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Ben Chananja · 1862-08-29 · 35 (29.8.1862) · p. Seite 296

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
35 (29.8.1862)
Date
1862-08-29
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
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296 den übrigen Nationen, trotz ihrem Festhalten an der hergebrachten monotheistischen Idee und ihrer fast hermetischen Abschließnng von den heidnischen und pantheistischen Völkern, uns dennoch auf dem Gebiete der jüdischen Literatur gewisse Vorstellungen und Anschauungen entgegentreten, von denen sich mit Gewißheit behaupten läßt, daß sie aus fremden Kreisen in den jüdischen eingedrungen sind. Wie auch die jüdische Glaubenstheorie der der anderen Welt schroff entgegenstehen mochte, wirkten dennoch gemeinsame Lebenspraris, Bekanntschaft, Umgang, Berührung mit anderen Völkern zu mächtig auf sie, als daß sie sich den temporären Ansichten, Sitten und Gebräuchen, die eben im Schwünge waren, gänzlich hätten entschlagen können; vorwiegend jedoch gelang eS dem Hellenismus durch den ihm eigenen Reiz, alle Schranken zu durchbrechen und auf jüvischein Grund und Boden sich einheimisch zu machen und wie selbst unsere moderne Welt, obgleich von der Sonne deS Monotheismus bestrahlt, in ihren Kunstgebilden, Dichlungen und Darstellungen die reichen poetischen Quellen Hellas' nicht zu ignoriren vermag, wie Maler, Bildhauer, Sänger und Dichter selbst in unserem vorgeschrittenen Jahr- Hunderte sich nicht schämen, den künstlerischen Genius dieses poesiereicheu Volkes aufzusuchen und dessen Mythenwelt zik benützen, also haben auch unsere Altvorderen, namentlich in den Schöpfungen u. Erzeugnissen ihrer regen Phantasie, im Midrasch und Hagadah, den Mytos der Griechen durchaus nicht verschmäht, wie dies sogleich durch Belege dargethan werden soll. Kenntnis und Verwendung der griechischen Sagen von dem Procrustus-Bette, von Herakles am Scheidewege, vom Ariadnefaden, vom kretischen Labirynth, von Centaureu und Minetauren, von dem Gewände des Nessuö, von der Fluth des Ogyges im Midrasch hat bereits Hr. Dr. Sachs ') nachgewiesen; es sind aber außer den angeführten noch unzählige Bilder, Gleichnisse, Wendungen und Auspielungen in den Midraschim anzutreffen, denen man es beim erstem Anblicke ansieht, daß sie einer griechischen Mythe ihren Ursprung verdanken. So wird z. B. zu der sinnigen Betrachtung im Midrasch '2) über d e wunderbare Erhaltung u. d. Fortbestand Israels trotz der unzähligen Verfolgungcn und Aufechtungenj, denen es stets auSgesetzt war, folgendes Gleichniß angeführt ד״א אחם נצבים משיל. Ein Held wälzte einst einen ungeheuer großen Stein von der Ebene bis zum Gipfel eines Berges hinan, emporgerollt jedoch stürzte die ganze Last wiederum zurückrollend auf ihren ursprünglichen Standort; so war Israel stets ein Stein des Anstoßes für die Völker, den sie gern anö dem Wege geräumt hätten; doch das Werk gelang nicht und der Stein fiel auf ihr eigenes Haupt zurück. Wer möchte hier die Sage vom Sisifns-Steine verkennen? Ein anderes Beispiel Rabbi I. b. K. sprach.a) טוב תרי״ מתלת וי לה לחרא" Ebenso entschuldigt sich R. S. b. Eh. durch die Phrase: ״דאזל, ולא אתיא.