Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 34 (22.8.1862)
- Date
- 1862-08-22
- Page
- Seite 289 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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289 Unparteilichkeit findet sich mir bei jüdischen Gelehrten, deren Geisteskämpfe im Interesse der Wahrheit geführt werden. Solche geistige Kämpfe sind nicht fruchtlos, wie so manche andere theologische Strcitigkciten: כל מהלקה שהיא לשם שמים סופה להחקים וכד. Ich aceeptirc Ihr großmüthigcS Anerbieten. Mein MeffiaSglaube wäre also historisch weniger gerechtfertigt, als der phantastische des Mittelalters, den Sic den orthodorcn nennen, und mit welchem Sie den meinigcn aus dem Felde schlagen. Zwar geden Sie zu, daß das mcssianischc Reich auch nach orthodorcn Grundsätzen einen schwachen Anfang haben könne; wie ja auch in der Thal alle großen Dinge, alle wichtigen Ereignisse, nicht nur auf dem Gebiete der Cultur, sondern auch aus dem der Natur, mit einem solchen Anfänge beginnen: ganze OrganiSmenreihen, wie ganze soziale Reiche, beginnen mit einem unscheinbaren Keime. Der äußern Erscheinung, von deren Großartigkeit die Welt in Erstaunen gesetzt wird, geht immer eine verborgene, stille, innere geistige Arbeit vorher. In sofern stünden meine Bestrebungen mit der orthodorcn Anschauung des geistigen Vorläufers, mit dem welthistorischen Gesetze vorläufiger Entwickelung und dem Naturgesetze anfänglicher, unscheinbarer Keime im Ncbcreinstimmung. — Aber in Betreff der vollen Verwirklichung unserer messianischen Hoffnungen befände ich mich doch, wie Sie meinen, im Widerspruch mit der Orthodorie und dem Weltgesetzc, welche diese Verwirklichung von einer eminenten Persönlichkeit abhängig machen. Ich könnte mich schon mit Ihrem Zugcständniß des Anfangs begnügen. Die eminenten Persönlichkeiten bleiben nie ans, wo der 'Keim des Patriotismus und daö Streben nach Wiedergeburt einmal in einem Volke Wurzel gefaßt haben. Die Nationen, welche sich erheben, produziren diese Persönlichkeiten: dieselben, waren niemals die Schöpfer, sondern die Produkte einer gewissen Bewegung — und die Geschichte hat bewiesen, daß cs auch solche jüdische Persönlichkeiten geben kann. — Indessen Sie stellen meinen MessiaSglanbeu dem orthoderen, und meine Bestrebungen den ächt jüdischen prinzipiell gegenüber. Die Letzter» charakterisiren Sic durch Bibelverse, welche Alles der allmächtige» ״Hand" überlassen, die nicht ״verkürzet" sei. Sie charakterisiren damit zugleich den theologischen Standpunkt, aus den Sie sich selbst schließlich stellen, um meinen historischen als angeblich philosophis chen zu verwerfen. Sie halten das ״Wort Gottes״ gegen ״Menscheusatzungcn" aufrecht.Sie wollen mich wohl bekehren? Wären Sie nicht als Talmndist und jüdischer Forscher bekannt, ich würde Sie für einen jener modernen jüdischen ״Geistlichen" halten, die sich vortrefflich zu einem christlichen Theologen qnalifiziren, und die man nur darüber beklagen kann, daß sie ihre Karriere verfehlten. Bei solchen Geistlichen, die nicht unpunktirt hebräisch lesen können und mit der Bibel einen Götzendienst und — eine Industrie treiben, fände ich Ihre Argumente ganz in der Ordnung. Sie aber wissen besser, als ich, daß unsere Autoritäten, welche das Judenthum geschaffen, conservirt und fortgcbildet haben, mit den Werken ihres eignen Geistes keine» Götzendienst treiben konnten. Sie können unmöglich die kritiklose Orthodorie einer später» Zeit, gegen welche ich mich allerdings im Gegensätze weiß und bekenne, mit dem biblisch-talmudischen Indenthume verwechseln, mit dessen keineswegs fantastischen Misstaöglauben ich mich in vollster Uebereinstiinmnug befinde. — Sie wissen, daß die größten jüdischen Autoritäten des AlterthumS und Mittelalters die nationalc Wiedergeburt auf natürlichem Wege erwarteten. — CyruS wird schon von den