — Worin aber, fragen Sie, wird diese Neugestaltitng bestehen? ״Von welchen Prinzipien wird sie geleitet werden? Welche Verfassung wird ihr als Ideal vorschweben? darauf weiß der Hr. Vers, natürlich nicht zu antworten." Sollte cs wirklich Ihrem Scharfsinn entgangen sein, daß mein ganzes Buch eine Beantwortung dieser Frage ist? —Aus welchem ander» Grnnde habe ich mich an das jüdische Volk gewendet, als weil ich die Ueberzeugnng gewonnen habe, die ich auch überall j» begründen suchte, daß gerade dieses Volk berufen ist, die zukünftigen Jnstitutionen, den ״GcschichtSsabbathden es zuerst verkündet hat, auch zuerst zu verwirklichen? Religion. Philosophie und Politik lassen mich kalt, wenn sie die Lage der arbeitenden Klassen nicht durch Jnstimtionen verbessern helfen, welche jedem Kastengeiste. jeder .Klassenherrschaft ein Ende machen. Das Judenthum kennt aber keinen Kastengeist nnd keine Klassen- Herrschaft. Der Geist des JudentbnmS ist ein sozialdemokratischer von Haus aus. Der Geist des Judenthums, ich wiederhole es, ist der Geist der Juden. Die Wurzel seiner vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schöpfungen liegt nicht im Himmel, sondern im Geiste und Herzen unseres Volkes. Solange dieses Volke einen gemeinsamen Boden hatte. auf dem es seinen Geist frei eutwickeln konnte. verwirklichte es ihn in Institutionen und einer Literatur, welche für die Gesammtmcnschheit die Bürgschaft ihrer Vollendung enthält. Seit dem Untergange des jüdischen Staates konnte es nur das Geschaffene durch Observanzen heilig halten, welche einen rein konservativen Charakter haben. Es liegt kein Widerspruch darin, wenn ich den Geist der alten jüdischen Institutionen als Basis der zukünftigen betrachte, ihn darum durch Observanzen konservirt wissen will, welche sich nur an die alten Institutionen anschlicßen können. nnd dennoch glanbe, daß gerade dieser Geist, wenn er sich wieder auf dem Boden der Väter frei entwickeln kann, die Macht haben wirb, neue Gesetze nach dem Bcdürfnisse der Zeit und des Volkes zu schaffen. Die konservativen Observan׳- zen des Judcnthnms haben nur für uns Inden eine Bedeutung, nämlich die, unsere Nationalität für zukünftige Schöpfungen zu konserviren. Diese dagegen werden, wie die alten, als freie GeistcSproduktioneu wieder einen direkten Einfluß auf die gcsammte Menschheit haben, und ich glaube, wir dürfen uns für die zukünftigen Schöpfungen unseres Volkes mindestens in gleichen Maaße interessiren, wie jedes andre nach Wiedergeburt ringende Volk für die seinigen. Ihre theoretischen Einwürfe, die doch meine ganze Weltanschaunng, mit welcher mein jüdischer Patriotismus steht und fällt, uns berührt ließen, wären somit beseitigt; ich hätte nur noch den einzigen praktischen Einwand zu beleuchten . den Sie gegen die Möglichkeit einer nationalen Wiedergeburt unseres Volkes erheben. Allein ich fürchte, Sie und Ihre Leser durch längere Erörterungen zu ermüden. Ich werde mich daher kurz fassen. Es handelt sich nm die Sprache einer jüdischen Nation. Sie geben zn, daß die hebräische Spracht in unserer Zeit wieder kultivirt wird, wenn Sie auch das Aufblühen der neuhebräischen Literatur von der MendelSsohn'schen Schnle her datiren. Daß im westlichen Europa, von dem ich überhaupt, wie Sie wissen, kein Kontingent für den neuen Staat erwarte, Neu-Orthodoren sich der deutschen und französischen Sprache bedienen, ändert nichts an der Thalsache, daß man sich im östlichen Europa zur Verständigung mit den dort so zahlreich lebenden Juden bebräisch geschriebener Zeitungen und Zeitschriften bedient. Aber, wenden Sic ein, im Leben sprechen die jüdischen Volksmassen drei verschiedene Idiome, jüdischdeutsch, spagnolisch und arabisch. ״Und diese Elemente," rufen Sie ans, ״sollten sich zu einer Nationalsprache vereinigen können? Der Herr Berf. wird hierauf schwerlich anders, als mit einem entschiedeneu ״Nein" antwortcrten; damit hat er aber das, was er die nationale Wiedergeburt Israels nennt, für ein eitles Fantasiebild erklärt!" Und Sie, wenn man Sie fragte, ob in Ungarn, wo mehr als drei grundverschiedene Sprachelemente herrschen, diese Elemente sich zu einer Nationalsprache vereinigen können, würden Sie auch hierauf mit einem entschiedenen ״Nein" antworten, und damit allen ungarischen Patriotismus für ein eitles Fantasicbild erklären? Beruhigen Sie sich; die Sprachverschicdenheit hat noch keine — außer beim babylonischen Thurmbau — Gesellschaft verhindert, sich zu organisiren, weder sonst, noch jetzt, weder in de» romanischen, noch in den arabischen nnd germanischen Ländern, weder in Frankreich, noch in England, weder in Belgien, noch in der Schweiz; sie wird auch in Ungarn nnd in Judäa kein Hinderniß sein. — Jede neue Gesellschaft verschmilzt entweder die vorhandenen Sprachen, wie dies im Mittelalter der Fall war, zu einer neuen; oder sie kultivirt neben den verschiedenen Volkssprachen eine gemeinsame, offizielle, literarische Sprache, wie es gegenwärtig zu geschehen pflegt; oder endlich es bildet sich neben der Landessprache eine Weltsprache, wie sie uns bei dem täglich lebhafter werdenden Weltverkehr wahrscheinlich die Zukunft bringen wird. Wir haben jedenfalls keine babylonische Sprachenver-

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