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Ben Chananja · 1862-08-29 · 35 (29.8.1862) · p. Seite 298

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
35 (29.8.1862)
Date
1862-08-29
Page
Seite 298 (sequence 6)
Language
German
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298 nach einem modernen Vaterlandc ringen nnd streben. — Gin Volk jedoch gibt'S, ein einziges, bei welchem auch vom Gegenstände des ״antizipirenden Patriotismus,"von den zukünftigen Institutionen, abstrahirt werden muß. Nichtadclige Ungarn, deutsche Nnterthanen und rnffische Leibeigne können für eine Zukunftsidee schwärmen. Die Inden nicht. — Andre Völker, die sich jene Idee der Gerechrigkeit und Humanität, welche die Seele der jüdischen GeschichtSreligion ist, erst nach einem langen historischen Prozeß theilweise aneignen konnten, sind befähigt, dieselbe ins Leben cinzusührcn. Die Juden nicht. — Bei allen euro- Päischen Völkern ist die Lösung des großen sozialen Problems, an welchen sie seit der ersten französischen Revolution arbeiten, ohne sie noch gefunden zu haben, selbstverständlich; sie haben wohl, meinen Sie, ihre ״Constitutionen" schon in der Tasche? — Bei den Inden dagegen, die bereits im Alterthnmc, so weit die damals noch unentwickelten Arbeits- und Verkehrsvcrhältniffe cS zuließen, ihr Volksleben ״nach mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen" gestalteten, ist die Lösung jenes Problems unmöglich. Wie kommen Sic dazu, allen andern Völkern den Glauben an eine neue humanitäre Schöpfung, den jüdischen Glauben an die mcssianische Weltepoche, zu vindiziren, und ihn dem jüdischen Volke selbst abzusprechen?. (Schluß folgt.) Korrespondenz. fi. Lundenburg, 20. Aug. Die hiesige Gemeinde hat den Bau einer neuen Synagoge definitiv beschlossen; die Vorarbeiten wer- Len nächstens in Angriff genommen. 1r. Temesvar, 25. Aug. Vor. Woche fand an der hiesigen Musterhanptschulc die Iahreöprüfung statt. Alle Anwesenden sprachen ihre wohlbegründctc Zufriedenheit aus. Die Anstalt leistet in der That Ausgezeichnetes. Glänzend fiel auch die Prüfung in der Vorstadt Fabrik aus. Die Wahl unseres künftigen Seelenhirtcn ist noch in der Schwebe. Derselbe soll im Talmud ein würdiger Nachfolger Oppenheim'S sein und klassische Gelehrsamkeit besitzen. A Szabadka, 25. Aug. Unsere Gemeinde ist ein wahres Vorbild der Friedensliebe. Wir hatten die Kantorstelle zu besetzen. Die Meinungen theilten sich zwischen zwei Kandidaten, und siehe,— es wurden zwei Chazanim angestcllt. Jeder Sabbat wird nach dem an demselben fungirendcn Chazan genannt, wie dies im Alterthume unter R. Gamaliel und R. Eleazar b. Azarja der Fall war. Unser H. Rabbiner hat sich kontraktlich verpflichtet, »ach Ablauf von 3 Iahrcn ungarisch zu predigen. Die Jugend sieht dem Eintritte dieses Termins mit Sehnsucht entgegen. Der hies. Gymnasial - Direktor, Hr. Paul Jämbor, als Dichter und Prediger hochberühmt, versorgt einen armen jüd. Gymnafialschüler mit Büchern und Kleidungsstücken. Gin Lebechoch dem edlen Priester! Aus dem Barscher Komitat, im August. Noch sind keine 2 Dezennien verflossen, seitdem den Juden erlaubt ist, sich in die fern Komitate niederzulaffen und schon finden wir mehrere Gemeinden. Komitsrabbiner ist H. Liebmann, dessen Sitz in Löva ist. In diesem Orte haben die Juden eine schöne Synagoge, die »ach dem neuen Ritus gebaut ist. In der von L6va 2'/,! Meilen entfernten Stadt St.