Propheten des babilonischen ErilS ״der Messias" genannt, obgleich er nicht ans dem Hause David stammte, und Bar Kochba wurde von unserm größten Mischnalehrer, von R. Akiba, als Messias proklamirt, obgleich er nicht ans den Wolken herab gefahren kam. — Sie wissen auch, wie und wann der phantastische MeffiaSglaube entstanden ist. AIS unsre letzten Ausstände gegen die römische Herrschaft im Blute unserer heldenmüthige» Väter erstickt waren, als bei fortgesetzter Empörung gegen die Unterdrücker dem Judcnthume gänzliche Vernichtung drohte, da erklärten unsere Autoritäten — zuerst, wenn ich nicht irre, ein Ben Chananja, R. Jchoschua, mit dem danials beliebten Anschluß an einen Bibelvcrs — daß die Erlösung durch keine menschliche Hülfe hcrbeigeführt werden dürfe, sondern dem Himmmel allein überlassen bleiben müsse. Nur in den schlimmsten Zeiten unseres Erilö suchte und fand man in einem fantastischen MessiaSglaubcn, der damals seine volle Berechtigung hatte, Trost und Hoffnung inmitten einer trostlosen und verzweiflungSvollen Gegenwart. Heute dagegen würde der alte Bcn Chananja in meinen nationalen Bestrebilligen schwerlich etwas Antijüdischeö oder Hctcrodores finden, und es seinem modernen Namensvetter fühlen lassen, was der jüdische Messiasglaube, was jüdischer Patriotismus ist. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenz. f■ Karlsbad, 8. August. Wie bcneidenswcrth sind wir NNgarischcn Inden! Nicht nur jede wirkliche, sondern auch jede vermeintliche Ohrfeige, welche ״einer von nnseren Leuten" empfunden hat oder empfunden haben soll, ist der Wiener Tagespresse Gegenstand vielfachcr, zum Theil sarkastischer Erörterungen; den Ohrfeigen, welche in Böhmen und Mähren ausgetheilt werden, widmet kein Publizist auch nur ein einziges thcilnehmendes Wort! In den böhm. Bädern habe ich aus den zuverlässigsten Quellen die Gewißheit geschöpft, daß die wenigsten Stadt- und Dorfgemeinden ihre jüdischen Einwohner in den Gcmcindeverband anfgcnommen. Die Inden bilden besondere politische Gemeinden! Diese Ohrfeige trifft Tausende unbescholtener, zum Theil verdienter Staatsangehörigen. Die Geburtsscheine, welche die Rabbinen ausstellen, müssen, um glaubwürdig zu sein, von d. kath. OrtSgeistlichcn mitunterzcichnet werden. Diese Ohrfeige trifft gelehrte, würdige Männer, die auch bei den Behörden in wohlverdientem gutem Ansehen stehen! Bei Ehescheidungen muß sich sogar der Eben Ha-Ezer oder das jnd. Eherccht eine Ohrfeige gefallen lassen! Warum schweigen die Her, ren in Wien zu all diesen Ohrfeigen? Dringt sich nicht die Vermuthung auf, daß sie bei Besprechung der sehr beliebten ung. Ohrfeigen nicht so sehr eine allgemein humane. als vielmehr eine ganz spezielle, übrigens nicht schwer zu crrathende Tendenz im Auge haben? Ofen, Mitte August. Das ung. Israel befindet sich in finanzieller Beziehung in einer Lage, um welche es manche Minister beneiden dürften: eö ist ordentlich in Verlegenheit, was es mit dem bei der h. Regierung angelegten Gelbe anfangen solle. Jüdisches Gimnafium, Lehrerbildungsanstalt, Rabbinerseminar, Unterstützung ärmerer Gemeinden zu Schulzwccken, — dies die Vorschläge, welche bisher zur Sprache kamen. Die verfügbare Summe würde noch bedeutend steigen, wenn die Musterhauptschulen, wie Viele wünschen und vorschlagen, von den bezüglichen Gemeinden übernommen würden. Der Ursprung der Musterhanptschnlen ist merkwürdiger Weise bisher von keinem der Wortführer erwähnt worden; es hat aber damit folgende Bewandniß. Die 1851 von der Statthalterei berufenen VertrauenSmänner haben vorgeschlagen, daß in Ungarn fünf AorbereitungSschulen gegründet werden solle», um dem zu gründenden Rabbinerseminar tüchtige Zöglinge z uz u führen. Der Vorschlag ist von der Statth. d. Kultusministerium unterbreitet worden. Wie es kam, daß in der Folge aus den theol. VorbereitungSschnlen