Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 35 (29.8.1862)
- Date
- 1862-08-29
- Page
- Seite 299 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Wenn es sich bloß um vas Geld handeln wird. welches für den Bau ccssclben nothwendig ist, so wird wohl das Geld zusanimenkommen. Aber es wird dieses kein Tempel sein, der eine Idee verwirklicht, welche die Juden erwarteten, es wird dieses nur ein Gebäude sein, wie andere auch, olme den geringsten Werth, den etwaigen archilektorischen anSg enominen. Die Inden des Mittelalters glaubten, daß der Messias seine göttliche Vollmacht nnwidcrsprechlich;eigen werde, und dies ist sehr vernünftig. Es ist die Geduld der Inden gewiß sehr merkwürdig; die inhuinane Beharrlichkeit d. Ehristcn ist cs nicht minder. Die Vertreibung d. Juden und Mauren aus Spanien im Jahre 14!)2 hat diesen inhumanen Bestrebungen die Krone ansgesetzt. Diese Inhumanität, aus vermeintlicher Religion entsprungen — hat sich bis in die neueste Zeit bitter an dem Lande gerächt. Noch zu Anfang des 18-ten Jahrhunderts hat der gelehrte Jemit Baltascr Grazian, Ferdinand den Katholischen als Muster eines Politikers ausgestellt. ') In seiner rhetorischen Weise sagt er: ״er (Ferdinand) habe Spanien religiös gemacht, indem er es von Ketzerei und G ö tz c ndi e nste r c i n i g t c." 2) Hoffcntlieh haben die heutigen Spanier andere Gedanken über diesen Gegcnstand. . Allenthalben liegen einzelne Thatsachen zerstreut, welche aber erü eigentlich nützlich werden, wenn sie ein Sammler in die Hand nimmt, und dieselben historisch oder filosofisch an den geeigneten Platz stellt, damit der Leser den Umfang ihrer Bedcutung kennen lerne. Die einzelnen Anekdoten, Sprüche und AchnlicheS, die Memoircn u. die Anal?)3)— woran d. Franzosen so reich sind — sind für den Forscher zu verschiedenen Zwecken sehr nützlich. Alle diese Sachen znsammengenommen könnte man vielleicht nicht unpassend — die geistigen Regesten nennen. Im Talmud und in den Midraschiiu liegen nach allen Richtungen hin viele solche Dinge zerstreuet. Die folgende Erzählung — heutige Anschauungen würden es eine Anekdote nennen— darf hier ihren Platz finden. Eine Bemerkung darf sich daran knüpfen. Der König AgripaS —so erzählt der Talnrud — hat einst Platz gemacht für einen Brautzug. Die Weisen lobten ihn dafür. Aus die Frage derselben: warum er dieses that? antwortete er: Ich nehme melne Krone täglich, ') während diese da (die Braut) ihre Krone nur für die Dauer einer einzigen Stunde Fragt der Leser, welche allgemeine historische Bedentung diese Anekdote hat, so wären wir zu antworten geneigt, daß dieselbe als einer der interessantesten Beiträge zur Geschichte der Galanterie zu betrachten sei Es wäre dies schon au sich interessant gcnung, da G al an te ri e eines der kulturhistorischen Momente der modernen - Zeit ist. ES ist aber mehr. Eö ist ein Beispiel edler, ernster, selbstbeschauender Hni'ianität, welche der vermeintlichen Galanterie ihren edlen Duft gicbt. Galanterie ist eins der seinen Worte, welche sehr angenehm in manchen Ohren klingen, es birgt aber dennoch Sachen in. sich, welche man nicht nennen darf. Die Spanier und Franzosen sind als die galantesten europatschen Völker bekannt. Der Hof von Ludwig XIV. war die GebnrlSstätte der raffinirten Galanterie. Der galante König der Franzo- ׳en wäre keiner solchen Anschannng, wie die angeführte des jüdischen Herrschers , fähig gewesen. Der Mensch ist bei ihm im König un tcrgegangen. Wir haben hier einen kleinen Beitrag zu den geistigen Rege stet! einer längst entschwundenen Zeit gegeben. Sollte dies aber von dem Leser als eine ungernfene Digression betrachtet werden, so bitten wir denselben um Nachsicht. Man darf vorauösetzen, daß der Verfasser des so eben bespro chcnen Buches im ״ ספרא דאד□ הראשון) ehrenvoll erwähnt war. Das Land der Regesten (für jüdische Zwecke) hat Herr Dr. W. zuerst entdeckt. Er möge König daselbst sein, und lange Jahre darin herrschen. Das europäische Gleichgewicht wird hoffentlich durch dieses neue Königreich nicht erschüttert werden. Wir können uns zwar nicht der geringsten Kenntniß auf dem Gebiete rühmen, wohin das vorliegende Buch gehört. Aber seine Dankbarkeit darf jeder auSsprechen. Zu sagen, daß wir diesem Bliche mannigfache Belehrungen entnommen haben, wofür wir auch dankbar sind, kann uns niemand verargen. Dies allein war cs auch, was wir sagen wollten, und deßhalb schreiben wir auch diese Zeilen. Wir konnten nicht mehr thun — aber auch nicht weniger. Wir scheiden mit Achtung von dem Verfasser und seinem Buche. Die äußere Ausstattung des Werkes ist sehr anstäudig. Anmerkungen. ') Dieses spanische Werk ist auch in französischer Uebersetzung vorhanden. Der vollständige Titel lautet: La Politique Dom Ferdinand le Catholique. Traduit de 1' Espagnol de Balta- 7.ar Graden. Avec de Notes. Paris 1732. octavo. 2) Diese Worte finden sich in der angeführten französischen Ucbersctzung S. 168. 3) Der talmudifche Ausdruck שיחת חולין entspricht dem Begriffe nach dem Ana (?). Letztere enthalten größtentheilö leeres Stroh aber ausgedroschen von geistreichen Leuten. ף D. h. diejenigen Ehrenbezeugungen genießen, welche der Krone gebühre». 5) Wir lassen hier auch die hebräischen Worte folgen: אגריפס המלך עבר מלפני הכלה ושבחוהו חכמים; אמרו לו: מה ראית? אמר להם אני נוטל כתר בכל יום וזאת נוטלת כתרה שעה אחת (Semach. Abschn. 11). Der Ausdruck ״die Krone nehmen" verdient lerikalisch bemerkt zu werden. 9) In unserem ״Zur rabb. Sprachkunde (S. 36)" haben wir ,.Einiges über diesen Ausdruck mitgetheilt. Nachbemerkung der Redaktion. , Der vorliegende Theil reicht bis zum Jahre 1491 und gibt den Inhalt von 1400 Urkunden wieder. Das Werk bereichert zunächst die Kenntniß der Spezialitäten, welche die jüd. Volkögeschichtc betreffen; aber auch die ReligionS- und Literaturgeschichte wird manche der konstatirten Thatsachen zu benützen haben. Das Buch sollte in keiner Bibliothek jüd. Geschichtsfreunde fehlen. Jüngere jüd. Forscher in Ungarn erlauben wir darauf aufmerksam zu machen, daß die Ansarbeitung eines ähnlichen Werkes für nng. jüd. Geschichte ein sehr zeitgemäßes Unternehmen wäre.