-Benedek ist auch ein Synagogenbau in Angriff genommen und haden die hierauf bezüglichen Vorarbeiten schon begonnen. B. Literarische Anzeigen. Regesten zur Geschichte der Inden in Deutschland während des Mittelalters. Bearbeitet von Dr. M. Wiener. I. Theil. Hanover. Halm'schc Hofbnchhandlnng. 1862. 8 XVI. 257. Angez. v. Lcop. Dukes. Regesten verhalten sich zu Geschichte, wle Buchstaben zu Wörtern und wie Wörter zn Sätzen. Sie sind das rohe Material zur Geschichte. Man könnte sic die Atome der Geschichte nennen. Die Gaben der Menschen, so wie auch ihre Bestrebungen, sind verschieden. Herr Dr. Wiener hat seit geraumer Zeit auf die Quellen der Geschichte der Juden seinen forschenden Fleiß gelenkt. Seine Herausgabe des שבט יהודה und ähnliche Arbeiten ans diesem Gebiete sind als vollgültige sprechende Beweise seines Fleißes und seiner Fähigkeit zu betrachten, nnd sic wurden mit allgemeinem Beifall ansgenommen. Herr Dr. Wiener hat in dem vorliegenden Buche mit einem außerordentlichen Fleiß aus den verschiedenartigsten Werken historische Ginzelnheiten herausgehoben. Dieser Fleiß verdient die größte Ancrkcnnung. Forscher nach verschiedenen Richtungen hin werden zur Zeit in diesem Buche Bclehrnngeu aller Art finden. Insofern dieses unser!» Wissen nach das erste jüdische Buch dieser Art ist. wird es Wohl einige Zeit dauern. bis sich die Leser damit bekannt machen werden. GS enthalten die Regesten die Geschichte des innern bnrgerlichen Lebens einer Zeit. Die Kenntnis! desselben hat ihren eigenthümlichen Nutzen. wie alte Inschriften, Münzen nnd s. f., welche selbst keine Gedanken, sondern Thatsachcn enthalten, die aber andere zu Gedanken anregen können. Die Geschichte des Mittelalters hat überhaupt wenig Gedanken, gerade wie die Geschichte des Orients. Es war höchstens ein Krieg, welcher in diesen traurigen Zeiten etwas Bewegung in die tobte Masse brachte. Bewegungen dieser Art aber haben gewiß nichts an sich, was in irgend einer Art der ächten Humanität Zusagen könnte. Die allgemeinen traurigen Verhältnisse der Zeit machten es ganz natürlich, daß die Verhältnisse der Juden noch trauriger waren. Der geringe Antheil, welchen wirkliche Bildung am Leben hatte, sprich! sich allenthalben aus. Waö die jüdische Geschichte des Mittelalters betrifft, so ist dieselbe nur die Geschichte der Geduld der Juden (um das Gelinderte zu sagen) und die Geschichte des Mangels an Humanität der Christen. Das, was die Geduld der Juden stärkte und erhielt — die Religion — war eö auch, welches die Inhumanität der Christen anfachtc ,nnd erhielt. Die Juden warteten aus den wirklichen Messias. Näheres ist nicht über denselben bekannt, so bleibt der Phantasie des Einzelnen Raum genug übrig, sich nach seiner eignen Ansicht denselben auszumalen. Die Idee, einen Messias ans Aktien zu gründen, war damals noch nicht gefunden. Es tauchen nämlich seit einigen Jahren, von Polen und andem Ländern her, wo wenig Bildung herrscht, allerlei Projekte auf, Lie Inden, so viel ihrer wollen, nach Palästina als Ackerbauer zu senden u. s. f. Man hat kürzlich in diesen Blättern manches darüber gelesen. Man könnte wohl auch den Tempel in Jerusalem bauen.

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