Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 32 (8.8.1862)
- Date
- 1862-08-08
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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270 mente enthält, sich die Sprache der Juden eher der geschriebenen nähert als der gesprochenen, was ich dem Umstande zuschrciben zu können glaube, daß die meisten Aus- und Einwanderungen der italienischen Inden aus Mittelnach Oberitalien geschahen. Noch eine sonderbare Erscheinung an dem jüdisch-italienischen Sprachgebrauch nruß ich erwähnen, die besonders bei Uebersetzung der Schrift und hauptsächlich der rabbinischen Bücher sich zeigte, nämlich daß manche neue italiänische, übrigens in d. Sprache meistens wurzelnde, Wörter und selbst Wendungen und Redensarten gestempelt wurden, um den Sinn der betrefsenden Stellen schneller, vorgeblich begreiflicher, und wo möglich wörtlich ja buchstäblich wiederzugebeu; sic Übergingen unvermeidlich in den Styl und trugen freilich nicht bei, den sonst nicht eben lautern Geschmack zu verbessern. Das 18-te Jahrhundert war für die Juden der Halbinsel, was die allgemeine Cultur und die Pflege der Landessprache betrifft, ein Zeitalter des Sillstandes, wenn nicht des Rücktritts. Die Rabbinen, ehemals bei uns fast die einzigen Gelehrten, die noch im vorigen Jahrhunderte auch als italienische Schriftsteller sich auszeichneten, verzichteten nunmehr auf alle Kenntnisse, die auf die studj sacri, wie man die hebräischen, im Gegensatz der profani (weltlichen), nannte, und besonders auf die Ritualtheologie keinen unmittelbaren Bezug hatten, nicht etwa aus Abneigung gegen Literatur und Wissenschaft, sondern aus Furcht, daß andere Beschäftigungen sie und ihre Jünger ihrem Hauptzweck entfernen könnten. Sie vernachläffigteu aber weder das Studium des Hebräischen, in welchem beinahe jeder Rabbiner dichtete, noch der Bibel, die den Hauptgegenftand des Unterrichtes bildete; denn in dem Talmud wurde von jeher in Italien nur die reife, sich dem Rabbinate widmende, oder dieser Wissenschaft geneigte Jugend unterwiesen. Andererseits fuhren die Rabbineu zwar fort, italienisch zu predigen, aber in Betreff der Sprache blieben sie auf dem unrühmlichen Standpunkt des vorigen, in Hinsicht der ital. Literatur berüchtigte» Jahrhundertes stehen, wo der Styl jenen lächerlichen, sprichwörterlich gewordenen Schwulst bekommen hatte, der nicht nur gegen die Einfachheit d. Id-ten, sondern auch gegen die überschwengliche aber doch correcte Fülle des 16-ten grell abstach. Wiederholte Antithesen, ungereimte Metaphern, kindische Wortspiele waren der reizende Flitterstaat, der die verwöhnten Geister unwiderstehlich anlockte. Diesen Auswuchs, den das darauffolgende Jahrhundert nach und nach von sich abzuwerfen strebte, behielten die jüdischen Prediger noch lange bei, einerseits weil sie dem Fortschritte der Bildung fern standen, und von der italiänische» Literatur nur etwa die hochtrabenden, in scholasticher Form abgefaßten Quaresiuali kannten, anderseits weil jener bildliche, verblümte Styl dem Orientalischen der hebräischen Urkunden nicht unähnlich sah. Und doch hat Italien vielleicht nie so viele tüchtige Rabbinen als in diesem Zeitalter gehabt: Helle Geister, die auf dem Gebiete der Casuistik vorzügliches leisteten,^) und einer verständigen religiösen Erziehung stets das Wort redeten, wie ihre offene Parteiname für den in Deutschland verfolgten Wessely bezeugt. — Was die Laien betrifft, was sollte sie bewegen sich mit der Literatur zu befassen? Antrieb, Zweck, Ermunterung, Mittel und Gelegenheit fehlten ihnen dazu. Fast überall waren sie von jeder Unterrichtöanstalt nnerbittlich ausgeschlossen. Selbst die Uebung der Medizin war den Juden iu Italien, hier nur mit Einschränkungen bewilligt, u. dort völlig untersagt. Lesen, schreiben und rechnen, das und nichts weiter war ihr intellektuelles Bedürfniß. Den Unterricht in diesen Fächern ertheilte gewöhnlich der Rabbiner, der in den mittleren und kleinen Gemeinden Seelsorger, Prediger, Lehrer, Schächter, Sänger und Schreiber war. Die politischen Umwälzungen und die vorübergehende französische Herrschaft änderten sehr wenig an diesen Zuständen. Die Juden haben keine Zeit gehabt, von der precairen Gleichheit Nutzen zu ziehen. Vielleicht haben sie es verabsäumt; die Ereignisse hatten sie übereilt, denn aus eine so große und unerwartete Umformring waren sie nicht vorbereitet. Die bald eingetretene Restauration, ״die nichts vergaß n. nichts lernte," u. nichts Angelegentlicheres kannte, als d. Staatsmaschine in d. alten Geleise wieder einzulegen, bannte fast überall die Juden nach ihren Ghetti zurück, jagte sie aus allen Amtsstuben, aus allen Schulen, aus den erworbenen Gütern; nur der Handel, der für den Hansen im Trödeln n. Hausiren bestand, blieb ihnen offen. Nur das schmachvolle Kennzeichen und das Verbot nach neun Uhr Abends auszugehen, wurden ihnen gnädig erlassen. Im österreichischen Italien allein und theilweise auch in Toskana wurden ihnen die Civilrechte großentheils gelassen; ob sie in diesen Ländern nur Brodwissenschaften oder auch die wenig ergiebige Literatur trieben; ob die echte Bildung. oder nur ihr Schatten die Familien durchdrang, lasse ich dahingestellt. So viel weiß ich, daß die tolle Sucht, selbst den lallenden Kindern die fremden Sprachen eiuzuimpfen noch heutzutage dem gründlichen Erlerneu der Muttersprache Eintrag thut. Französisch, deutsch, englisch, Gott weiß mit welcher Oberflächlichkeit, lehrt man den Kindern, nur nicht italienisch. So wurden die meisten italienischen Juden der Bildüng von neuem entfremdet, und ihre geistigen Bedürfnisse auf die alten spärlichen Verhältnisse zurückgeführt. — Um sich von diesem traurigen Zustande loözumachen, fing man endlich an, Vorkehrungen zu treffen. Hie und da wurden Schulen errichtet, wo vorläufig christliche Schulmänner an-