״ ״משתים נעשו שלש״ Hier ist doch unläugbar der Mythos des Oedypus, dem die Sphinr folgendes Räthsel aufgab: Es ist ein Thier, das am Morgen vierfüßig, am Mittag zweiu. am Abend breifüßig ist, das Ödypuö dahin löste: der Mensch ist dieses Thier, das am Morgen seines Lebens auf Vieren geht, dann auf Zweien, und endlich am Abend seines Lebens einen Stab als dritten Fuß gebraucht. Aus dein bisher Gesagten geht jedoch nur so viel hervor, daß die dichtende Phantasie der Midraschlehrer den Vorgefundenen Stoff in der griechischen Mythologie und Heroologie fleißig zu neuen, dem jüdisch-religiösen Bewußtsein adäquaten Schöpfungen benützt und verwendet haben, wagten aber sie auch den Namen eines heidnischen Gottes auszusprechen? ES muß diese Frage entschieden mit Ja beantwortet werden, denn wir finden allerdings sowohl in der Haggada als in d. Halacha im Talmud sehr oft griechische und römische Göt ternamen so: אסרודיטי (י — Venus, 5) ־=• ארקולס Herkules, 0)מרקולס — Merkur, הרמיז (ז — Hermes, 8) אתינא — Pallas, Athene und ")גסא דרומא Capitolinus, als Beinamen des Jupiter von dem größten und prachtvollsten seiner Tempel zu Rom, der auf dem Capitol stand לוקוס Avxaios als Beinamen des Zeus. Es liegt aber die Frage auf der Hand, wie unsere Alt-Rabbinen, deren Echtgläubigkeit dock gewiß erhaben über jeden Zweifel dasteht, im Widerspruche mit der Thora, welche ausdrücklich lehrt: ״ושם אלהים אחרים לא תוביהו״ heidnische Götter beim Namen nennen konnten? Diese Frage aber wird schon von Tosafot aufgeworfen. Folgendes sind ihre eigene Worte. הקשה ר״ת האיך מזכירין שמה כיון שאינו כתובה בתורה עבר אושם א״א לא תזכירו? וא״רת הקילוס לשון 51) שבה וחכמים כינו אותה לשון לעג וקלס.. Ab. Zara 50 a.) Allein es gehört durchaus nicht viel Scharfsinn dazu, um die Unstichhaltigkeit dieser Erklärung einzusehen, indem diese Rechtfertigung ausschließlich auf den Merkur paßt, während wir gezeigt haben, daß die Nennung griechischer Götter im Talmud durchaus nicht vereinzelt dasteht. Eine Zeitlang meinte ich zwar die Rechtfertigung des Talmuds bezüglich der in Rede stehenden Sache läge in dem von ihm selbst ausgesprochenen Grundsätze לא תלמד״ (״ לעשות אבל אתה למד להבין. ולהורות." Zu welchem Raschi im fünften B. M. 18, 9. hinzufügt: בלומר להבין מעשיהם כמה הם מקולקלים ולהורת״ לבניך לא תעשה כך וכך שזהוא הק נכרים. Ich dachte nämlich die Bestimmung des Schulchan Arach: ‘2) דאסור להזכירה בין לצורך ושלא לצורך dürfte bloß an ihrem Platze sein, wenn die Nennung der Götternamen für weitlichen oder geschäftlichen Zweck, nicht aber, wenn sie zu religiösem Zwecke, um dem Volke die Lehre beizubringen, diese oder jene Handlung zu unterlassen, weil Götzendiener sie zu Ehren dieses oder jenes Gottes üben, geschieht; der Talmud wollte z. B. die Lehre aufstellen, daß man nicht Bäder, in denen Venusbilder ausgestellt sind, besuchen dürfe, wie sollte ihm aber das möglich sein, ohne das Wort Venus auszusprechen? hier findet mithin der Satz: "אבלאתה למר להבין ולהורות" seine volle Anwendung; ein tieferes Eingehen jedoch in die einschlägigen Quellen überzeugte mich bald, daß auch diese Rechtfertigung als unhaltbar erscheine; indem in Wirklichkeit im Talmud Gütternamen nicht etwa bloß Behufs der Darstellung einer Halacha oder einer moralischen Betrachtung, sondern auch bei Erzählungen stattgehabter Evntroversen zwischen Heiden und Israeliten Vorkommen. Es ist demnach außer allem Zweifel, daß die von הגהות מיימני I;1) gegebene Lösung dieses Widerspruches des Talmuds mit der Thora der Wahrheit am nächsten komme. Seine Worte hierüber

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